Burn out bei den Kindern der Sonne

Stephan Kimmig verkleinert am DT Gorkis vorrevolutionäre Personage und verlegt sie ins Mitte-Berlin

Maxim Gorkis „Kinder der Sonne“ wird wenig gespielt. Er schrieb das Stück, seine Erlebnisse des Petersburger Blutsonntags verarbeitend, 1905 in der Haft der Peter-Pauls-Festung und verlegte die Handlung ins vorrevolutionäre Russland der Cholera-Epidemie von 1892. Erst vor einem Jahr gab es eine Version des Stücks von Luc Perceval bei seinem Antritt als Oberspielleiter am Hamburger Thalia Theater. Er hatte die russische Intelligenzia in ihrem Elfenbeinturm mit tragik-komischen Zügen ausgestattet und für seine Therapiesitzung sehr zwiespältige Reaktionen geerntet. Hier war der Gegenpart die Proleten noch in Form eines Kindermädchens und des Hausmeisterehepaars vertreten.
Am DT muss diesen Part nun der Hausmeister Jegor allein stemmen. Markus Graf gibt ihn als buckligen dauerbesoffenen Erniedrigten und Beleidigten der den Hammer schwingt. Die eigentlichen Kinder der Sonne, wie sie Gorki noch als nach dem Licht der Erkenntnis Strebende beschrieb, sind nun saturierte bürgerliche Spießer, die sich nur um sich selbst drehen und schnell ist klar, das hier nicht Russland gemeint ist, sondern die heutige Zeit in der schicken Mitte von Berlin. Stephan Kimmigs Elite, die eigentlich zum Wohle des Volkes forschen und Idealistische Kunst erschaffen wollte, ist alles nur noch unnötig und peinlich oder sie resigniert zynisch vor der Zukunft. In ihrem Mittelpunkt stehen nur ihre vergebliche Suche nach Liebe, Geld und die Angst gesellschaftlich zu scheitern. Kimmig bietet für seine Sicht auf das Mitte dieser Tage ein Staraufgebot an Bühnenschauspielern auf, wie es schon lange nicht mehr in Berlin zu sehen war. Nach seinem eher gescheiterten Lessing geht er diesmal auf Nummer sicher und hat alles richtig gemacht. Die Schauspieler allen voran Ullrich Matthes als völlig weltfremden Wissenschaftler und Menschheitsversteher Protassow tänzeln diesen Abend, auch schon mal mit russischer Folklore aus, als wäre es das Selbstverständlichste von der Welt. Es ist streckenweise atemberaubend. Nina Hoss als Protassows Frau Jelena ist hier nicht nur die leidende vernachlässigte Gattin, sie darf auch schon mal die Contenance verlieren als Protassow eher um seine Forschung und über Unannehmlichkeiten besorgt ist, als um das Glück seiner Ehefrau. Die junge reiche Witwe Melanija, gespielt von Katrin Wichmann, rutscht ebenso glatt an ihm ab, als sie ihm ihre Liebe gesteht, dabei aber eigentlich nur einen schönen Menschen für sich kaufen will. Sven Lehmann als Künstler Wagin interessiert seine Kunst schon lange nicht mehr wirklich. Das er eigentlich das Sonnenschiff, das Jelena im Traum gesehen hat malen soll, kommt in Kimmigs Inszenierung gar nicht vor. Wagin poltert hier nur und als er seine Liebe zu Jelena enttäuscht sieht, gibt er einen resignierenden Kalauer mit dem Steiner-Gedicht von Robert Gernhardt zum Besten.
Beckmann sprach zu Rudolf Steiner:
„Wird mein Bild nicht immer feiner?“
Darauf knurrte Steiner: „Beckmann,
wisch den Unfug lieber weg, Mann!“
Ein weiteres vergebliches Liebespaar ist mit Katharina Schüttler als Lisa, gemütskranke Schwester Protassows und Alexander Khuon als Tierarzt Boris Tschepurnoj, Bruder von Melanija am Start. Das ist Resignation pur. Hier versagen sich zwei eine Liebe, das es einem schon das Herz zerreißen möchte. Der beginnende Wahnsinn ist Lisa schon von Anbeginn eingeschrieben, Boris, selber tief depressiv und ein zynisch vom Leben Enttäuschter, kann dem nicht viel entgegensetzen, sein Freitod aus enttäuschter Liebe ist allerdings in Kimmigs Inszenierung etwas unverständlich. Der Mob der sich vor den Türen des Hauses formiert, ist hier nicht anwesend. Lisa ist die Warnerin, die als Kassandra Verschriene, die man lieber ins Bett schickt, weil man sich ihrer schämt. Als dann Jegor wieder besoffen und nicht als Anführer eines Progroms ins Haus stürzt, wird er wie ein aus der Rolle gefallener Straßenfegerverkäufer in der U-Bahn behandelt und angespuckt. Was da draußen eigentlich wirklich los sein könnte, interessiert hier drinnen niemand mehr. Kimmig entzaubert das tolerante Bildungsbürgertum konsequent, kommt aber über Edelboulevard nicht hinaus. Irgendwie hat man das alles schon x-mal gesehen, hier allerdings von unterforderten Bühnenstars in Höchstform. Kein Funken Utopie nichts, das Schiff der Sonne liegt vermodert auf Reede.

„Wenn wir zu hoffen aufhören, kommt, was wir befürchten, bestimmt.“
Ernst Bloch

„Nur wenn wir die Tragik unseres Daseins erkennen, tief sein Geheimnis spüren, werden wir uns einander zuwenden, weil wir dann begreifen, daß für den Menschen nichts wichtiger und wertvoller sein kann und darf als der Mensch.“
Maxim Gorki

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