Mülheim, Stücke 2010 – zur Dramatik der „kleinen Anzeichen“

Ich will hier mal auf einen kleinen Gedankenaustausch von Christian Rakow mit Oliver Bukowski auf der Stücke-2010-Seite hinweisen, den die beiden zur Dramatik der „kleinen Anzeichen“ geführt haben, dem Artikel von Christian Rakow, der hier auch zum Preis der Mülheimer Theatertage angezeigt war und den meisten Autoren dort eher Oberflächlichkeit und Kunstgewerblichkeit vorwirft. Bukowski findet das Thema sehr diskussionswürdig. „Schön, wenn hier mal eine Debatte auf diesem argumentativem Niveau weitergehen könnte.“ Na bitte, dann führen wir sie doch offen und nicht im stillen Kämmerlein.

Bukowski legt genau noch mal den Finger in die richtige Wunde. Was will man haben, sauber recherchierte und „tiefschürfende“ Stücke die „nicht nur Knöchelchen ins Parkett reichen, um dann auf die fleischbildende Erfahrungskompetenz des Zuschauers zu hoffen“ (so Bukowski) oder „virtuose“ (Lange-Müller) Fantastereien a la Schimmelpfennig. Von Bukowski werden das Gespann Oskar Negt und Alexander Kluge angeführt, als die Beobachter und politischen Berichterstatter des realen Alltags schlecht hin, oder Felicia Zeller mit ihrem wunderbaren Stück „Kaspar Häuser Meer“ über die Ohnmacht der Jugendämter. Wie genau realistisch darf es denn nun wirklich sein, oder gibt es gar einen Mittelweg?

Ich glaube nicht, man sollte es doch jedem Autor selbst überlassen zu seinem Stil zu gelangen. Es ist sicher hilfreich auf Unzulänglichkeiten aufmerksam zu machen, aber Jungautoren wie Laucke, Palmetshofer und Stockmann ständig vorhalten zu wollen, das ihre neue Dramatik nur an der Oberfläche kratzt, ist doch zu viel des Guten. Stockmann zeigt sich zum Glück auch sehr resistent, wenn nicht sogar renitent dagegen, wie man ja bei Stücke 2010 lesen konnte.

Da stellt sich mir jetzt eigentlich auch gar nicht die Frage „Wie es sein sollte“, um der von Rakow diagnostizierten „thematische Armut“ begegnen zu könnten, sondern eher Was wird im Vorfeld schon falsch gemacht? Da kann man jetzt den Ball getrost wieder an Bukowski zurückspielen und um wieder an den Anfang zurück zu gelangen an die Theater und Dramaturgen sowieso. Das Maxim Gorki Theater in Berlin macht nämlich genau das Richtige, jährliche Themenschwerpunkte mit der Möglichkeit für junge Autoren sich in bestimmte Themen ein zu arbeiten und darüber in einem eigenen Stück zu reflektieren. Die Ergebnisse sehen zumindest in dieser Spielzeit sehr passabel aus.

Sicher sind die Stücke von Dea Loher und Schimmelpfennig voller Allgemeinplätze und recht banal, das aber auf ziemlich hohem Niveau. Das muss man erst mal so hinkriegen. Und dann auch noch den Jungdramatikern Laucke und Stockmann so was wie Oberflächlichkeit und Krämern im Kleinen vorzuwerfen, das geht etwas weit. Die können schließlich auch nichts dafür, das sie bereits jetzt, mit diesen noch etwas unbedarften Stücken ausgewählt worden sind. Da hat es wohl doch an guten Alternativen gefehlt außer eben der Kontrakte des Kaufmanns von Elfriede Jelinek, das ist doch sehr offensichtlich. Das Rene Pollesch in Mühlheim und beim Theatertreffen schmählich vergessen wurde, ist doch eh klar.

Ein gutes Beispiel, wie man diesen „Realismus der kleinen Anzeichen“, wie es Christian Rakow nennt, umgehen kann, hat übrigens Philipp Löhle mit den Überflüssigen gegeben. Hier muss der Zuschauer noch kleine Umwege denken und kann nicht nur eindeutige Bilder entschlüsseln. Hier gut, da böse gibt es nicht. Löhle zeigt mit seinem kleinen Eastern sehr gekonnt, wie dieses Ungewohnte im Realismus aussehen könnte. Vielleicht liegt ja tatsächlich im Genre eine Chance der Beliebigkeit zu entkommen.

Comments are closed.