Christoph Schlingensief – Scheitern als Chance – Der ewige Provokateur ist tot.

„Ich habe keinen Bock auf Himmel, ich habe keinen Bock auf Harfe spielen und singen und irgendwo auf einer Wolke herumgammeln.“ –  Spiegel-Interview 2008

Christoph Maria Schlingensief (* 24. Oktober 1960 in Oberhausen; † 21. August 2010 in Berlin)

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„WOLFGANGSEE Warum sollen die fünf Millionen Arbeitslosen nicht gleichzeitig Urlaub am Wolfgangsee machen, am besten, wenn Kohl auch da ist? Und wenn die dann alle gleichzeitig ins Wasser gehen, dann steigt der Pegel – das haben wir ausrechnen lassen – um zwei Meter an. Das Wasser würde dann bis zu den Häusern am Ufer steigen, die Arbeitslosen berühren also immerhin die Häuser. Vielleicht sogar Kohl.“ – Süddeutsche Zeitung, 9. Mai 1998

Nun hat er es doch nicht mehr geschafft, seinen Traum verwirklicht zu sehen, das Operndorf „Remdoogo“ in der Nähe von Ouagadougou in Burkina Faso. Der Tod kam plötzlich aber nicht unerwartet für ihn. Alles was er in der letzten Zeit tat, in der Kunst wie im Leben, war eine Vorbereitung darauf, auch wenn er sich nicht damit abgefunden hatte. Noch in einem seiner letzten Interviews in der NZZ hatte er gesagt: „Nein. Ich bin nicht der geworden, der ich sein wollte, weil ich nie wusste, wer ich einmal sein könnte, wie man glücklich wird. Das Glück ist ja so eine Nanosekunde und funktioniert manchmal glänzend, aber im Grossen und Ganzen?“ Er hat es dennoch gelebt sein Leben intensiv und in jeder Sekunde neu. Es wird uns etwas fehlen, nicht mehr staunend im Theater zu sitzen und über seinen Kosmos an Ideen zu rätseln.

Im jetzt erschienenen Spex-Interview hat er noch mal über seine Art zu schreiben berichtet. Er schreibt am liebsten nachts allein in irgendeinem Hotel. Der Text läuft wie in einem Kino auf einer Leinwand in seinem Kopf ab. In den Anfängen hatten er, Matthias Colli und Oskar Röhler für ihre Filme ganze Dialoge aus anderen Filmen übernommen und bis zur Unkenntlichkeit verfremdet. „Man geht eben immer noch vom Genie aus, und daher darf nichts geschrieben werden, was nicht von einem selbst stammt. Das ist aber ein Vorwurf von gestern. (…) Ich habe nichts erlebt in meinem Leben, aber ich habe immer alles behauptet, zur Not mit den Worten anderer.“ Erlebt hat er dennoch viel, für ein so kurzes Leben und wir durften an fast allem teilhaben. Dafür Dank.

Mein Freund, das grad ist Dichters Werk,
dass er sein Träumen deut` und merk`.
Glaubt mir, des Menschen wahrster Wahn
Wird ihm im Traume aufgetan:
All Dichtkunst und Poeterei
Ist nichts als Wahrtraum-Deuterei.

Friedrich Nietzsche aus Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik

Die Premiere der Oper „METANOIA“ eine Zusammenarbeit mit Jens Joneleit (Musik) und René Pollesch (Text) ist am 3.Okt. im Schillertheater. Die Oper soll szenisch aufgeführt werden, laut Intendant Jürgen Flimm.

„Christoph Schlingensief war einer der größten Künstler, die je gelebt haben. So einen wie ihn kann es nicht mehr geben. Mit einer unglaublichen Kraft hat er Menschen um sich geschart. Wie von einer umgekehrten Fliehkraft sind sie buchstäblich an ihn herangerissen worden. Ich dachte immer, so jemand kann nicht sterben. Das ist, als ob das Leben selbst gestorben wäre.“ – Elfriede Jelinek

In ihrem Text Tod-krank.Doc hat Elfriede Jelinek Krankheit und Tod Christoph Schlingensiefs von März 2009 an bis jetzt (unter Aktuelles, 2010) verarbeitet.

Weitere Stimmen zum Tod von Christoph Schlingensief aus der Presse.

Schlingenblog

Schlingensief-Website

Online-Kondolenzbuch

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