Lieben bis es weh tut – Die Penthesilea von Kleist muss sich am Gorki-Theater in der Regie von Felicitas Brucker schmerzhaft emanzipieren

Erst vor kurzem im regnerischen Spätsommer, hat das aufbruch-Gefängnistheater auf der Museumsinsel Kleists Penthesilea als Chordrama inszeniert, in dem der Einzelne nichts ist ohne die Geborgenheit in der Tradition und die Zugehörigkeit zu einer Gruppe. Ein Kampf zwischen den Geschlechtern, Klassen und Rassen bis zum bitteren Ende. Heute regnet es wieder und erneut stehen sich unweit der Museumsinsel am Festungsgraben in Mitte die beiden unvereinbaren Pole gegenüber. Felicitas Brucker hat auch Christa Wolfs Nachwort zu Kleists „Penthesilea“ gelesen. Sie biegt aber die beiden Enden des Magneten zusammen bis es schmerzt.
Auf einer sperrhölzerner Bühne mit schiefer Ebene die sich zwischen einer Schlucht hebt und senkt und die mit einer Brücke überspannt ist, stehen zu Beginn alle Protagonisten Männer wie Frauen an der Rampe und beschreiben den Zusammenprall der Heere der Amazonen und Griechen. Dazu gibt es pathetische Musik von Bach. Anschließend rennen alle auf der schiefen Ebene nach oben und rutschen wieder ab. Dieser Vorgang wiederholt sich mehrfach an diesem Abend, der vergebliche Versuch den Konventionen der Gruppe zu entfliehen. Als Zeichen des Krieges hängen sich alle Erkennungsmarken um und zerstreuen sich. Die Griechen werden von ihrem Stimmungsmacher Odysseus (Wilhelm Eilers) angestachelt, die Frauen haben ihre Zuchtmeisterin in Reithosen. Die Oberpriesterin (Nele Rosetz) trainiert ihre Amazonen wie eine Gruppe Cheerleader, immer wieder werden die Verse und Choreographien des Amazonenbrauchtums einstudiert.
Felicitas Brucker stellt die beiden Kontrahenten Penthesilea und Achill als Ausbrechende aus ihren Systemen aus Tradition und Gruppenzwang dar. Immer wieder will Penthesilea, selbstbewusst aber auch zweifelnd dargestellt von Anja Schneider, der Selbstdisziplinierung „Fasse dich“ entfliehen und bleibt doch bis sie mit Achill, sportlich forsch Michael Kammer, zusammenstößt, eine Sklavin des verinnerlichten Amazonenkults. Prothoe (Julischka Eichel) überredet den siegreichen Achill sich Penthesilea zum Schein zu ergeben. Er geht darauf ein, da sein Interesse für Penthesilea erwacht ist. Die plötzliche Liebe, lässt die beiden wie junge Hunde raufend die schräge Ebene erklimmen, verkeilt ineinander ein Paar das sich von allen Zwängen zu befreien scheint. Popmusik und Videoeinblendungen von Stefan Bischoff verstärken dieses unbändige Gefühl. Hier ist leider Pause, das zerreißt diesen bisher sehr gelungen Abend etwas. Nach der Pause leben Penthesilea und Achill in einem großen Wasserbehälter aus Plastik ihre frisch gewonnene Liebe aus. Prothoe sitzt sichtlich gequält neben diesem Glück. Es bleibt aber Ziel Penthesileas Achill als Beute zum Rosenfest zu führen, sie erzählt ihm die Geschichte der Entsehung des Amazonenstaats, mit seiner Tradition der sie verpflichtet ist und das Achill ihr von den Göttern vorbeschrieben sei. Dieser will sie aber umstimmen mit ihm zu ziehen als seine Königin. Eine Lösung ist nicht in Sicht, das Paar wird von den Griechen und Amazonen getrennt, der Krieg und die Pflicht steht wieder zwischen ihnen. Die Griechen fallen in das Lager der Amazonen ein, rauben und vergewaltigen.
Aber Achill will Penthesilea, er sucht erneut den Kampf, um sich ihr endgültig zu ergeben. Er schlägt alle Bendenken der Griechen in den Wind. Diomedes (Christian Kuchenbuch) und Odysseus können es nicht fassen. Auf Odysseus bohrender Frage ob der ganze Helenenstreit vor der Dardanerburg, gleich einem Morgentraum vergessen sei, ist Achill Troja egal, als wenn es just in einem See versinken würde. Wie ein Besessener schleudert er den Boten gegen die Sperrholzwände, nur auf die Botschaft Penthesileas lauernd. Auch Penthesilea widersetzt sich nun den Amazonen, ruft ihre geballte Streitmach von Hunden und Elefanten und zieht ihrem Geliebten entgegen. Um sich zu befreien muss sie erst zerstören, was sie doch liebt. Erst dadurch sind ihr die Augen geöffnet, der blinde Gehorsam zerfällt in freien Willen. Die Sinnlosigkeit der erzwungenen Werte wird offenbar. Hierin unterscheidet sich die Rezeption von Felicitas Brucker von der üblichen, in der Penthesilea die Tat im vollen Wahn verübt.
Die beiden Streitenden/Liebenden steigen aus dem Wasserbehälter nun Blut überströmt und rennen wieder die schiefe Ebene an, schließlich an ihrem Scheitel hängend und ein letztes Mal abrutschend, dann ist Achill tot. Einen Chor bildend berichten alle anderen von dem Kampf. Zum Schluss stehen nur noch die Oberpriesterin und Odysseus am Bühnenrand. Die Worte der Priesterin aufteilend, schieben sich die beiden Einpeitscher die Schuld für den Tod Achills gegenseitig zu. Die letzten Worte gehören wieder Penthesilea: „Küsse, Bisse, das reimt sich und wer recht von Herzen liebt, kann das eine für das andre greifen.“ Sie sagt sich los vom Gesetz der Amazonen und gräbt sich tief aus ihrem Herzen ein vernichtendes Gefühl. Aber ein Dolch wird nicht daraus, das Pathos Kleists ist tot, Penthesilea hat sich endgültig emanzipiert.

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