Wider den Naturalismus – Katie Mitchell und Leo Warner schaffen an der Schaubühne Strindbergs Theater ab

August Strindbergs Fräulein Julie als live eingespieltes Filmessay aus der Perspektive der Köchin Kristin

August Strindberg hat zu seinem naturalistischen Trauerspiel „Fräulein Julie“ ein Vorwort (1888) geschrieben, in dem er sich u.a. mit der Aufführungspraxis an den Theatern seiner Zeit kritisch auseinandersetzt. Es plädiert dort für ein intimeres Theater mit weniger Sitzplätzen, einer sparsamen Ausstattung, Seitenlicht anstatt der üblichen Rampenbeleuchtung, und kürzerer konzentrierter Spieldauer um dem Zuschauer nicht die Möglichkeit der Ablenkung zu geben. All das ist in unserer Zeit auf deutschen Bühnen Alltag. Trotzdem nimmt sich das Team um die englische Theaterregisseurin Katie Mitchell und den Videofilmer Leo Warner Strindbergs Fräulein Julie wieder vor und versucht in einem Theaterexperiment mit Mitteln des Films, diese Thesen noch mal neu umzusetzen.
Filme auf der Bühne, Theaterstücke als Film, das kennen wir bereits, nun gibt es auch das gefilmte Theater nicht zum Zwecke der Verwertung als Filmdokument sondern live vor Publikum und hier ist nicht der zusätzliche Einsatz der üblichen Videokamera gemeint, sondern ein ganzes Team bewegt sich wie auf einem realen Filmset mit Kamerawechseln, Auf- und Abbau der Beleuchtung inklusive einer Filmkulisse, bestehend aus der Küche und anderen Nebengelassen des Theaterstücks. Die Geräusche werden ebenfalls live durch die Teammitglieder erzeugt, wie beim richtigen Tonfilm. Das Ergebnis ist auf einer Videoleinwand über dem Set zu sehen.
Einer weiteren Passage aus Strindbergs Vorwort zu seinem Bühnenstück scheint es aber den Machern besonders angetan zu haben. Er schreibt über seine immer wieder vorkommenden Nebenfiguren, hier ist das die Köchin Kristin, Verlobte des Dieners Jean, den sich das Fräulein Julie in einer launigen Mittsommernacht als Gespielen ausgesucht hat. Strindberg bezeichnet Kristin als Sklavin, unselbständig und stumpfsinnig, er führt sie nur als Moralapostel ein. „Das diese Nebenfiguren manchmal abstrakt erscheinen, liegt daran, dass Alltagsmenschen im gewissen Sinne in ihrer Berufsausübung abstrakt sind, das heißt unselbständig und einseitig. Und solange der Zuschauer nicht das Bedürfnis empfindet, diese Figuren von mehreren Seiten zu sehen, ist meine abstrakte Schilderung wohl relativ richtig.“ Katie Mitchell setzt dieses Interesse bei uns voraus und erhebt Kristin in den Stand der Hauptrolle ihres Filmessays. Denn mehr kann dieses Vorhaben nicht werden, es fehlt an Dramatik und Fallhöhe, die dürftige Geschichte wird mit Livemusik der Cellistin Chloe Miller aufgepeppt, da es an Text mangelt, werden zwei Gedichte der dänischen Dichterin Inger Christensen eingefügt. Sie ist im letzten Jahr verstorben und galt lange als Nobelpreiskandidatin. Eines ist das Gedicht „Alfabet“ in dem bestimmte Dinge der Natur aufgezählt werden.

die aprikosenbäume gibt es,
die farne gibt es; und brombeeren, brombeeren
und brom gibt es; und den wasserstoff, den wasserstoff
die tauben gibt es; die träumer, die puppen
die töter gibt es; die tauben, die tauben;
dunst, dioxin und die tage; die tage
gibt es; die tage den tod; und die gedichte
gibt es; die gedichte, die tage, den tod

usw.

Wir sehen nun der Köchin Kristin gespielt von der auch filmerprobten Jule Böwe beim Kochen zu, es gibt Nieren, und bei weiteren Verrichtungen der Hausarbeit. Argwöhnisch beobachtet sie dabei das Treiben zwischen ihrem Verlobten Jean und Julie. Sie leidet und erduldet alles fast stumm und zieht sich irgendwann ins Bett zurück. Am nächsten Morgen belauscht sie die beiden durch den Fußboden, die Stimmen werden live aus zwei Tonkabinen dumpf wiedergegeben. Der leidenschaftliche Kampf der Geschlechter und Stände ist auf Blicke, kurze Wortwechsel und Symbolik reduziert. Dieses Kunstexperiment ist dermaßen bedeutungsaufgeladen, ohne jedoch wirklich Bedeutendes außer schöne Bilder die im Kino sicher ihre Wirkung zeigen würden, zu Tage zu fördern.
„Ein wirksames Drama“ ist ein weiterer Beitrag August Strindbergs für das Programmheft überschrieben. Darin stellt er eine Kanon für dramatische Werke auf. Diese Thesen nehmen die Macher sehr ernst. Es wird mit vielen Andeutungen gearbeitet, es gibt ein Geheimnis auf dessen Auflösung man wartet, Demütigung und den überraschenden Abschluss. Die Schlussszene ist stark zusammengestrichen. Nach dem Flehen Julies, das doch Kristin mit ihnen in die Schweiz komme, fallen nur noch die Worte: „Hören Sie, Fräulein! Glauben Sie selbst daran?“ Stumm gibt sie Jean das Rasierzeug. Später wird sich Julie damit umbringen, Blut ist auf Tisch und Stuhl in der Küche zu sehen. Kristin scheint  entsetzt, oder spielt sie es nur, wir wissen jedenfalls nicht, wer dort in seinem Blute liegt.
Katie Mitchell und den Leo Warner treiben mit dieser vollkommenen Künstlichkeit der Bilder jeglichen Naturalismus aus Strindbergs Stück aus. Wozu diese filmische Übung gut ist, bleibt ihr Geheimnis. Die Beiden hatten bereits 2008 Franz Xaver Kroetz` stummes Drama „Wunschkonzert“ in Köln als Live-Film auf die Bühne gebracht und wurden damit zum Theatertreffen eingeladen. Dies ist die Fortsetzung dieser Unternehmung aber hier zündet das Experiment nicht, da Kristin als stummes Wesen keine wirkliche Geschichte imaginieren kann. Theater als reines Kunstevent. Dieses Experiment hat den Vorteil, das es nicht beliebig wiederholbar ist, ohne irgendwann Überdruss zu erzeugen. Ich warte daher geduldig darauf, das an der Schaubühne wieder echtes Theater live auf der Bühne gespielt wird.

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