Von Kohlhaasenbrück nach Stuttgart 21 – Street Fighting Woman im Theater unterm Dach

Anja Gronaus Version von Kleists Novelle heißt „Kohlhaas. Hiermit kündige ich als Staatsbürger“

„An den Ufern der Havel lebte, um die Mitte des sechzehnten Jahrhunderts, ein Roßhändler, namens Michael Kohlhaas, Sohn eines Schulmeisters, einer der rechtschaffensten zugleich und entsetzlichsten Menschen seiner Zeit.  — Dieser außerordentliche Mann würde, bis in sein dreißigstes Jahr für das Muster eines guten Staatsbürgers haben gelten können. Er besaß in einem Dorfe, das noch von ihm den Namen führt, einen Meierhof, auf welchem er sich durch sein Gewerbe ruhig ernährte; die Kinder, die ihm sein Weib schenkte, erzog er, in der Furcht Gottes, zur Arbeitsamkeit und Treue; nicht einer war unter seinen Nachbarn, der sich nicht seiner Wohltätigkeit, oder seiner Gerechtigkeit erfreut hätte; kurz, die Welt würde sein Andenken haben segnen müssen, wenn er in einer Tugend nicht ausgeschweift hätte. Das Rechtsgefühl aber machte ihn zum Räuber und Mörder. (…)“
So beginnt Heinrich von Kleists Novelle vom braven Roßkamm, der dann auf seiner Reise nach Dresden, vom Junker Wenzel von Tronka, um zwei seiner Rappen gebracht wird und sich erst durch alle Instanzen klagen muss, bis er merkt, dass das Recht auch mit zweierlei Maß gemessen werden kann. Kleist untersuchte anhand dieser Geschichte, im Kontext der Aufklärung, die den Herrschaftsvertrag in eine legitime staatliche Ordnung wandeln wollte, ob der Einzelne ein Recht hat sich zu wehren, wenn ihm vom Staat Unrecht zugefügt wird. Kohlhaas rennt in gutem Gewissen mit seinen gerechtfertigten Ansprüchen gegen die Obrigkeit an und scheitert dennoch an deren Klüngel. Das lässt ihn schließlich verbittert aus dem Gesellschaftsvertrag aussteigen, um sich nun zu holen was im von Rechtswegen eigentlich zusteht. Wie ließe sich da nun eine Parallele zur heutigen Zeit ziehen, in dem der Rechtsstaat eigentlich verfassungsmäßig jedem garantiert ist?
Regisseurin Anja Gronau, die schon erfolgreich die Trilogie der klassischen Mädchen (mit Kleists Käthchen, Schillers Johanna und Goethes Grete) auf die Bühne des Theaters unterm Dach gebracht hat, setzt hier wieder auf eine weibliche Heldin und so wird aus dem rechtschaffenden Kohlhaas eine mit Pferdeschwanz bezopfte, schlaue Kohlhäsin. Renate Regel erklärt mit einiger Ironie, das es sicher schöner wäre sich einen Schiller anzusehen mit großen Worten a la „Gedankenfreiheit“ und so, aber was wenn einem dabei der Rechtsstaat flöten geht? Sie bestreitet diesen Abend im Alleingang inklusive aller weiteren Rollen, von denen sie nebenbei berichtet. Trotzdem wird die Erzählung auf offener Bühne, gestaltet von Mi Ander, nie langweilig. Schon der Beginn ist ein Vergnügen, wenn Regel die zwei Rappen mittels Kopfschütteln und tänzeln auf ihren Stiefeln erstehen lässt, mit stattlichen Flanken versteht sich. Der Weg durch die Institutionen, um die vorenthaltenen Pferde zurück zu erlangen, erfolgt mittels Eintüten von Briefen und Darstellen der vielen Orte anhand von Kreidestrichen auf dem Boden. Die Namen der Städte und Adressaten zieren bald die ganze Bühne. Riegel springt erst frisch und enthusiastisch von Pontius zu Pilatus, bis der Elan allmählich erschlafft und sich die Ernüchterung breit macht. Die abschlägigen Briefe steckt sie immer wieder in ein Buch mit dem Grundgesetz.
Dann endlich schlägt der Ton um und mit Tisch und Lampenständer wird aufgerüstet. Kohlhaas zieht in den Kampf gegen die Vetternwirtschaft der Tronkas, Hinz und Kunz und schließlich gegen die Stadt Leipzig, bis es auch Luther zu viel wird. Am Bühnenhintergrund tauchen Videos von Karlsruher Verfassungsrichtern auf, mit dem Megafon schreit Regel die Bilder an. Die Zuschauer werden aufgerufen mal mit auf einen Eimer zu hauen und sie selbst bläst in die Trillerpfeife. Das „Kohlhaasische Mandat“ als spaßiger Aufruf zur Demo. Schon Kleists Novelle ist widersprüchlich, Kohlhaas bekommt zwar sein Recht nur ist der Kopf auch verloren. Er ergibt sich dem Herrschaftswillen und büßt für seine Taten. Hinten raus wird die Geschichte bei Kleist auch noch mystisch, mit der Wahrsagung über den letzten sächsischen Kurfürsten in der Kapsel um Kohlhaas` Hals. Regel setzt sich demonstrativ in einen großen Sessel und liest aus einem Märchenbuch vor. Kohlhaas` Rache ist es, den Zettel hinunterzuschlucken. „Wer mir sein Wort einmal gebrochen, mit dem wechsle ich keins mehr.“ Gronaus Quintessenz ist es, das ganze Grundgesetzt zum Witz zu erklären und zu entsorgen, ihre Aufkündigung des Gesellschaftsvertrages sozusagen. Hinsichtlich der gerade aktuell laufenden Proteste in Stuttgart gegen staatlicher Willkür und Lobbyismus bei der Planung und Durchsetzung von Großbaumaßnahmen oder dem Aufbegehren von durch Theaterschließungen und Subventionskürzungen Betroffener, ist das auch sehr sympathisch.
Wer will kann noch mal vor der Tür den Wortlaut des Artikels 20 GG Absatz 2 und 4 nachlesen. Es fällt sicher angesichts der Fernsehbilder von Stuttgart schwer an Sätze wie „Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus“ zu glauben und man ist geneigt „Das Recht zum Widerstand“ vehement einzufordern. Das wird ja auch dort vor Ort getan, nur sind hoffentlich noch nicht alle Worte schon gesprochen. Ernst Bloch sah in Kohlhaas einen „Don Quijote rigoroser bürgerlicher Moralität“, einen verfrühten Jakobiner. Kleist wollte zum Kampf gegen Napoleon aufrufen, er hat dabei sicher nicht an Anarchie und Terror gedacht. Wohin Anja Gronaus Kohlhaas zielt, bleibt etwas diffus, ihre Idee trägt einen tollen Theaterabend lang, doch dann muss mehr kommen. Das Nachdenken geht weiter.

Eine Produktion von Anja Gronau in Koproduktion mit dem Theater unterm Dach Berlin, Forum Freies Theater Düsseldorf und LOFFT Leipzig.

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