Penthesilea und Achill nach Heinrich von Kleist

Eine Produktion von aufBruch KUNST GEFÄNGNIS STADT auf der Berliner Museumsinsel

Mitten in einer Regietheaterdebatte auf Nachtkritik ist es immer ganz praktisch anhand von Beispielen argumentieren zu können. Um so besser wenn diese auch noch aktuellen Bezug haben und so trifft es sich gut, dass das Gefängnistheater aufBruch Kleists Penthesilea als Freiluftvariante im Kolonnadenhof auf der Museumsinsel präsentiert. Das Stück heißt hier Penthesilea und Achill, was sagen soll, das man Kleists Text nur als Vorlage benutzt und Eigenes einflechten will, daher auch nach Kleist.
Kurz zum Inhalt so weit nicht bekannt. Auf dem Schlachtfeld im Krieg um Troja erscheint nach 10 langen Kriegsjahren nun auch das kriegerischen Amazonenvolk, geführt von ihrer Königin Penthesilea. Nachdem sie endlich auf Seiten der Trojaner ins Geschehen eingreifen, begegnen sich Penthesilea und der griechische Held Achill. In der Ilias von Homer tötet Achill Penthesilea und verliebt sich dann in sie, unfähig weiter am Kampf teilnehmen zu können. Kleist hat die Geschichte umgearbeitet und zu einem Kampf der Geschlechter zwischen Liebe und Tradition gemacht. Hier ziehen sich Penthesilea und Achill fasziniert von einander wechselseitig immer wieder an, um sich dann ganz in der traditionellen Rolle ihres Volkes wieder ab zu stoßen. Nachdem Achill im Kampf mit Penthesilea erst siegreich ist, unterwirft er sich ihr Dank einer List Prothoes, der Vertrauten der Amazonenkönigin. Es entwickelt sich nun eine Liebesszene in der Achill sie für sich gewinnen will. „Du sollst den Gott der Erde mir gebären!“ Penthesilea erkennt aber schließlich, das es nur ein Betrug war und sie eigentlich unterlegen ist. Nach dem sie erneut im Kampf voneinander getrennt werden, erwacht ihre alte Amazonenehre. Achill will sich nun erneut mit ihr messen, um sich wieder im Schein zu ergeben und mit ihr ziehen zu können. Penthesilea verkennt dies und zerfleischt nun Achill in ihrem Wahn von Zuneigung und Hass. „Küsse, Bisse , das reimt sich, und wer recht von Herzen liebt, kann das eine für das andre greifen.“ Sie folgt nun Achill in den Tod, indem sie aus ihrem Herzen ein „vernichtendes Gefühl“ hervorgräbt und zu einem Dolche formt. Für Kleist lag darin „… der ganze Schmutz und Glanz meiner Seele.“ Man kann durchaus sein Scheitern im Leben und in der Liebe mit diesem sehr persönlichen Stück in Verbindung setzen.
In der Regie von Peter Atanassow, der neben seinen Film- und Fernseharbeiten immer wieder mit dem Gefangentheater aufBruch zusammenarbeitet, dreht sich die Inszenierung genau um diesen zentralen Widerspruch Liebe und Tradition zwischen den Geschlechtern. Die Griechen treten in Soldatenmänteln auf, die Amazonen tragen unter ihrer Soldatenkleidung mit Reithosen, schwarze Bustiers. Die Männer wie die Frauen führen immer wieder archaische Kampfchoreografien auf, es wird viel im Chor skandiert, ein typisches Instrument des aufBruch-Theaters, bekannt aus Aufführungen von Heiner Müllers Wolokolamsker Chaussee, dem Spartakus oder der Nibelungen von Hebbel. Die Männeriten werden durch das Singen des Zarah Leander-Liedes „Davon geht die Welt nicht unter“ als Lanzersong verdeutlicht, sie wollen „Hellas heim ins Reich“ holen. Später werden sie die Amazonen wie Hunde anbellen. Genauso stark ist die Verachtung der gefangenen Griechen durch die Amazonen. Die Frauen werfen die Soldaten als Trophäen vor sich auf den Boden. Die Gruppen stehen sich unversöhnlich gegenüber. Auch die Hauptprotagonisten Penthesilea und Achill stellen sich anfangs als stolze und starke Führer vor ihr Volk. Erst als sie durch ihre Liebe an den Traditionen zweifeln, spalten sie sich in mehrere Akteure auf, versinnbildlichen so den Riss in ihrem Inneren und zwischen den Gruppierungen. Atanasow verdeutlicht diesen Widerspruch sogar noch, indem er verschiedene Nationalitäten und soziale Schichten in seinem Ensemble zusammenführt. Der Riss geht heute nicht nur durch die Geschlechter, sondern durch die gesamte Gesellschaft.
Die Liebe zwischen Penthesilea und Achill scheitert an diesen Schranken. Gemeinsam singen die Schauspieler das Lied aus der Winterreise „Fremd bin ich eingezogen, fremd zieh ich wieder aus.“
Am Ende nach der schrecklichen Tat steht Penthesilea mit den Überresten von Achill in zwei Plastiksäcken vor dem Chor. Nach ihrem Fall erklingen die Kleistschen Schlussworte: „Sie sank, weil sie zu stolz und kräftig blühte! Die abgestorbne Eiche steht im Sturm, Doch die gesunde stürzt er schmetternd nieder, Weil er in ihre Krone greifen kann.“ Das Ensemble des aufBruch schafft hier eine kluge auf das zentrale Thema gekürzte Fassung mit deutlich moderner Lesart. Das einige heute wieder Kleist vor Goethe sehen, liegt sicher daran, das Kleist bei allem Archaischen immer auch den Menschen mit all seinen Schwächen dahinter gesehen hat.
Ich möchte hier noch auf einen Text von Christa Wolf, erschienen 1983 in einem Nachwort zu einer Penthesilea-Ausgabe des Buchverlages der Morgen, hinweisen. Hier verdeutlicht sie noch mal die Grundproblematik des Konflikts, als Missverständnis der Geschlechter in der Sicht auf ein selbstbestimmtes Recht der Frau auf individuelle Liebe. „…als sollten Nord- und Südpol zueinander kommen, als sollten die beiden Enden eines Magnets zusammengeführt werden: in der Art einer verheerenden Naturkatastrophe entladen sich die unvereinbaren Gegensätze.“

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weitere Termine unter:  www.gefaengnistheater.de

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