Die Sorgen und die Macht – Jürgen Kuttner und Tom Kühnel lassen Peter Hacks im DT Revue passieren

Ein Conférencier steht auf der Bühne der Kammerspiele des DT und mimt ein Telefonat mit niemand anderem als Walther Ulbricht, dem Staatsratsvorsitzenden der DDR und 1. Sekretär des Zentralkomitees der SED von 1953 bis 1971, ich habe sicher noch einige Funktionen vergessen. Der Conférencier ist Hans-Georg Ponesky, ein bekannter und beliebter Moderator des DDR-Fernsehens, er versichert Ulbricht am Telefon, das kein anderer als Gast willkommener sei als er. Das Telefonat stammt aus einer „Mit dem Herzen dabei“-Sendung aus dem Jahre 1966 im Friedrichstadtpalast, einer Art Verstehen sie Spaß-Version der DDR. Ulbricht freut sich auch und verspricht in seinem viel parodiertem Sächsisch sofort zu kommen. Was ihn erwartete erfahren wie leider nicht, es ist aber bekannt, es war der ehemalige Justizminister der DDR Max Fechner, der sich nach seiner Inhaftierung wegen der Verweigerung der Strafverfolgung der streikenden Arbeiter des Volksaufstands am 17. Juni 1953 mit Ulbricht auf offener Bühne versöhnen durfte. Der „olle Zickenbart“ verstand also Spaß, aber das Ganze ist wohl eher als eine Art der Demütigung zu verstehen, die er dann später selbst erfahren musste, im Schlüpper abgelichtet, wie uns Jürgen Kuttner in seiner unnachahmlich, schnellsprechenden Art seiner Videoschnipselabende erklärt. Erich Honecker hat dann die Leute lieber mit „Ein Kessel Buntes“ gelangweilt und Intershops und Delikatläden eingerichtet, zur Befriedigung des Konsumbedürfnisse der Bevölkerung. Da liefen aber schon viele DDR-Bürger lieber am laufenden Band zu Rudi Carrell über und mit der sozialistischen Moral war es ebenfalls nicht mehr weit her. Auch Peter Hacks, um den es eigentlich gehen soll, war bekennender Fan von Ulbricht und schickte den Umstürzlern unter Honecker lieber einen langen Fluch hinterher, der sie auch tatsächlich später bekanntermaßen einholen sollte. Ulbricht war für Hacks die Hoffnung auf einen Neubeginn in der sozialistischen Wirtschaft und das Leute mit Praxis und nicht nur Parteizugehörigkeit in wichtige Positionen kommen. Das ist im Stück auch in den Figuren das Parteisekretärs Kunze und des Meisters Papmeier angelegt. Aber der Reihe nach.
Hacks` Stück die „Sorgen und die Macht“ wurde nach einigen Änderungen als es 1959 am DT nicht herauskommen durfte, erst in Senftenberg 1960 und dann 1962 noch mal am DT aufgeführt. Es kam zum Eklat, da sich die Partei nicht angemessen dargestellt sah und ein falsches Bild des sozialistischen Menschen im Stück kritisierte. Verschiedenste Funktionärsstimmen werden exemplarisch in der Inszenierung von Kuttner und Kühnel vorgeführt. Schließlich musste Intendant Wolfgang Langhoff seinen Hut nehmen und Peter Hacks verlor seine Dramaturgenstelle am DT. Die Rede Langhoffs zur Selbstkritik vor der Parteigruppe trägt Kuttner nach der Pause vor. Das kann nur nachempfinden, wer selbst einmal zur Erniedrigendung vor so einem Tribunal stehen musste. Kuttner bringt das sehr überzeugend rüber.
Das Stück selbst wird natürlich auch gespielt. Es geht am Beispiel zweier Fabriken, um das System des sozialistischen Wettbewerbs und die Einsicht nicht zuerst auf den Geldbeutel zu schauen, sondern Qualität unter Beibehaltung der Quantität zu erreichen. Eine Brikettfabrik liefert 160 % Planerfüllung indem die Qualität durch Tricks bewusst runter gefahren wird und kassieren fette Prämien dafür. Darunter leidet eine Glasfabrik, wo die schlechte Kohle zur Produktion nicht nutzbar ist. Über die Liebe zur Glasfabrikarbeiterin Hede Stoll (Susanne Wolff) kommt der Brikettierer Max Fidorra (Felix Goeser) zur Einsicht, das es im Sozialismus in erster Linie um Gemeinschaft und nicht um Einzelinteressen geht. Gegenspieler sind die Arbeiter Fromm und Zidewang, die lieber weiter gut verdienen wollen und dazu Partei und Wettbewerb ausnutzen. Hacks wollte damit die noch bestehenden Widersprüche auf dem Weg zum Sozialismus darstellen und überwinden helfen. Er hatte erkannt, das der Mensch in erster Linie nur über das Geld funktioniert aber Einsicht nicht materiell stimulierbar ist. Ein Widerspruch den er mit diesem Stück zu lösen versuchte. Heute mutet das natürlich eher lächerlich an und die agitatorischen Passagen stoßen unsanft auf. Dennoch gelingt Hacks hier noch beeinflusst von Brecht seinen politischen Standpunkt in einen künstlerisch sehr hochwertigen Text zu verpacken. Die durchaus gewünschte Komik setzen Kuttner und Kühnel gekonnt um. Kuttner klärt am Anfang erst mal über die Geschichte des Stücks auf, damit auch alles richtig verstanden wird und verspricht den Zuschauer auch im Auge zu behalten, jeder Lacher an der falschen Stelle werde genau registriert. Danach liefert er dann beim Betriebsfest im Kultursaal einen schmierigen Showmaster ab, der sich mit seinem doppeldeutigen aber platten Witz durchsetzen muss und das Spiel zwischen Hede und Max erst ins rollen bringt. Alle Schauspieler sind mehrfach besetzt und bewegen sich mit viel Spielfreude durch das angestaubte Stück. Zur Kommentierung und sicher auch zur Auflockerung des Stoffes werden immer wieder bekannte Persönlichkeiten wie Marcel Reich-Ranicki (Klasse Parodie von Christoph Franken) und der Herausgeber der FAZ Frank Schirrmacher eingeflochten. Sie stehen für die westdeutsche Sicht auf Peter Hacks. Sogar ein paar nicht so gewogene Stimmen der Kritiken zur jetzigen Premiere werden verlesen und das gar nicht altklug. Schirrmacher (Elias Arens) lobt die essayistische Kunst des Peter Hacks und reklamiert ihn, die ideologische Seite negierend, für uns alle. Im Prinzip hat er Recht, Hacks` „Maßgaben der Kunst“ und die Abhandlungen über die Gattungen als Werkzeuge der Kunst, beispielhaft genannt hierfür vielleicht sein Versuch über die Ballade in „Urpoesie, oder: Das scheintote Kind“, sind unterhaltsame Theorievermittelung auf höchstem Niveau. So einfach ist dann aber Hacks nicht zu vereinnahmen, das wissen auch Kuttner und Kühnel. Nachdem der eiserne Vorhang aufgezogen ist und den Blick auf das Junozimmer Goethes freigibt, den Hacks zu seinem klassischen Idol erkoren hatte, steht dort eine überdimensionale Büste, ein Januskopf, vorn Juno hinten Karl Marx, die zwei Gesichter des Peter Hacks. Kunst und Ideologie, das war für ihn untrennbar, der eine ist ohne den anderen nicht zu haben. Diesem Widerspruch sind Kuttner und Kühnel auf der Spur, allein sie mühen sich vergeblich. Hacks versuchte mittels Kunst eine Haltung anzubieten. Das ist heute verpönt und so steht wieder der Hacks der poetischen Liebesdichtung „Beeilt euch ihr Stunden, die Liebste will kommen.“ neben den zynischen Nachwendegedichten zur Mauer als „Erdenwunder schönstes“ und dem „Tamerlan in Berlin“ mit seinen als usbekische Plünderer dargestellten Wessis. Die Darsteller tragen die Gedichte zum Schluss nacheinander vor, sie wie Aphorismen auf Kalenderblättern von der Wand reißend. In der Inszenierung werden Parteiversammlungen in Kostümen der Goethezeit abgehalten, Kohlen prasseln über eine Rutsche ins Junozimmer und sind Versuche diese Widersprüche humorvoll aufzuarbeiten. Aber sie bleiben bestehen, da sie Hacks auch nie als solche angesehene hat. Zwiespältig ist auch die wunderbare Parodie Michael Schweighöfers vom Kölner Auftritt Wolf Biermanns mit seinem Song „so soll es sein – so wird es sein“. Da heißt es: „So oder so die Erde wird rot…“, auch ein Ziel Peter Hacks`, trotzdem begrüßte er die Ausbürgerung Biermanns und wünschte den Bürgerrechtlern noch nach der Wende die Guillotine auf dem Bebelplatz an den Hals. Darin war er unbeirrbar und konsequent.
Kuttner und Kühnel verkürzen die zweite Hälfte des Stückes stark, um die Nachwendezeit noch mit unterzubringen. Die Protagonisten sehen sich plötzlich einem Herrn Wesselbrunner, einer Figur aus einem Nachwendestück von Hacks, gegenüber, der das Haus als Alteigentümer beansprucht. Gemeinsam versucht man ihn mit Kohlenwürfen zu vertreiben und tanzt dann zu Feeling B`s „Ich such die DDR und keiner weiß wo sie ist“. Die Musik hatten die Bandmitglieder um Aljoscha Rompe, die nach seinem frühen Tod zum großen Teil in der Band Rammstein aufgegangen sind, von dem alten und sehr beliebten Jiří-Korn-Schlager „Ich such die Yvetta“ entlehnt. So versuchen Kuttner und Kühnel mittels dieser gelungenen Revueeinlagen mit der Vergangenheit zu versöhnen und geben zum Schluss ein diffuses und eher satirisch gemeintes Bild auf die Zukunft frei, diesmal mit einem Westschlager von Christian Anders „Die Mauer hat uns nicht besiegt“, schauen Hede und Max in eine glutrote Sonne. Noch ein kleiner Verweis auf Hacks, er hatte Symbolik und deren Verwendung in geflügelter Sprache verabscheut.
Was gäbe es da eigentlich noch zu kritisieren, abgesehen davon, das wir uns gut amüsiert haben und einigen ein netter Grusel den Rücken runter gelaufen ist. Nun, es ist die schmerzhafte Abwesenheit eines Dichters, den uns Kuttner auch in seiner lockeren eloquenten Art nicht weiter näher bringen kann. Gut, zu einer Haltung, die man nicht einnehmen will, kann man heute nicht mehr gezwungen werden, aber man könnte sich zu einer eigenen Meinung durchringen, wenn man denn wollte. Hacks setzte den mitdenkenden Zuschauer nicht zwangsweise voraus, er appellierte eher an Einsicht und Vernunft, an ein gewisses Interesse am Politischen und eine Fähigkeit zur Empathie. Das wäre das eigentlich Klassische in seinem Werk. Das er seine Stücke immer mehr auch in klassische Stoffe verpackt hat, liegt wohl eher daran, das ihm der real existierende sozialistische Mensch fremd geworden war. Peter Hacks hat die Utopie der Zukunft aus der Vergangenheit heraus zu entwickeln versucht. Vielleicht können wir ja heute auch wieder beginnen aus der Geschichte und der Klassik zu lernen ganz ohne festgefahrene Sichtweisen.

„Der heilige Benediktus, der, wie man mir sagte, im Jahre 480 geboren wurde, befaßte sich vornehmlich mit der Lösung des Problems, wie einer auf Erden möglichst glücklich leben und doch eben noch in den Himmel kommen könnte. Ich, der ich, wie man mir sagt, im Jahre 1928 geboren bin, befasse mich (das zu Ändernde geändert) ganz mit demselben Problem.“                                          Peter Hacks, 1965

„Es gibt bei Hacks aber eine immer wieder zu beobachtende Erscheinung: Da man ihn selber nicht mehr zu fürchten hat, kann man ihn so ein bisschen an die Brust nehmen. Bürgerliche, Linksradikale, alle wollen ihren Hacks, greifen Teile raus und haben dann doch wieder den ganzen am Hals.“ … „Brecht, das ist der revolutionäre Hacks; Shaw und Oscar Wilde, das ist der sozialistische Hacks; Shakespeare und Goethe, das ist der kommunistische Hacks.“
„Die Art, wie die mit ihm umgesprungen sind, ist einer der schlimmsten Indikatoren dafür, was an der DDR nicht in Ordnung war: dass sie es nicht geschafft haben, Zustimmung auf hohem Niveau zu verarbeiten. Da ist jemand wirklich für diesen Staat, und zwar nicht aus Dummheit oder Naivität oder weil er sich hat bestechen lassen, sondern weil er sich das überlegt hat – und die verbieten ihn.“

Dietmar Dath, Schriftsteller und Verfasser des Nachworts zur Suhrkamp-Ausgabe der „Maßgaben der Kunst“ in einem Interview mit dem ND vom 03.07.10

Interessante Links zum Thema:

Ein Gespräch von Ulrich Seidler mit den Regisseuren Klaus Gendries und Jürgen Kuttner über Propaganda, Provokation und den Reiz des Widersprüchlichen im Magazin der Berliner Zeitung vom 28.08.10
„Der eine inszenierte in der DDR ein Theaterstück, das wenig später einen Skandal provozierte. Der andere bringt es fünfzig Jahre danach auf die Bühne.“

Jürgen Kuttner und Tom Kühnel über Peter Hacks‘ Utopie, den Genossen Stalin und über ihre Hacks-Inszenierung „Die Sorgen und die Macht“ am Deutschen Theater

Jürgen Kuttner und Tom Kühnel im Gespräch mit Marion Brasch am 03.09.10 auf radio eins

Der Schriftsteller Dietmar Dath im Gespräch mit Martin Hatzius im ND vom 03.07.10 über den sozialistischen Klassiker Peter Hacks, den Kommunisten Goethe über den politischen Literaturstreit zwischen Klassik und Romantik und über den Anspruch, den die Kunst an das Leben stellt.

Dietmar Dath in der FAZ vom 15.03.2008 zum 80.Geburtstag von Peter Hacks

Aus dem Nachwort der am Montag erscheinenden Neuauflage von Peter Hacks‘ »Die Maßgaben der Kunst« von Dietmar Dath im ND vom 19.06.2010

Der Text von Frank Schirrmacher aus Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung vom 09.03.2008 der in der Inszenierung verwendet wird.

Vor 40 Jahren: Absetzung von Wolfgang Langhoffs Inszenierung »Die Sorgen und die Macht« am Deutschen Theater. Ein Artikel von Hans-Dieter Schütt im ND vom 09.01.2003

Felix Bartels, 5.9.2010 auf der Peter-Hacks-Website, eine sehr gute Kritik der Inszenierung mit noch mehr Hintergrundinfos, hier auch weitere Links zu Kritiken in der Presse

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