Frank Castorf fräst sich vom Bildungsbürgertum der Drei Schwestern bis zu den Muschiks durch die russische Seelenlandschaft

Nach Moskau! Nach Moskau! Der Versuch eines Vaudevilles nach Tschechows „Drei Schwestern“ und der Erzählung „Die Bauern“

Dazu müssen aber an diesem 4-stündigen Abend neben Tschechow u.a. noch Dostojewski, Heiner Müller und Stalin herhalten. Darunter macht es Frank Castorf nun mal nicht. Vorab, es ist eine Messe die alten Volksbühnenschauspieler die Castorf für diese Produktion gewonnen hat, wieder vereint auf einer Bühne zu sehen. Allen voran Kathrin Angerer als herrlich aasige Natalja, Silvia Rieger, Jeanette Spassova und Maria Kwiatkowsky geben die drei Schwestern Olga, Mascha und Irina, Milan Peschel den Werschinin, Bernhard Schütz als Tschebutykin, in weiteren Rollen Margarita Breitkreiz, Bärbel Bolle, Lars Rudolph, Sir Henry, Harald Warmbrunn, Trystan Pütter, Mex Schlüpfer und Michael Klobe. Anders als bei den holperigen Soldaten funktioniert dieses Ensemble von Anfang bis zum Ende fast traumwandlerisch.
Im Saal waren fleißige Tischler am Werk, die Wandvertäfelung und die Sitze sind aufgearbeitet und frisch lasiert, die Bestuhlung hat neue Polster bekommen. Die Wände leuchten hell aber der alte Charme ist erhalten geblieben, Patina setzt alles mit der Zeit von alleine wieder an. Auch auf der Bühne gibt es Tischlerarbeiten zu sehen, aber von Patina auch hier keine Spur.
Zwei Ebenen gibt es in dieser Inszenierung. Die besagten Drei Schwestern, gespielt auf einer höher gelegenen Holzterrasse und Die Bauern angesiedelt in einer Holzhütte am Rand der Bühne. Oben das gutsituierte Bildungsbürgertum und unten die Muschiks das Lumpenproletariat, das Marx nach Heiner Müllers Aussage nicht aus der Revolution hätte ausschließen dürfen, das es auch nach der russischen Oktoberrevolution vergessen wurde, „…war die Grundlage für die stalinistische Perversion.“ Darum geht es im großen und ganzen in Castorfs Inszenierung, um diese Grenzen zwischen den Schichten, die sich mit der Zeit immer mehr aufgelöst haben. Parallelen zu unserer Gesellschaft sind da durchaus gewollt.
Die Anfangsszene zu Irinas Namenstag wirkt wie eine schlechte Satire auf Steins Drei Schwestern, eine von Ihnen sitzt mit Edith Clever sogar im Publikum, sie spielt immer noch die Herrin von Genets Zofen an der Volksbühne. Die Kostüme bei Castorfs Schwestern und den Offizieren sind die gleichen, nur die Gesten sind übertrieben, die Figuren bis zur Sprache hin total überzeichnet. Hysterie der Schwestern und Steifheit bei den Männern, beispielhaft dafür der Gymnasiallehrer Kulygin des Sir Henry als englischer Snob. Ganz anders dagegen die Bauern in ihrer Kate, die Spielszenen wechseln sich mit den gleichen Schauspielern in anderen Rollen ab. Übertriebene orthodoxe Religiosität der Alten, die Jungen streiten um Platz, Essen und die letzten Kopeken. Es herrscht ein System der hierarchischen Unterdrückung innerhalb der Familie mit körperlicher Gewalt bis zum sexuellem Missbrauch. Sie sind unfähig jeglicher Empathie, fehlendes Mitgefühl verhindert sogar einen Brand zu löschen. Castorf hat dafür wieder die typischen trashigen Bilder gefunden von Lenin-Stalin-Tätowierungen bis zum Terror mit roter Fahne.
Die Drei Schwestern Tschechows werden fast wort-wörtlich genommen nur die Gefühligkeit der Figuren, die uns seit den 70er Jahren bekannt ist, treibt ihnen Castorf aus. Er führt eine Komödie auf, wie sie Tschechow vermutlich auch vor hatte. Es geht ihm aber dabei nicht nur darum einen falschen Traum zu zerdeppern, sondern das Missverständnis zu beseitigen, das die bisherige Rezeption seiner Meinung nach begründet hat, die Schwestern als melancholisch gefärbte, schön sprechende Gefühlswesen mit ihrer großen Sehnsucht von einer Zukunft in Moskau. Eigentlich reden alle nur aneinander vorbei, niemand ist wirklich kommunikationsfähig. Gefangen in ihren Konventionen sind sie unfähig jedweder Entscheidung zur Verwirklichung ihrer Wünsche. Die Olga der Silvia Rieger ist dafür das krassestes Beispiel. Sie untersagt sich und anderen jedwede Lust und ist an Steifheit nicht mehr zu überbieten. Die Annäherungsversuche der Schwestern mit den Offizieren enden zwangsläufig in ungewolltem Slapstick unterm Katendach.
Das Bindeglied zwischen diesen beiden Schichten bildet die Kleinbürgerin Natalja, die von Anfang an ein unbändiges Machtstreben verkörpern, ihren Mann Andrej zum Waschlappen degradiert und mit Kinderwagen in den Bioladen schickt. Sie nutzt alle sich bietenden Möglichkeiten zum Aufstieg gegen die willenlosen sich ihrem Schicksal ergebenden Schwestern aus und übernimmt schließlich das Kommando auf der Terrasse. Nachdem alle vertrieben sind, sitzt sie auf einem Thron und zitiert Dostojewskis Text aus den Dämonen vom „Gottesträgervolk“ dem neuen Russen. „Finger weg von der Terrasse“ herrscht sie die Schwestern an. Die einst Belächelte und Verachtete hat sich zur neuen Größe aufgerichtet. Dieser Traum hat in Russland heute wieder Konjunktur und seinen Ausdruck in den oligarchischen Machtverhältnissen und neuem Nationalismus. Am Ende sind es die Olga und ihre Tochter Sascha aus den Bauern, die wieder nach Moskau zurückkehren und dort zwar nicht ihr Glück finden aber es wenigstens versucht haben. Die drei Schwestern sind nun ganz losgelöst von ihrer Terrasse und schweben als schwarze Raben- oder auch Pechvögel über die Bühne.
Die ersten zweieinhalb Stunden dieser Inszenierung weiß man noch nicht genau wo der Hase hinlaufen soll, man braucht bei Castorf wie immer etwas Geduld, bis sich sein Konzept erschließt. In der Zeit nach der Pause kann man dann aber wieder richtig Spaß haben, inklusive Kinderwagenslapstick und unterdrücktem Männerwunsch lieber mal wieder ins Spielcasino zu gehen. Allein es fehlt ein rechter Bezug zur aktuellen Situation in Deutschland. Ironische Hinweise auf Bioläden allein erklären noch nicht, wo der Hase in unserer Gesellschaft im Pfeffer liegt. Wenn wir es nur wüssten! Ein Wetterleuchten am Horizont ist noch nicht zu erkennen. Aber wahrscheinlich stecken wir selbst schon zu tief in unserer eigen Selbstgefälligkeit. Warum, das weiß nur Frank Castorf allein.

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