Mut zu(r) Lükke – „Die Überflüssigen“ von Philipp Löhle

inszeniert von Dominic Friedel im Studio des Maxim Gorki Theaters Berlin

Wie schon in Genannt Gosbodin müht sich in den Überflüssigen ein hoffnungsloser Utopist, um einen alternativen Lebensentwurf. Ist es mit Gosbodin noch ein weltfremder, schwadronierender Zivilisationsverweigerer, der erst mit dem Fund eines dubiosen Geldkoffers eher unfreiwillig wieder ins reale Leben gespült wird, ist es mit Eddie Seuss ein zivilisationsmüder und stressgeschädigter Workaholic, auf der Suche nach inneren Ruhe.

Diese Umkehr der Voraussetzungen und der Kontext, über schrumpfende Städte in der Prignitz zu berichten, bilden die Grundlage für das neue Stück „Die Überflüssigen“ von Philipp Löhle. Übrigens kringelt mein Wordprogramm den Namen dieser brandenburgischen Region auch ein, als wenn er nicht wirklich existieren würde. Und genau so erscheinen einem die Figuren im Stück auch unwirklich, wie in dieser Welt vergessene oder gestrandete Außenseiter.

Der Tod der Eltern, sie sind, wen wundert’s, mit einem Auto gegen eine Alleepappel gefahren, bringt Eddie eher gegen seinen Willen wieder zurück in die Heimatstadt Lükke und es ist für ihn auch genau so wie früher, alles beim alten geblieben, nebst dem blöden Spitznamen Eddie Spaghetti. Nach einem Disput mit dem daheim gebliebenen Bruder Uwe, über die Tatsache, das Eddie und nicht er zuerst vom Tod der Eltern informiert wurden und einem schrägen Begräbnis in, Ironie des Schicksals, Pappelsärgen, fährt Eddie erst mal wieder ins wahre Leben. Aber Lükke und die wiedergetroffene eine Klasse unter Uwe, eine Klasse über ihm Ellen, lassen ihn nicht in Ruhe und so reift der Traum dieses vergessene Nest wieder zu erwecken und zum Ruheidyll auf Matratzen für müde Städter umzuwandeln.

Das ist nun der Knackpunkt der Story, denn nicht wie man meinen würde, Eddie freudig begrüßend, wollen der alte Kumpel Chris, ein stoischer, philosophierender Dorfpolizist und Fitz der Pappelzüchter, gar nicht erweckt werden. Das machen sie ihm nach und nach klar und scheuen letztendlich auch nicht vor dem Einsatz krimineller Mittel zurück. Eddies Steine, die er aus den verlassenen Häusern für eine monumentale Skulptur bricht, verschwinden und er verirrt sich, unter Mithilfe von Chris im Wald, auf der Suche nach den alten Einspurbahnschienen, weil er diese nun zu Geld machen muss. Sein Traum scheitert nicht zuletzt am Geldmangel, die Bank spielt auch irgendwann nicht mehr mit, sondern auch an der massiven Gegenwehr der Einheimischen, die sich in ihrer Lethargie wohl zu fühlen scheinen. Klischeebilder vom Wodkasaufen mit Russensound und zwei kleine Geschichten vom Bubble-Boy, der nur abgeschirmt in einer Blase leben kann und stirbt als er aus ihr befreit wird und der unter Hunden aufgewachsenen Oxana Malaya, sollen diese These verdeutlichen.

Ist das nun eine umgekehrte Utopie oder eine Darstellung, wie man auch ohne allen Fortschritt glücklich leben kann? Aber glücklich scheinen die Bewohner von Lükke ja auch nicht zu sein. Das kommt vor allem in der tragischen Figur der Ellen zum Ausdruck, die ihr mit Eddie gezeugtes Kind lieber an die nach Familienglück gierende Kollegin von Eddie weggibt, als sich mit ihm ein neues Leben in Lükke vorstellen zu können.

Die Geschichte bleibt ein Rätsel, und entwickelt sich sogar noch zum mysteriösen Krimi, als erst Eddies Bruder, der die Idee eines Ladens umsetzten wollte, an geplatzten Krampfadern stirbt und dann auch Eddie selbst im Luk mit aufgeschlagenem Kopf gefunden wird. Die Bewohner von Lükke haben ihre Störenfriede einen nach dem anderen aus dem Weg geräumt und sind nun wieder mit sich und der Welt im reinen. Wer jetzt wirklich „Die Überflüssigen“ sind, bleibt da auch völlig offen.

Nun wäre sicher diese horrende Story zum Scheitern verurteilt, wenn nicht die wunderbaren Bilder der Inszenierung von Dominic Friedel und die tollen Schauspieler wären, die diese herrlich schräge Geschichte retten und nicht vollends ins Klischee abrutschen lassen. Hervorzuheben sind vor allem die Frauen. Ninja Stangenberg als träumerisch, traurige Ellen und Sabine Waibel, die gleich drei Figuren zu stemmen hat, die Bank, die Kollegin von Eddie und eine Klasse Slapstickeinlage als serbischer Türke mit Wiener Dialekt. Aber auch Robert Kuchenbuch als Eddie, Gunnar Teuber als Uwe / Chris und Horst Kotterba als Pappel-Fitz können in ihren Figuren durch leisen und trockenem Humor überzeugen.

Ob nun Philipp Löhle mit diesem Stück den Nerv der Zeit getroffen hat, eine genaue Beschreibung der brandenburgischen Bevölkerung abliefert oder einfach nur eine Parabel über die Unmöglichkeit des Ausfüllens von Lebenslücken geschrieben hat, bleibt letztendlich egal. Befreit vom starren Kontext der Projekt-Vorgabe „Über Leben im Umbruch“, wird das Stück seinen Weg finden, denn Lükke ist schließlich überall.

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