Der autonome Kritiker, eine aussterbende Spezies

Herr Stadelmaier hat ein Buch geschrieben, was nicht weiter verwunderlich ist, tut er dies doch ständig, schreiben nämlich über das Theater, als Kritiker wie er behauptet. Er sitzt tagein tagaus im Parkett, Reihe 6, Mitte. Der typische Parkettbewohner, der es liebt sein zweites Wohnzimmer, mit den Bommeln am Vorhang vor dem Fenster, das man Bühne nennt und wo sich für ihn das Leben abspielt. Und so schreibt er, schauend in oder wenn man will aus diesem Fenster, alles was er so sieht auf seinen Spiralblock. Gleich einem Blockwart, beflissen die Mitbewohner beobachtend, beim Müll raus tragen oder argwöhnisch, wenn wieder jemand seine innige Ruhe stören will. Er ertappt sie alle, das alte Kind, den Tendenzhuber, den Taktiker und Politiker, jeden der sich an seinem weit geöffneten Fenster versucht vorbei zu drücken und hält ihnen seine blumige Gardinenpredigt, mindestens das ist sicher. Manchmal nur, wenn die gute alte Theatersonne auf sein Antlitz scheint, kommt er ins Schwärmen und samtig schnurrend blinzelt er ins Licht, meint Schatten vergangener Tage vorüberhuschen zu sehen und rekelt sich wohlig in Erinnerungen. Aber wenn sich dann wieder die Wolken vor die Sonne schieben und der Theaterdonner grollt, sieht er neidisch über die Straße zur anderen Seite hin, wo er ebenfalls Blockwarte vermutet, die ihm seine Arbeit streitig machen könnten. Nur des Nachts muss er es verlassen, sein geliebtes großes Wohnzimmerfenster und ziehen in seine dunkele Wohnung im Parterre. Und was steht dort geschrieben am Klingelbrett, nicht „Der Weltgeist“ oder „Der Papst“ oder gar „Gott“. Nein, nur ein armer bürgerlicher Name. Einsam aber frei steht er dann nachts im Hinterhof und schreit den Mond an, ihm sein Leid klagend über diese verkommene Welt, gleich dem Protagonisten aus Dea Lohers Berliner Geschichte, seine „Theatergeschichte“ verkündend.

Zum Vorwort von Gerhard Stadelmaiers Buch „Parkett, Reihe 6, Mitte. Meine Theatergeschichte“ abgedruckt in der FAZ vom 07.08.10 in Bilder und Zeiten

Der Kritiker und sein Theater

Ode an den Spiralblock

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