Frank Castorf im Tagesspiegel vom 10.06.2010

Es gibt ein sehr interessantes Interview mit Frank Castorf im Tagesspiegel. Darin berichtet er noch mal über „Nach Moskau!“ und wie Tschechow eigentlich zu verstehen ist. Viele Tschechow-Inszenierungen, nicht nur bei „seinem Freund Stein“ würden immer leicht ironisch gefärbt im Psychologismus ertrinken. „Aber tatsächlich haben wir es bei Tschechow in meinen Augen mit einer grellen Komik zu tun, fast wie bei Artaud.“ meint Castorf. Alle Tschechow-Figuren seien kommunikationsunfähig. „Das Missverständnis ist die Voraussetzung für Komik. Es ist keine Tat-Sprache mehr, die zu Handlungen führt.“ Alle warten nur auf die ferne Sinn bringende Zukunft oder reden von der schönen Vergangenheit. Also da sagt er zumindest nichts Neues, außer Stein haben das auch alle von Gosch über Richter bis Kriegenburg in ihren Tschechow-Inszenierungen so verstanden.
„Die Bauern“ dagegen sind „das Elend, der Dreck, das russische Dorf, der Muschik, der Schmutz.“ Und das ist dann Komik wie bei Tolstoi und Dostojewski, nur das Tschechow das ganz ohne Romantisierung brutal und trostlos beschreibt. Der Muschik ist immer schuld. „Wir sehen das Elend, aber im Hintergrund ahnt man bei Tschechow ein Wetterleuchten der radikalen Veränderung, die das 20. Jahrhundert dann heimgesucht hat, die Oktober-Revolution.“ Das liegt vor allem am Atheismus Tschechows, der sich gegen seinen religiösen Vater behaupten musste, meint Castorf. „Es gibt keinen Gott, es gibt nur Sinnlosigkeit.“ Das ist die Modernität von Tschechow.
Trotzdem wird er sich wieder Dostojewski zu wenden und im nächsten Frühjahr „Der Spieler“ inszenieren, wegen des göttlichen Prinzips außerhalb der Menschen, das uns Westlern so fremd ist. Also die Russen lassen Castorf wohl nach wie vor nicht los, nur das aus dem Castorf-Prinzip auch keiner wirklich schlau wird. Gott bei Dostojewski oder Atheismus bei Tschechow, Castorf bleibt ein Suchender.
Suchen muss er sich auch einen neuen Chefdramaturgen, denn Stefan Rosinski, der ihm ja mehr oder weniger vor die Nase gesetzt wurde, hat er entlassen. Gestörter Betriebsfrieden, keine brauchbare Spielplangestaltung, versuchte „feindliche Übernahme“, das ist schon Starker Tobak und nun muss Castorf selber ran und vielleicht gibt es bald ein Wiedersehen mit einigen alten Volksbühnenepigonen und Leander Haußmann an der Volksbühne.

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