In der Nische – zwei Stücke von Nis-Momme Stockmann in Berlin

„Kein Schiff wird kommen“ in der DT-Box und „Das blaue, blaue Meer“ im Heimathafen Neukölln

Die ganz großen Themen sind die Sache nicht von Jungautor Nis-Momme Stockmann, ganze vier Stücke sind von ihm aber bereits seit 2009 uraufgeführt worden. Eine Menge für einen 29-jährigen, der bereits den Heidelberger Stückemarkt und einen Werkauftrag vom Stückemarkt des Berliner Theatertreffens erhalten hat. Theater heute wählte ihn zum Nachwuchsdramatiker des Jahres 2010. Mit „Kein Schiff wird kommen“ wurde er für den Mühlheimer Dramatikerpreis 2010 nominiert. Das ist eine Menge Lorbeer und so durfte man zu Recht gespannt sein auf die Zweitaufführung des Stückes in der Box des Deutschen Theaters. Eingerichte wurde es hier vom jungen Regisseur Frank Abt, die Bühne ist von Anne Ehrlich. Vor einen roten Samtvorhang tritt Paul Schröder, er spielt einen Jungautor in Stockmanns Stück und erzählt etwas von Relevanz und Nachhaltigkeit im Theater. Der Markt braucht große Themen, so wollen es die Intendanten. Eine schöne Persiflage auf den aktuellen Theaterbetrieb. Als der Vorhang zur Hälfte aufgezogen wird, steht dort ein kleiner Tisch und der Autor sitzt und schwitzt sich das Große aus den Rippen. Ein Stück zum Jubiläum der Wende soll es sein. Ein Thema das ihn eigentlich nicht interessiert, er hat keine Beziehung dazu, da er 1989 eigentlich noch ein Kind war. Ein Brüderpaar am See hätte er noch anzubieten, aber diese Sachen sind nicht gefragt und auch eher inflationär. So quält er sich, brütet, wütet und fährt schließlich verzweifelt zu seinem Vater, der allein auf der Nordseeinsel Föhr lebt, wo auch Stockmann herkommt. Der Vorhang geht nur ganz auf und zeigt eine Mauer mit Schieferplatten, hinter einer Folie sitzt ein Mann am Tisch.
Der Texts Stockmanns ist nicht genau in Rollen geteilt, die Monologe des Jungen und die Dialoge mit dem Vater teilen sich Paul Schröder und ein zweiter Schauspieler, Elias Arens. Er gibt den eher ruhigen Part und übernimmt dabei immer mehr die Rolle des Vaters, der Sohn nervt mit seinen Fragen und Geschichten, die er schon hundertmal erzählt hat. Es steht eine Mauer zwischen ihnen, die nur sehr langsam durchsichtig wird, wenn es um die Vergangenheit geht blockt der Vater ab. Der Sohn kommt nicht durch bei ihm und ist wiederum in seiner eigenen Verbohrtheit gefangen. Zur Wende hat der Vater auch keine große Geschichte zu erzählen und fragt warum der Sohn denn nicht auch etwas ganz Gewöhnliches schreiben kann. Dann erzähl mir was von Mutter. Hier fällt krachend die Mauer und Markwart Müller-Elmau sitzt nun als Vater am Tisch und windet sich. Die Mutter die zur Zeit der Wende begann Gespenster zu sehen, ist immer still anwesend in der Figur der Akkordeon spielenden Silke Lange. Sie zupft den aufgeregten Jungen am Ärmel und drängt sich immer mehr in sein Bewusstsein. Er fährt nach Hause und beginnt, gequält von albtraumartigen Sequenzen und der großen Angst vor dem Versagen, seine Geschichte nieder zu schreiben.
Keine Frage, Paul Schröder trägt die Aufführung über die 90 Minuten hervorragend, allerdings vermittelt dieser ständig aufgeregt Text ausspeiende Angry Young Man eine Redundanz, die durch den eher ruhigen Part von Elias Arens kaum gebrochen werden kann. Das ist auf Dauer enervierend und trägt nicht viel zum Verständnis des eigentlich recht persönlichen und tief ins Innere eines Zerrissenen führenden Textes von Stockmann bei. Die Mauer fällt dann recht unvermittelt. Das dieses sich Freischreiben des Sohnes auch eine Befeiung für den Vater ist, dreht Abt hier in seiner Inszenierung völlig um. Der Vater liest zu Schluss mit zitternder Stimme die Geschichte des Sohnes über das langsame Sterben der Mutter vor. Es ist sicher für beide Seiten schmerzhaft, wenn das persönliche Drama einer ganzen Familie ans Licht tritt, aber das in einem alten einsamen gebrochenen Mann hinter einer Folie darzustellen, ist einfach zu platt. Hier kommt dann doch der Bezug zum eigentlichen Vater-Sohn-Konflikt zu kurz und der Kontrast zum großen Thema fehlt. Das was Stockmann wichtig ist, der Blick in die Nische anstatt ständig nur an der Oberfläche zu kratzen, erstarrt in Plattitüden, das Stück ist nach hinten raus leider auch einfach etwas dünn. Der Bruch zwischen den Zweifeln und der eintretenden Erkenntnis des Sohnes, über was er eigentlich Schreiben will und muss, war in der Stuttgarter Inszenierung glaubwürdiger dargestellt. Hier erscheint er mir zu abrupt vollzogen. Der rote Vorhang ist aber durchaus eine schöne Metapher. Steht man davor erwartet man gespannt eine große tragische Geschichte, wenn er sich dann öffnet, zeigt er meist nur ein kleines persönliches Drama, das aber durchaus auch Relevanz für das große Publikum haben könnte. Trotzdem ist natürlich Frank Abts Inszenierung durchaus sehenswert.

Wie man einen schwierigen widersprüchlichen Text von Nis-Momme Stockmann ganz unaufgeregt und trotzdem eindrucksvoll aufführen kann, zeigt die Inszenierung von „Das blaue, blaue Meer“ in der Regie von Stefanie Aehnelt im Heimathafen Neukölln.
Die Stockmannsche Nische ist hier eine Sozialbausiedlung am Rande der Stadt, am Rande der Gesellschaft mit einer Tafel am Eingang, die genau über alle Gewalttaten berichtet und diesen Ort so zu einer skurrilen Endstation gescheiterter Existenzen deklariert. Angelegt von Politikern und Stadtplanern, um das Elend auszusperren und so, dass man darin nur verloren gehen kann.
Auf der Studiobühne, die wie ein Kinderspielplatz in so einem Neubauwohngebiet von Svenja Kuhr gestaltet ist, sind die drei jugendlichen Protagonisten ständig präsent. Darko, dargestellt von Nico Ehl, hat sich dem Suff ergeben, er erzählt vom sternenlosen Himmel über der Siedlung, keine Hoffnung oder Zukunft nirgends, das er mal eine Vergangenheit hatte mit Geschwistern, Karate und Musik blendet er durch den Alkohol konsequent aus. Sein Freund Elle (Roald Schramm) mit dem er sich regelmäßig zum gemeinsamen Trinken trifft, ist schon eine Stufe weiter, sein Auftreten ist bereits sichtlich vom Delirium geprägt. Dahin ist Darko auf dem besten Weg, im Vollrausch entgeht er nur um Haaresbreiten dem Tod auf den Eisenbahngleisen, sein Fuß bleibt dabei aber auf der Strecke. Der Arzt legt ihm ernsthaft nahe mit dem Saufen aufzuhören, aber Darko ist bereits wie in einer Art Zeitschleife gefangen. Das Ausweg führt meist nur über einen finalen Sprung von einem der Plattenbauten.
Der Text von Nis-Momme Stockmann ist hier ebenfalls zu großen Teilen ein wütender Monolog der Hauptfigur Darko über die Sinnlosigkeit seines Daseins, zwischen Arbeitsamt, Siedlungsalltag mit Gewalt, sexuellen Missbrauch und Selbstmord und den einsilbigen Saufgelagen mit seinem Kumpel Elle. Roald Schramm übernimmt auch immer wieder die andere Rollen. Das ist in seiner Drastik kaum auszuhalten, jedoch durch die sparsame Mimik, Gestik und seine kräftige Sprache macht Nico Ehl aus seinem Darko keine übergroße Leidensfigur, sondern einen Menschen, der immer noch irgendwie an etwas zu glauben scheint. Er kämpft sich geschickt durch den philosophierenden Text von Stockmann mit seinen ständigen Fragen und Rückkopplungen. Seine vergebliche Suche nach den Sternen führt ihn schließlich zu Motte, einer jungen Prostituierten, in ihrer Rätselhaftigkeit bestechend glaubwürdig von Salome Dastmalchi dargestellt, die ebenso wie er in dieser Siedlung gefangen scheint. Sie hat aber auch einen Traum, den vom blauen Meer wohin sie irgendwann will. Allein es bleibt ein Tagtraum, dem auch beide gemeinsam nicht entfliehen können. Selbst ein Besuch im Zoo wird zum Desaster und sie können die Tiere schließlich nur durch den Zaun sehen. Sie bleiben letztendlich draußen und gefangen in ihrer Welt, die wir wiederum oft genug einfach ausblenden. Das Leben von Darko und Motte spielt sich weiterhin zwischen dem Traum von Norwegen mit Meer und Sternen und der sinnlosen Realität des Plattenbaus ab. Die Liebe bleibt immer da zwangsläufig auf der Strecke, wo es an echten Perspektiven fehlt. Das Warum ist als ständig bohrende Frage in den Text des Stückes eingeschrieben.

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