Blutleer und ausgedampft, Die Nibelungen von Friedrich Hebbel

inszeniert von Michael Thalheimer am Deutschen Theater Berlin

Eigentlich könnte man sehr schell fertig sein, bei Thalheimer mit diesem Blut-, Schicksals- und Rachegedampfe von Hebbel, denkt man sich so vorher, aber es gibt dann über drei Stunden immer wieder Blut satt in allen möglichen Variationen. Trotzdem wirken die Figuren merkwürdig blutleer. Sie sind eingesperrt in einer auf- und absenkbaren schrägen Ebene als einschränkendem Horizont, einem erdrückenden Raum, aus dem es kein entrinnen gibt. Das Ganze ist tatsächlich in eine fiktive Urzeit zurückversetzt. Thalheimer hat Hebbels Tagebücher gelesen und darin seinen Sinn für das Mythische in den Religionen gefunden. Er will das was Hebbel das Verhältnis der Menschen zur Urnatur und ihre Abhängigkeit an unerbittliche Gesetze nennt, aufgreifen. Allerdings wirkt das hier dann manchmal eher wie ein lustiger Familienausflug bei Wikingers mit viel Gegröle und ordentlich Faxebier.

Was bewegt Michael Thalheimer nach der Orestie wieder einen solch schweren Abend einzurichten? Eine neue Facette vermag er mit dieser Inszenierung dem Thema leider nicht abzugewinnen. Immer mal wieder klingt das an, was seine Figurenaufstellungen so berühmt gemacht hat, das kurze Zucken der Protagonisten ausbrechend aus dem starren Rollenkorsett des Stückes, verzweifelt letzte Emotionen andeutend. Thalheimer vermag hier aber nicht wie in seinen früheren Inszenierungen, das konsequent umzusetzen, um die Handlung zu unterbrechen und die dargestellte Schwere dadurch aufzulösen. So entstehen mehr und mehr enervierende Tableaus der Sinnlosigkeit und eine mit Pathos angefüllte Atmosphäre, die durch die nervende Musik noch künstlich aufgeheizt wird.

Gebrüllt wurde bei Thalheimer schon immer viel (von Liliom über Lulu bis zu den Ratten). Nur warum fällt uns das nun auf einmal so unangenehm auf? Waren es erst verzweifelte Schreie gepeinigter Menschen mit denen man sich identifizieren konnte, sind es nun die auf ihre Urlaute reduzierte Wesen, von denen wir uns nur um so lieber distanzieren möchten. Von daher ist es konsequent was Thalheimer machen will, leider können wir ihm da wohl nicht mehr folgen.

Das was Thalheimer eigentlich auszeichnet, ein Stück bis auf seine Grundaussage zu entkernen, gelingt ihm mit dieser Inszenierung nicht, da es außer der sinnlosen Nibelungentreue keinen Kern und auch keine wirklich heutige Lesart für Hebbels Stück gibt.

Die letzte Inszenierung der Nibelungen von Mayenburg an der Schaubühne war auch nicht das Gelbe vom Ei, aber sie hat mit dem Finale in dem eimerweise Blut die Treppe hinuntergekippt wurde, ein eindrucksvolleres Bild geschaffen als die Nibelungen bei Thalheimer, die sich auch noch im Blute suhlen müssen.

So stehen wir letztendlich ratlos vor einer wahrhaft grandiosen Schauspielleistung des Ensembles ohne ein entsprechend gleichwertiges Inszenierungsgerüst darum gesehen zu haben.

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