Das Anliegen des Autors oder der „Teufel Signifikant“

zur Rede Nis-Momme Stockmanns bei der Theaterbiennale in Wiesbaden 2010

 

Der Zaunlattenabreißer Nis Momme Stockmann gibt keine Ruhe und das ist wohl auch gut so. Es geht ihm um den Behuf des Autors. „Erste Priorität hat immer, muss immer haben: Zweifeln, Anliegen transportieren, anstiften zum Zweifeln.“ Das autorielle Anliegen Jelineks sind ihre Anliegen. Das ist erst mal eine merkwürdige Aussage, denn welche Anliegen wären das denn genau? Die Relevanz des Autors ergibt sich doch nicht nur aus seinem Anliegen, sondern auch aus der Form wie er mit gewissen Anliegen umgeht, denn lesbar sollte das Ganze schon sein, sonst wird der Text beliebig. Neues wagen, das Prinzipielle aus der Dramatik vertreiben und „Häresie bringen“, das sind die Anliegen Stockmanns. Genügt das? Es ist zumindest ein hehrer Anspruch. Was das so genannte Anliegen des Autors ist, sollte er aber natürlich immer noch selbst bestimmen und da hat Stockmann recht. „Die Seele der Arbeit muss das Anliegen sein.“ sagt er, und wer das nicht ernst nimmt, hat damit seine Seele verkauft an den schnellen Erfolg.

„Welchen Autor braucht das Theater dann? Das kann nur das Theater und in erster Linie das Publikum beantwortet. Und das Publikum kann sich auch nicht auf seinen passiven Status berufen. Es muss nach seinen Autoren schreien. Es muss einen von Ihnen zum Autor erklären!“ Dagegen stehen dann wieder die Aussagen der im Theaterbetrieb stehenden und den Zuschauer für unmündig haltenden Profis. Siehe Klarnamendebatte etc. Das Namenlose Publikum hat nach wie vor keine Stimme und wird sie auch so leicht nicht bekommen. Rene Pollesch weist ja auch daraufhin, das wir als Zuschauer nicht mehr teilhaben können, ironisch gesagt „betrogen ums interaktive Theater“. „Seid froh! Seid glücklich! Diesem unerbittlichen Amüsierbetrieb entkommen zu sein.“ Theater ist nicht beendet, wenn wir den Zuschauerraum verlassen haben, es muss weiter gehen, sonst geht wie im Verblendungszusammenhang der Schauspieler mit dem Partner nach Hause und wir sitzen interpassiv da und schauen nur noch bei der Liebe zu.

„Das widerlichste Kind des Marktes in der Kunst ist der Teufel Signifikant“, sagt Stockmann. Gib mir ein Zeichen. Wartet man da nicht immer bei einem neuen Autor oder Stück darauf? Nur wenn nichts signifikant ist, was hat dann noch eine Bedeutung? Ist Bedeutsamkeit wichtig? Es geht Stockmann nicht um Antworten sondern um die Fragen, aber auch diese können ein Signifikant sein. Nur, wenn schon nicht mal die richtigen Fragen aufgeworfen werden, wozu geht man dann noch ins Theater und das geht einem ja nicht nur bei der Gegenwartsdramatik so.

„Wann haben sie sich zum letzten Mal wirklich umgestürzt gefühlt nach dem sie ein Theater verlassen haben?“ Da hat sicher jeder mal so ein Erlebnis gehabt, nur diese sind selten und nicht ständig reproduzierbar. Das Bemühen darum, ist das Ziel von Stockmann und daran muss man ihn jetzt mehr denn je messen. Nur kann man nicht jeden Autor sofort nach einem diagnostizierten Misserfolg fallen lassen, denn das bringt dann nämlich erst den für den Markt schreibenden Autor hervor.

„Ich möchte niemanden etwas geben. Ich möchte den Menschen eher etwas wegnehmen – die scheiß Souveränität im Umgang mit der Welt.“ Das ist richtig, aber irgendwas muss einem eine Geschichte auch geben. Also die Naivität und Neugier dem Zuschauer zurück geben, das wäre schon ein erstrebenswertes Ziel eines Autors.

Der Vergleich Stockmanns des Autors mit Prometheus ist zwar etwas hochtrabend aber nicht abwegig. Prometheus hat den Menschen das Feuer wiedergebracht, also die Kultur, den Umgang, sprich die Deutung überlässt er ihnen aber selbst. Auch verkörpert Prometheus nach Goethe den Trotz des schöpferischen Genies gegen das vorherrschende System, er verkörpert das Prinzip des idealistischen Kampfes und ist so der These Stockmanns sehr nahe. Der Autor der Zukunft als entfesselter Prometheus, befreit aus dem Konnotationsgefängnis der Theater, eine interessante Sichtweise.

Die Rede ist auf www.nachtkritik.de nachzulesen.

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