Fabian Hinrichs Ein Koffer voller Schmerzen in den Sophiensaelen Berlin

Meine letzten Vorlesungserfahrungen liegen mit Sicherheit mehr als 15 Jahre zurück, und in unguter Erinnerung daran, habe ich mich zu diesem erneuten Selbstversuch, nicht ohne Koketterie behauptet, auch selbst überreden müssen. Letztendlich gelockt hat mich, die Ankündigung, das Fabian Hinrichs hier „eine Art öffentlichen Rechenschaftsbericht über eine Arbeit, die man mich im übrigen mehr oder weniger nach meinem Gutdünken verrichten lässt“ ablegen will. Was muss man sich darunter vorstellen, wenn ein 35jähriger sich freiwillig wieder auf die harten Sitze der Hörsäle der Freien Uni Berlin setzt und Vorlesungen zur Politikwissenschaft hört, um uns dann an den Ergebnissen teilhaben zu lassen? „Wie werde ich in einer, in eineinhalb Stunden, dieses oder jenes vorstellen können, ohne die Leute allzusehr zu langweilen?“ Eine Frage die sich jeder Besucher vorher auch selbst gestellt haben wird und sicher auch die, was er nun am Ende damit anfangen wird. Diese Antwort verweigert uns Fabian Hinrichs von Anfang an. „Es geht mich insofern nichts an, als ich nicht zu entscheiden habe, was Sie damit machen.“ Also der Programmzettel hilft schon mal nicht weiter. Dafür gibt es ein mehrere Seiten dickes Skript, wie es sich für eine richtige Vorlesung auch gehört. Das Konzept lautet aber „Songs ohne Namen, Interview ohne Namen, Vorlesung ohne Namen“.
Der Autor der Vorlesung, Zeit und Ort bleiben im Verborgenen, wir können nur aus dem Text erahnen, das der Referent bereits in den 20er und 30er Jahren in Jugendberatungsstellen mitgearbeitet hat und eine süddeutschen Dialekt (vermutlich bayrisch) spricht. Aber zuerst, nachdem die Besucher der Vorlesung die auf den Sitzen des Saales liegenden Zettel mit der seltsamen Aufschrift „Reserviert für F. Hinrichs!“ entfernt und sich gesetzt haben, werden zur Einstimmung Gesprächsfetzen, Musik (u.a. Reinhard May), Kabaretteinlagen vom Band gespielt. Fabian Hinrichs sitzt in Jeans und weißem Unterhemd auf einem Stuhl und versucht gegen das Bühnenlicht unsere ersten Reaktionen einzufangen. An die Wand werden mittels Beamer immer wieder Bilderfetzen von Menschen, die einem wahrscheinlich bekannt vorkommen sollen, geworfen.
Endlich beginnt Hinrichs mit den Worten: „Meine sehr verehrten Damen und Herren, der Titel, der für diesen Vortrag ausgewählt wurde, lautet: ‚Der Mensch vor der Frage nach dem Sinn’.“ Es geht also um nichts mehr oder weniger als den Sinn des Lebens.
Spätestens hier dürfte so mancher Zuhörer und mit Sicherheit jeder Kritiker in eine sofortige Sinnkrise geraten. Diese Vorstellung die uns Hinrichs nun bietet entzieht sich natürlich jeder Bewertung, wenn man nicht vor hat ein Essay über den Sinn des Lebens zu verfassen. Das Ganze ist zumindest sehenswert, Fabian Hinrichs trägt in Mimik, Gestik sowie Tonfall den Autor aufs Genaueste imitierend den gesamten Vorlesungstext vor. Es wird kein Versprecher, kein Räusperer und kein „äh“ ausgelassen. Der zum Teil bayrisch eingefärbte Dialekt wirkt komisch, ein verschmitztes Lächeln kann sich selbst Hinrichs nicht verkneifen.
Der Inhalt in Kurzform gebracht, handelt von der ewigen Sinnsuche im Leben. Es werden Beispiele für die gescheiterte Sinnsuche im Selbstmord mit einem „gestorbenen Nein“ als Antwort dargebracht. „Das Sinnlosigkeitsgefühl als das existentielle Vakuum“, das Leiden am sinnlosen Leben. Einen kleiner Lacherfolgt bringt die Beschreibung des Eindringens dieses Leeregefühls anhand des Büchleins „Das Leiden des sinnlosen Lebens“ ohne Visum in die sozialistischen Länder, trotz Einfuhrverbot fürs existentielle Vakuum. Im Weiteren wird von Verhaltensforschung, Reiz-Antwort-Mechanismus und dem Menschen als sich abreagierendem Wesen gesprochen. Wir hören Schlagworte wie Wohlstandsgesellschaft, Konsumgesellschaft, das Erzeugen und Befriedigen von Bedürfnissen, außer des Sinnbedürfnisses des Menschen. Der Mensch als triebgesteuertes Wesen? Alles „erstunken und erlogen“, gesteuert durch die Massenmedien. Nachdem Psychodynamik und Behaviourismus anhand der Widerstandskämpfer im Nazionalsozialismus widerlegt sind, wird der Mensch als sich selbst transzendierendes Wesen erkannt. Ab jetzt wird es hoch philosophisch, Ontologie bzw. Metaphysik halten Einzug und es gipfelt in der Selbstverwirklichung und deren Nebeneffekten wie Sexualneurosen von Männern mit Orgasmusstörungen. Das sorgt immer wieder für Belustigung, genauso wie die Feststellung dass das Leben ja auch nichts weiter als ein Oxidations- sprich Verbrennungsprozess ist, was das sprichwörtliche Erlöschen des Lebenslichtes beim Tode erklären dürfte.
Wo bleibt nun die Antwort auf den Sinn des Lebens? Liegt er in dem was wir tun, kann man Sinn tradieren? „Alle Werte sind tot, es lebe der Sinn!“ Sinnfindung in einer hoffnungslosen Situation, einer unheilbaren Krankheit, Unfall, etc.? „Eine Tragödie in eine persönlichen Triumph zu verwandeln“, als menschlichste aller Fähigkeiten. Suchen sie sich etwas aus. Grundsätzlich ist Sinnfindung für jeden Menschen möglich, ist die Quintessenz des Vortrags. Wer hätte das gedacht? Der Vortrag schließt mit der Feststellung, das jene politische Partei, welche auf die Sinnfrage eine Antwort bietet, von deren Faszination profitieren kann und man hofft das der Staat daran keinen Schaden nehme, „Videant consules!“. Welche Partei wird das wohl sein?
Das alles kennen wir irgend woher und der Meister im Beschreiben politisch, philosophischer Vorgänge in der Gesellschaft am Theater ist auch anwesend, es ist niemand anderes als Rene Pollesch.
Hinrichs hat mit ihm schon die Frage des Verblendungszusammnenhangs zu klären versucht und dieser Abend schließt nahtlos daran an. Mit traumwandlerischer Sicherheit führt er uns wieder hinters Licht, wir gehen ihm mit Vergnügen auf den Leim und die Schilder auf den Sitzen sagen nichts anderes, als das wir nun erleben, was Hinrichs in den Wochen vorher an der Uni durchlebt hat. Wir sehen eine Persiflage dieser hochwissenschaftlichen Welt.
Das Wir als potenzierter Fabian Hinrichs, das ist doch schon mal was.

Comments are closed.