Drei Farben: gelb, rot, blau oder Chinesisch für Fortgeschrittene

Dimiter Gotscheff und Mark Lammert übermalen den Filmregisseur Jean-Luc Godard an der Volksbühne

Jean-Luc Godard, geboren 1930 in Paris, ist mit Sicherheit einer der bekanntesten und umstrittensten französischen Filmregisseure aller Zeiten. Jeder glaubt ihn zu kennen und doch beschränkt sich das Wissen meist auf wenige seiner unzähligen Filme wie Außer Atem, Die Geschichte der Nana S. und vielleicht noch Masculin – Feminin oder: Die Kinder von Marx und Coca Cola. Filmstars wie Anna Karina, Jean Seberg, Brigitte Bardot, Marlène Jobert, Jean-Paul Belmondo, Michel Piccoli, und Jean-Pierre Léaud haben bei ihm ihre Karrieren gestartet. Er hatte radikal mit den gewohnten Wahrnehmungen der Realität in seinen Filmen gebrochen, ansonsten ist Godard wenn keiner was versteht und die Farben so schön bunt sind. An der Volksbühne gibt es wie in Godards Film „Die Chinesin“ von 1967 drei Farben. Es stehen viele gelbe und eine rote Stoffbarriere auf der Bühnen. Die gelben sind drehbar wie zu einem Labyrinth aufgebaut, die Schauspieler verirren sich mehrfach in ihnen und die rote wird immer wieder als Fahne oder Einwickelpapier benutzt. Später fällt noch eine blaue Stoffbahn vom Schnürboden und dreht sich mit der Bühne zu schönen Figuren.
Der Film handelt von einer Gruppe von Studenten, die sich im Vorfeld der Unruhen an den Pariser Universitäten von 1968 in einer Kommune versammeln, Marx und Mao lesen und die Revolution proben. Was erst wie ein Spiel anmutet, man beschäftigt sich auch mit Brecht, wird irgendwann bitterer Ernst, als die Ermordung einer prominenten Persönlichkeit beschlossen wird. Hier bricht die Gruppe auseinander, ein Teil geht aber den Weg des Terrors weiter.
In der Bühnenversion tragen die Schauspieler Sebastian Blomberg, Frank Büttner, Bernd Grawert, Max Hopp, Barbara Prpic, Anne Ratte-Polle und Marie-Lou Sellem die Klamotten der Filmprotagonisten in den Farben gelb, rot, blau, Mao-Look neben 60er Jahre Minirock und bürgerlichem Anzug. Die Luft ist schon am Anfang raus, als in einer Diskussion aus dem Off mit einer gewaltbereiten Studentin der Gesprächspartner nichts von solchen Aktionen hält. Daraufhin versuchen sich alle Darsteller auf der Bühne erst mal mit Jiu-Jitsu-Figuren warm zu machen. Infolge treten die Schauspieler nun an die Rampe, sprechen Texte aus Filmen von Godard, spielen politische Schulung oder beschäftigen sich mit den Tüchern. Bernd Grawert hat eine Indianerfeder am Kopf und kriecht zum Sprechen auch mal nach vorn. Er spricht den schönen Text von den Urvätern die zu einem Ritual in den Wald gegangen sind, Feuer gemacht haben und Gebete sprachen, die erhört wurden. Mit der Zeit ist erst die Fähigkeit Feuer zu machen verschwunden, dann die Kenntnis über die Gebete, und er bleibt nun lieber zu Hause, da er auch den Platz im Wald nicht mehr weiß. Aber man kann ja immer noch die Geschichte darüber erzählen. So ist es mit der Revolution und auch mit den 68ern, es bleibt allein eine schöne Erinnerung.
Das Problem der Inszenierung ist, das Gotscheff versucht, das System der Collage seines Tschechow-Abends im DT auf Godard zu übertragen. Tschechow ist in jedermanns Gedächtnis, man konnte da fast unendlich viele Gedanken, Gefühle und Bilder assoziieren. Es gab auch einen roten Faden, eine Geschichte. In der sogenannten Übermalung der Chinesin von Dimiter Gotscheff und seinem Bühnenbildner Mark Lammert gibt es nur eine vage Richtung, totalitäre Vorstellungen von Revolution, Sex, Verblendung, der Weg in den Terror etc. Godard hatte einfach die Kamera drauf gehalten und so läuft auch die Inszenierung ab, etwas zusammenhanglos das Ganze. Godard ist was für Kenner und Liebhaber seines Kinos. Das bloße Zitieren der Wahrheit, irgendwann kommt der Spruch von Brecht, funktioniert hier auf der Bühne leider nicht. Alles in allem ist dieser Abend sehr angestrengt und verkrampft, aber immer noch relativ sehenswert, wenn man Interesse hat sich das anzutun. Man kann es wirklich nur sehr schwer beschreiben, was da gestern genau abgelaufen ist, mir fällt im Moment leider auch nicht mehr ein. Welche Rolle Wolfram Koch als Gast spielt, laut Programmheft sollen es ja wechselnde sein, bleibt auch relativ unklar, ein unbeteiligter Beobachter, vielleicht Godard selbst als lebendes Zitat. Die Geschichte der ägyptischen Kinder, die ausgesetzt von ihren Eltern neben einem Stall mit Schafen aufwachsen und später blöken, als die Sprache der Götter zu sprechen, trägt er ganz zum Schluss vor. Sie ist symptomatisch nicht nur für unser affirmatives Verhalten gegenüber manchen Ritualen der Vergangenheit, sondern auch für unsere Wahrnehmung des gesamten Abends. Denn, verstehen wir noch was uns da vorgeblökt wird oder sprechen wir schon eine ganz andere Sprache? Das Programmheft zumindest ist lesenswert, aber wer Godard nicht wirklich kennt, kommt ihm hier auch nicht näher.
Im Publikum saß DT-Intendant Ulrich Khuon, er dürfte froh gewesen sein, das Gotscheff sich bei ihm an Tschechow versucht hat, denn dieser Godard ist selbst für die Volksbühne zu sperrig.

La Chinoise – Movie Trailer mit dem Song Mao, Mao

Die Chinesin – Filmausschnitt mit Jean-Pierre Léaud als Schauspieler Guillaume


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