Pilatus oder manchmal kimmt es anders als Mann denkt

Ein kleines Satyr-Spiel für Oberammergau in 3 Akten und einem Epilog

 

1. geänderte Fassung, Mai 2010

Personen:
Der große S, ein Schauspieler
Der Regisseur
Die Assistentin
Die Souffleuse
Die Kritikerin
L, ein Jesusdarsteller
Der Wirt
Ein Zeitungsjunge
Statisten

Ort der Handlung:
Festspielhaus Oberammergau
und das Kinocafé von Oberammergau

1. AKT

Generalprobe für die Passionsspiele.
Es wird die Pessachfestszene vor dem Palast des Pilatus geprobt.
S (spielt den Pilatus): Sehet was ein Elch… äh…lass diesen Kelch… verflixt.
Regisseur: Jetzt hoat der scho wieda sei Tekscht voargessen. I fasset net. Mariiiaa!
Souffleuse: Ich weiß nicht wo der ist, das steht hier alles nicht.
Regisseur: A Mönsch, a Mönsch, Himmi sacra. Woa isch denn doar Jesus hi?
Assistentin: Der L hat sich im Kinocafè besoffen. Den kriegen wir nicht wach.
Regisseur: Mei, Andrearl, dann hol hoilt oan andren Deppen, dös kriegt doch a jeder hi.
S: So kann ich nicht arbeiten, wen soll ich denn jetzt ans Kreuz nageln?
Regisseur: Du learn arscht amoi dei Tekscht, zefix no amoi.
S: Was man sich hier so sagen lassen muss, ich spiele ja sonst nur beim Stein.
Auftritt des Volkes mit Castorfmasken: Greizischt ihn, Greizischt ihn.
Regisseur: Wos hoabn di gsagt, Maria?
Die Souffleuse blättert aufgeregt im Textbuch und zuckt hilflos mit den Schultern.
Assistentin: Die haben uns versehentlich die Statisten vom neuen Schlingensief aus Sachsen geschickt.
Regisseur: Na pfüat di, dös übarleb i net. Andrearl moach Du dös weida. I broach a Weißbier uand a Brezn.
Geht ab.
Vorhang

2. AKT

Im Kinocafé. Der L, auf den Knien, wischt den Boden. Der Wirt steht daneben. Auftritt des Regisseurs.
Regisseur: A Bier uand a Brezn, abar fix, i kriag a Krisen. Woas mochst Dua do L?
L schaut nicht hoch und wischt weiter.
Wirt: Der koa net zahln.
Regisseur: Mei, schreibs hoalt bam Schlingesief oa. Der kimmt eh bald uand uabernimmt dös hia.
Wirt ab. Die Assistentin kommt aufgeregt ins Cafè.
Assistentin: Der S hat sich vor den Castorfmasken so erschrocken, das er in Ohnmacht gefallen ist und hat dann ständig fantasiert, das ihm der L seine Spiralnägel geklaut hat. Jetzt will er nicht mehr sprechen.
Regisseur: Woas hoat der? I wir narrisch. Spinnst ihr aolle? Da soll hoalt die Maria den Tekscht aufsagn uand er wackelt mit da Pappen.
Sieht den L strafend an.
L: Ick hab nüscht jemacht. Weß ick doch nich, wat dem so durch de Birne rauscht. Ick hab och keen Bock mehr. Der spuckt ma dauernd an bein Dekla…kla…, wat weß ick wie dit heßt.
Regisseur: Jetzt schloagts 13. Dua moachst hia waos i soag. Uand geh di duschn vor da Masken.
L: Duschen? Dit ham wa bein Petras nie machn müssn. Dit nennt man denne S-o-z-i-a-l-i-s-t-i-s-c-h-e-n N-a-t-u-r-a-l-i-s-m-u-s.
Regisseur: Schmarrn. Mia san hia in Obarammagau, da kimm de Leit gwaschn ans Kreiz.
L maulend ab: Son Scheiß, menno.
Regisseur: Andrearl, woaßt, so werd dös nix mit uans zwoa uand Bayreuth. Host me?
Die Assistentin nickt traurig, beide ab.
Vorhang

3. AKT

Nach der Premiere im Kinocafé.
Am Tresen sitzen der Regisseur und die Assistentin. Der große S trinkt mit einer bekannten Kritikerin am Tisch Wein. L liegt unterm Tresen und schnarcht. Die Uhr über dem Tresen zeigt 2:00 Uhr morgens. Der Wirt stellt 2 Kästen Bier auf den Tresen und 4 Flaschen Rotwein dazu und verabschiedet sich ins Bett.
Regisseur (stark betrunken): I bin aus, Andrearl, di solln do heuer no amoi mitm Schlingesief waida moachn. Host mi? Bayreuth, Bayreuth, wia kimmi.
Assistentin: Das war aber auch eine starke Szene. Wie einst beim Schleef, wie die da immer wieder gerufen haben. Mir läuft es immer noch wie ein Schauer über den Rücken.
Kritikerin: Herr S, das war so bildgewaltig, wie Sie diesen ungewaschenen langhaarigen L da dominiert haben.
S: Ja, wie in alten Zeiten, beim Stein. Nach Moskau, nach Moskau. In diesem Bauernregietheater kann man ja kaum noch zeigen, was man so wirklich drauf hat.
Im Oktober muss ich dann leider nach Leipzig. König Lear beim Hartmann.
Kritikerin: Sie Ärmster. Das wird ja sicher fürchterlich für Sie.
S: Genau, ich habe mir die ganzen alten Videos von der Schaubühne eingepackt. Das kriegen diese Ossis mit ihrem regievolkseigenem Leipziger Allerlei nie hin.
L, unterm Tresen, ist erwacht und lallt: Ick werd Dir wat S, son Scheiß, ma sehn wat die da morjen widda jeschrieben hat. Is noch Bier da?
Greift sich eine Flasche und trinkt auf ex.
Vorhang

EPILOG

Nächster Tag im Kinocafé. Es ist 12:00 Uhr. Alle bis auf L sitzen mit Gepäck am Tisch. Die Kritikerin ist weg. Es werden Aspirin verteilt. L sitzt in den selben Klamotten wie gestern nacht da, ein Basecap tief ins Gesicht gezogen. Er bestellt: N Bier und n Kurzn.
S: Weiß noch jemand wie das gestern nacht ausgegangen ist? Ich hatte einen totalen Filmriss.
Alle zucken mit den Schultern. L grinst und trinkt sein Bier.
Ein Zeitungsjunge kommt rein.
Zeitungsjunge, ruft: Extrobload, Extrobload, Umfoi in Obarammargau!
Regisseur: Wos hoast gsagt? Geh her da. Is da scho a Kritik drin?
Reißt dem Jungen eine Zeitung aus der Hand. Er fängt leise an zu lesen und wird immer röter im Gesicht, bläst die Backen auf und lässt die Zeitung fallen.
Regisseur: Die Kuah, die ranzige. Andrearl, aus is mit Bayreuth.
Er schlägt den Kopf auf den Tisch.
Die Assistentin nimmt die Zeitung und liest flüchtig vor: …postschleefsches Regietheater… aberwitzige Schaumschlägerei…die Fortsetzung des Programmhefts mit anderen Mitteln.
Ihr huscht ein leichtes Lächeln über das Gesicht.
S: Weiter, weiter, was steht da über mich?
Die Assistentin liest weiter: …dekonstruierte Demonstrationsmaschine…merkwürdig sprachlos… castorfscher Brutalo. Will er so den Lear in Leipzig vorwegnehmen?
S sinkt zusammen: Ich bin blamiert, dieser unfähige Stammtischregisseur.
Er stürzt sich auf den Regisseur. Sie rollen über den Boden.
L bestellt sich grinsend noch ein Bier und einen Kurzen.
Die Assistentin liest weiter: Weiterhin konnten wir aber die Auferstehung eines Totgesagten in der Rolle des Jesus erleben. L überstrahlte alle, fernab jedweder Text- und Menschenverachtung reicht er uns eine Hostie der Verzückung.
L grinst noch breiter und nimmt das Basecap ab. Er streicht sich durch das fettige Haar. Auf seiner Stirn steht groß mit Edding eine Telefonnummer geschrieben. Die Vorwahl ist leicht verwischt.
Vorhang
Jubel, Beifall, Bravorufe und vereinzelte Buhs vom Band.

ENDE

Ich widme dieses kleine Stück Herbert Achternbusch, Frank Castorf; Christoph Schlingensief, Armin Petras, Rene Pollesch, Andreas Kriegenburg, Michael Thalheimer und allen anderen von Herrn S. verkannten Genies. Den Regisseur muss der Sepp Bierbichler spielen, der kriegt das auch mit dem Bayrisch besser hin.

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