Wer, wie, was – Wieso, weshalb, warum – Sei schlau, bleib lieber dumm!

In Patrick Wengenroths herrlicher Farce auf Die letzten Tage der Menschheit von Karl Kraus im HAU 2 liegt die Silk-Ecke von Wien mitten auf der Sesamstraße.

Karl Kraus` Lesedrama „Die letzten Tage der Menschheit“ sollte für ein Marstheater gedacht sein, „…Theatergänger dieser Welt vermöchten ihm nicht standzuhalten.“ Er hatte darin den 1. Weltkrieg dokumentiert, eine Montage von originalen Zitaten und Kommentaren mit unzähligen realen und fiktiven Figuren in über 200 Spielszenen. Ein Werk was in 5 Akten mit Vorwort, Vorspiel und Epilog an die 10 Abende zur Aufführung gebraucht hätte. Kraus ein Meister der satirischen Zeitkritik, hatte hier eine fast unglaubliche Realsatire über den Wahnsinn des Krieges verfasst. Wenn nun einer in Sprache und Ideenreichtum ebenso versierter aber in seinen Mitteln mit Sicherheit nicht in die Fußstapfen des ewigen Moralisten Karl Kraus tretender Theaterberserker wie Patrick Wengenroth sich dieses unspielbaren Dramas annimmt, was könnte dann nicht alles daraus werden?
Wir sitzen vor einem riesigen Gerüst, das mit einem roten Vorhang verkleidet ist. Patrick Wengenroth liest im Frack von oben herab das Vorwort von Karl Kraus. Der Vorhang wird aufgezogen und gibt eine an ein Kasperletheater anmutende Bühne über unseren Köpfen frei. Es treten nun Muppet-Figuren wie Sam der amerikanische Adler auf, Bart Simson oder Puppen aus der Sesamstraße wie Ernie und Bert, die das Aufhängen von Minderjährigen diskutieren, eine der vielen bösen kleinen Szenen bei Karl Kraus. Die Soldaten in T-Shirts mit Aufschriften wie Multikulti ist tot, Ich bin fremd im eigenen Kiez und Gott strafe England, tragen Kochtöpfe als Helm. Alle bei Kraus schon absurd überzeichnete Figuren sind hier nochmals überhöht und extreme Karikaturen des lächerlichen nationalen Wahns und Patriotismus. In persona tritt natürlich die österreichische Feuilletonredakteurin Alice Schalek auf. Sie war die einzige weibliche Kriegberichterstatterin und schrieb für die Wiener Neue Freie Presse, ein Blatt des liberalen Bildungsbürgertums, das Kraus für seine patriotische Berichterstattung immer wieder kritisierte. Hier erklärt sie den Patriotismus wie ein Gaststar der Sesamstraße. Die Schalek zieht sich durch das Werk wie die Szenen des Optimisten und des Nörglers, in der sich Kraus selbst darstellte. Bei Wengenroth findet das irgendwann unter der Bühne statt, im Stile einer Diskussion unter Intellektuellen, die auch einfach mal die Standpunkte vertauschen. Die Medienkritik ist schließlich auch das Thema von Wengenroth. Sam der amerikanische Adler tritt als Moralapostel auf und liest angestrengt in der FAZ. Es gibt immer wieder solche Anspielungen in den original von Karl Kraus entnommenen Spielszenen.
Zu einer bitterböse Satire auf die viel diskutierte Leitkultur, wird die Szene, wenn wie bei Kraus, Ordnungshüter fremdsprachige Aufschriften von Läden und Lokalen entfernen und sich dann selbst in der von Fremdwörtern nur so strotzenden österreichischen Sprache verheddern. Österreich bekommt sein Fett genauso weg wie Deutschland. Ein wichsender Bayer und ein besoffener Österreicher karikieren den Spießbürger und das neue Nationalgefühl „…wos hom denn Sö fürs Votterland geleisteet? Legimitiern S‘ Ihna! Vur mir!“ Ein reinstes Stahlgewitter der Lächerlichkeit bietet dann noch eine Ernst-Jünger-Karikatur als Bodybilder. In den Rollen des Normalessers und des Starkessers in herrlichen Fatsuits, werden immer wieder die von Intellektuellen wie etwa Alfred Kerr im 1. Weltkrieg patriotisch umgedichteten Klassiker von Goethe dargebracht. Wanderers Nachtlied wird da auch zu einem sicher nicht ungewollten Seitenhieb auf Thilo Sarrazin. Überhaupt hat Wengenroth sich auf das Aktuelle in den Szenen von Karl Kraus konzentriert und so einen ebenso schrägen wie klugen Abend zusammengebastelt. Ein großes Kompliment gilt den Darstellern, die das alles mit einem unglaublich körperlichen Einsatz präsentieren. Das ist sicher nichts für Karl-Kraus-Puristen, macht aber großen Spaß beim Zusehen. Unterstützt wird der Abend noch musikalisch von der Band „Die Türen“, die die Szenen immer wieder mit ihren Liedern wie „In die Stadt“ oder „Sei schlau, bleib dumm“ kommentieren.
Am Ende geht die Welt zwar nicht unter, aber nachdem das Gerüst vom Vorhangstoff befreit ist, steht das Theater zeimlich nackt da, zwei Sado-Maso-Figuren sprechen die letzten Kraus-Texte. Das Schlusswort hat wieder Wengenroth, er liest den Subito-Text von Rainald Goetz: „Ich schneide ein Loch in meinen Kopf, in die Stirne schneide ich das Loch. Mit meinem Blut soll mir mein Hirn auslaufen.“ Ein medial aufbereiteter Skandal 1983 in Klagenfurt, damals noch Aufruf für mehr Authentizität in der Literatur, heute ein Verweis auf den Zustand der Kultur, die zum Popevent verkommen ist. In Goetz Text tritt der bekannte Poptheoretiker Diedrich Diederichsen als Neger Negersen auf. „Nein, nein nein, immer alles zerschlagen,…“ sagt da Raspe, das Alter ego von Rainald Goetz. „Ja, sagte Neger Negersen, dann hast du die Identität, die Stabilität, und am Ende sogar noch einen Sinn.“ Der Sausinn wird wie bei Rainald Goetz auch von Patrick Wengenroth letztendlich verweigert. Das alles ist nicht ganz ohne Selbstironie, da Wengenroth, einst Rebell des Planet Porno, längst selbst in der Kulturinstitution Theater angekommen ist. Es wird noch ausgiebig getanzt, danach geht es sicher übergangslos zur Premierenfeier. Das mediale Ende der Menschheit ist nah, Patrick Wengenroth hat den Vorhang für die letzten Tage schon mal für zwei kurzweilige Stunden aufgezogen.

noch bis zum 27.10.10 im HAU 2

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