Der Kaukasische Kreidekreis am Berliner Ensemble

in einer Inszenierung von Manfred Karge

Wie oft hat man schon die Chance in einer Woche kurz hintereinander zwei der Brechtstücke zu sehen, die ihm wie keine seiner vielen anderen so am Herzen gelegen haben? Zwei Parabeln über die Stellung des Einzelnen in einer ihm feindlichen Gesellschaft. Es gibt zwei gute Menschen die vor schwere Entscheidungen gestellt werden und die sich erst im Guten Menschen von Sezuan nicht für eine Seite entscheiden können und dann im Kaukasischen Kreidekreis aber gezwungen sind Partei zu ergreifen. Es gibt zwei Konflikte, erst den der Shen Te eines guten Lebens im Schlechten und dann der der Grusche wie werde ich vom Geknechteten zum bewusst handelnden Menschen. Das geht mit einer bestimmten Entwicklung einher. Erst hat sie Mitleid und dann durch das eigene Bringen von Opfern zum Wohle des Kindes entwickelt sie sich bewusst zur wahren Mutterfigur. Nicht das Blut ist entscheidend sondern das Handeln was zum Nutzen des Kindes führt, das ist der Unterschied zum historischen chinesischen Kreidekreis den Klabund bereits vor Brecht sehr erfolgreich ins Deutsche übertragen hat.

Das Einfügen der Rahmenhandlung mit den beiden um ein Stück Weideland streitenden Dörfer in der Sowjetunion nach dem 2. Weltkrieg war Brechts aktueller Kommentar zur damaligen Situation. Nun ist das aus heutiger Sicht sicher etwas blauäugig im Wissen darüber, was Stalins Zwangsumsiedlungen für Leid unter z.B. den Tataren verursacht hat. Das wurde Brecht auch vorgeworfen. Manfred Karge bringt es nun noch einmal zur Relativierung und als seinen aktuellen Beitrag. Allerdings wischt er gleich auch die Dorfbewohner weg und lässt nur noch den Sänger zu, der aus der Vergangenheit berichtet. Sozialismus scheint ihm langweilig gestrig. Das steht konträr zur Aussage des Programmhefts mit einem globalisierungskritischen Loblied auf Brechts Kreidekreis des Schweizer Soziologen Jean Ziegler und dem Abdruck der Übertragung des Kommunistischen Manifests in Verse von Brecht.

Karge zerstört aber so den Parabelcharakter des Stücks über das nützliche Handeln und reduziert den Blick allein auf Grusche. Deren Entwicklung wird aber nicht konsequent dargestellt. Sie ist von Anfang an die entschlossene resolute Frau wie sie sich im Prozess dann gegenüber Azdak positioniert. Der Weg der Grusche wird in Karges Inszenierung immer wieder von der Geschichte des Dorfschreibers Azdak unterbrochen und überlagert so ungünstig ihre Entwicklung. Der epische Charakter jede Szene für sich zu sehen wird aufgelöst und die Handlungen ineinander verschachtelt. Es ist vielleicht dramaturgisch von Vorteil die Szenen des Azdak mit der Grusche-Handlung zu mischen, finden sie ja auch parallel statt, aber es hatte einen Sinn, das Brecht die Handlungen trennte. Der bereits vom Leben enttäuschte versoffene Azdak ist ein weiterer Widerspruch in der Geschichte. Brecht hat lange nach einem sozialen Grund für sein Handeln gesucht. Brecht karikiert einerseits in ihm das alte amoralische korrupte Rechtssystem und zeigt ihn aber auch anderseits als bauernschlauen Lump der das Recht sabotiert und spricht wie es ihm passt. Eine gewisse Enttäuschung gepaart mit dem Wissen, das er die Welt nicht ändern kann, lassen ihn im alten System verharren. Das dabei die Leute seiner Schicht meist besser weg kommen, erscheint wie ein zufälliger Nebeneffekt. Dieter Montag spielt den Azdak bisweilen wie einen Dorfrichter Adam a la Stein und Brandauer, ein Overacting, das unpassend wirkt, ist er doch eigentlich auch immer unsicher, ob dem was ihm passiert. Und so sind leider auch alle anderen Figuren merkwürdig überzeichnet und in ihren Gebärden besonders in der Grusche doch eher auf Empfindung getrimmt als auf Darstellung eines Charakters.

Unbestritten dagegen ist Brechts Stellungnahme im Stück in Bezug auf Kriege in jeglicher Art. Kriege finden auch heute noch im Zeichen der Globalisierung statt, nur sind sie hier in Deutschland noch nicht allgegenwärtig. Und nicht Peymann möchte ich hier aus dem Spiegel zitieren sondern Thomas Brussig: „Noch haben wir nicht das elektrisierende Ereignis, über das alle reden und das jeden zwingt, eine Meinung zum Afghanistan-Einsatz zu haben. Es gibt deutsche Opfer, und es gibt Verrohungstendenzen unter deutschen Soldaten, aber unterhalb der Schmerzgrenze. Wir geraten unmerklich in Zustände hinein, bei denen sich hinterher alle entsetzt fragen: Wieso haben wir da nicht früher reagiert?“
Auch Karge reagiert nur zögerlich, alles bleibt so unbestimmt. Soldaten in Sowjet-Uniformen irritieren nur, als das sie allgemeingültig für Kriege herhalten könnten. Karge vermischt etwas, was aktuell unverständlich wirkt, Stalin-Greuel mit den Kriegen der Mächtigen in denen Menschen nur als Mittel zum Zweck dienen und immer die Verlieren sein werden.

Da die Provokation in Karges Inszenierung so undeutlich ist, taugt sie nicht. Seine Interpretation ist sicher nicht verstaubt, sie hebt mein Brechtbild aber auch nicht aus den Angeln.

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