Der Zerbrochene Krug von Heinrich von Kleist

Eine Inszenierung von Jan Bosse am Maxim Gorki Theater Berlin

Neue Moden am Gorki, denkt man sich, als die Eintrittskarte schon beim Betreten des Foyers verlangt wird. Erst nach einiger angestrengter Wartezeit auf den Einlass, löst sich das Rätsel. Ronald Kukulies als Schreiber Licht drängt sich plötzlich durch die Wartenden und ruft immer wieder energisch nach dem Dorfrichter Adam. Adam zeigt sich auch endlich wie Gott ihn schuf auf dem Tresen der Garderobe, sein Gemächt notdürftig mit den Händen bedeckend. Aber auch das werden wir bald zu Gesicht bekommen, vom sich die letzten Haare raufenden Edgar Selge als jammervollen Dorfrichter, der wie bei Kleist beschrieben, deutlich gezeichnet an Kopf und Körper nun vor uns steht. Und so entspinnt sich denn vor dem wartenden Publikum im Foyer des Maxim Gorki Theaters der erste Auftritt des Lustspiels der Zerbrochene Krug. Was Adam das Gesicht so verrenkt hat, wir wissen es alle und nehmen den Bericht amüsiert auf. Zum Straucheln braucht`s doch nichts als Füße, ja, ja.

Dem so arg derangierten Dorfrichter Adam wird nun durch Licht die Ankunft des wenig willkommenen Gerichtsrats Walter aus Utrecht angekündigt, der über Holla nach Huisum auf dem Wege ist und schon einen Dorfrichter auf dem Gewissen hat, nach dem Prüfen der Kassen. Man versichert sich gegenseitig, das ja hier alles in bester Ordnung sei und nach einigen Flüchen und nachdem sich Selge unter großen Gejohle des Publikums noch einen Mantel aus der Garderobe geschnappt hat, stürmt er die Treppe zum Saal hoch. Endlich Einlass, das „Unheil“ kann seinen Lauf nehmen.

Während man sich in aller Ruhe seinen Platz sucht, wird auf der Bühne noch fleißig gewerkelt. Ein mit Girlanden und Luftballons geschmückter Kultursaal, wie es sie auf Dörfern so gibt, wird für den Gerichtstag von den Bühnenarbeitern wieder hergestellt, mit wappenbestickten Fahnen und einem riesigen Spiegel ausstaffiert. Eine Leinwand gibt es auch, wofür wird man noch sehen.

Nachdem Gerichtsrat Walter, von Jean-Pierre Cornu gespielt, begrüßt ist und sich alle niedergelassen haben, wird endlich der Fall der Frau Marthe aufgerufen, wie von Kleist eigentlich auch vorgesehen. Sie tritt auf, gefolgt von Eve und Ruprecht, alle in modernen heutigen Sachen. Franziska Walser als Frau Marthe trägt einen Jeansoverall, das Korpus Delikti hat sie in ihrer Handtasche. Der Krug in lauter Einzelteilen befindet sich in einer Plastiktüte, die sie aus der Tasche zutage fördert und was nun geschieht, kann man schlecht beschreiben, man muss es einfach gesehen haben.

Nachdem die Leinwand heruntergelassen ist, folgt ein Vortrag mit Hilfe der auf Folien gezeichneten Motive des Kruges, mittels Overheadprojektor an die Leinwand geworfen. Was Frau Marthe den Krug so einzigartig macht, wir bekommen es genauestens mit jeder Scherbe erklärt.
Ich könnte weiter so fortfahren den Abend in allen Einzelheiten auszumalen, allein es würde den Rahmen hier sprengen und nicht im geringsten den Witz dieser Inszenierung vermitteln.

Die Figuren sind so herrlich überzeichnet, Matti Krause als eifersüchtiger Ruprecht, der schon mal seine Aussage fast dahin rappt oder die herrlich trotzige Britta Hammelstein als Eve, ein junger Teenager, der genau weiß, was er will und nur der dumme Klotz von Ruprecht kann es nicht verstehen.

Ronald Kukulies setzt das fort, was er als Tom Wingfield in der Glasmenagerie begonnen hat, er lässt kein „Fett“näpfchen aus und rutscht auf der auf die Bühne gekleisterten Hühnerkacke aus oder verheddert sich im Wust des Papiers worauf er eigentlich den Fall beschreiben soll. Wolfgang Hosfeld ist ein gutmütiger brummeliger Handwerker als Veit Tümpel der auch immer wieder gerne selbst Hand anlegt.

Das ganze ist eine herrliche Farce, Selge macht es sichtlich Vergnügen den Louis de Funès zu geben, er windet sich, rennt auf und ab, bringt Walter schier zum Verzweifeln. Ah, Oh, Nein, wir kennen das und lachen uns schlapp.

Nachdem alles wie bei Kleist so richtig schön festgefahren ist und nur noch die Aussage der Frau Brigitte Licht ins Dunkel bringen kann, soll auf einmal Pause sein. Aber nicht mal das klappt, keiner will gehen, da man sich wie schon zuvor doch nicht veräppeln lassen will. Und so geht es dann auch nach ein paar Häppchen aus der Butterlindnertüte und Sekt für den Gerichtsrat Walter mit dem Auftritt von Cristin König als Frau Brigitte weiter. Sie kann nun die ersehnte Auflösung um Perücke und klumpfüßigen Teufel darbringen und Eve endlich Adam als den Täter entlarven. Wir bekommen nun noch einen flüchtenden Adam und das Zerlegen des so mühselig hergerichteten Gerichtsaals durch Ruprecht geboten, bevor sich alle verbeugen und man nach langem Beifall endlich gehen könnte. Aber weit gefehlt, für Frau Marthe Rull ist die Sache nicht erledigt, sie will wieder zurück an den Polylux und über den Krug lamentieren. Erst als der Eiserne Vorhang unten ist, sind wir erlöst.

Man könnte die Sache auch als Väter der Klamotte abtun. Darf man das nach der Diskussion über Frau Blattners Käthchen am BE? Wird hier nicht wieder Kleist mit seinem Text nicht ernst genommen. Jan Bosse hat sich mit dem zerbrochenen Krug auch eine dankbarere Aufgabe rausgesucht, aber er hält die Komik mit seiner auf Trash gebürsteten Inszenierung auch konsequent von Anfang bis Ende durch. Und somit ist ihm, bei diesen vielen Theaterereignissen des Wochenendes von Nachtkritik ganz unbemerkt, ein nicht geahnter Höhepunkt gelungen.

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