PROTECT ME – Ein getanztes Essay über das Leben an sich

Falk Richter und Anouk van Dijk an der Berliner Schaubühne

Wenn man alles, was an diesem Abend verhandelt wird, in eine Kritik stecken wollte, würde das ein Essay über das Leben an sich darstellen. Richter schneidet hier so ziemlich alle Themen an, die man sich vorstellen kann. Aber er dreht sich dabei nicht nur um sich selbst, er macht sich zwar seelisch und körperlich buchstäblich nackt vor uns und das meine ich durchaus im positiven Sinne, er zeigt aber auch, das es uns allen so geht. Ich bin gespannt, wie ein jetzt mit 29 Jahren vor Wut fast platzender Jungautor Stockmann mit 40 aussehen wird und welches Lebensfazit er dann zieht.

Am Beginn des Abends ist es alles sehr düster und unklar wo das hingehen soll, als suche man noch nach einer Möglichkeit sich auszudrücken. Begleitet von dumpfen Technoklängen, streben die Protagonisten zu den Mikrofonen und werden mit Soundsalven immer wieder zurückgerissen. Der Autor aus „Trust“ ist auch wieder mit von der Partie. Kay Bartholomäus Schulze sucht nach einem Stück und einem Titel dafür. „Revolutionäre Energien“ oder „Cum till you die fucker“ wie Judith Rosmair irgendwann brüllt und alle Banker bis zum Herzstillstand ficken will.

Der Autor fährt erst mal zu einem Wohlfühlseminar ins ProtectMe-Camp nach Thailand. Dort werden den Opfern der Finanzkrise die Wutattacken weg therapiert. Den Autor plagt aber die Einsamkeit und er ruft seine Freundin an, eine vielbeschäftigte Schauspielerin, die an einer echt authentischen Rolle für einen Nazistreifen probt. Erst langweilt man sich sogar ein wenig mit, aber spätestens mit der Untergangsparodie der Schauspielerin, dargestellt von Judith Rosmair, beginnt man aufzuwachen und nun drehen Richter und van Dijk auf, das einem Hören und Sehen vergeht. Das alles nur angerissen wird und Fragment bleibt ist dabei nicht weiter schlimm, es geht ja eher um die Fragen, die einem vielleicht mal mit 30 bewegt haben und die man sich entweder mit 40 immer noch stellt oder sich vielleicht nie stellen wird.

Eine zweite Ebene wird eingezogen durch dies Szenen des Autors mit seinem senilen Vater (Erhard Marggraf), der eine Kriegsneurose hat und seine Frau vermisst. Sehr schön wenn er seinem Sohn in einer Windelszene Büchner oder Nietzsche vorhält und ungestüm das Paket mit Windeln wegkickt. Die haben schließlich schon in jungen Jahren die großen Themen angepackt, ohne darüber nachzudenken, ob die Zeit dafür reif ist. Nietzsche sagt ja auch, dass er zu früh gekommen wäre. Der Autor im Stück hat von allem mal gehört und auch Teile davon gelesen, aber, aber… Irgendwann delegiert oder projiziert man alles was man nicht schafft auf andere, wie die junge Praktikantin, Treffen mit dem Ex, Frisör- und Therapeutentermin. Dem Therapeuten (Tänzer Philipp Fricke) versucht Judith Rosmair sogar das Beenden ihrer Beziehung überzuhelfen.

Der Generationen-Konflikt und die Angst vor dem Alter, sind ja jedem irgendwie bekannt, der mal die vierzig überschritten hat. Das Thema Fleisch ist auch ein sehr wichtiges in der modernen Gesellschaft. Es gibt die drei Stufen im Stück, jung, knackig, erfolgreich der neue Freund (Stefan Stern) der Schauspielerin, schlaff und ständig müde der Stricher, der vom einsamen Manager aufs Zimmer bestellt wird und erst mal ein Nickerchen braucht. Dann schließlich welk und nicht mehr funktionsfähig, der Vater der gewindelt werden muss. Der Geist ist willig, doch das Fleisch ist schwach oder umgekehrt, in der Jugend wo Geist noch nicht gefragt ist und alles um Äußerlichkeiten geht. Mit dem ständigen An- und Ausziehen wird das plastisch sichtbar. Das Lebensalter und die Stufen der Erfahrung sind das eine, der andere Konflikt ist der Sinn, wofür man lebt und sich engagiert, was man erreichen will. Beispielhaft hier wieder die Suche nach einem relevanten Thema und einem Titel für das Stück des Autors.

Es werden die herrschenden Machtstrukturen und deren Wahrnehmung in der Gesellschaft gezeigt, Finanzkapital, Manager, Therapeut, Praktikant usw. und die Wutfantasien, die ganz unten noch vorhanden sind und weiter oben schon geschickt wegtherapiert werden. Ganz oben kann man sich die Wut sparen, man steht eh über allem und eigentlich außerhalb, das Bild des nicht integrierungswilligen Finanzmanagers, das der Vater im Gespräch mit dem Autor erläutert.

Zwischenmenschliche Beziehungen stehen nach Trust natürlich auch wieder im Vordergrund. Zweifel, das sich nicht entscheiden können, das Fliehen vor Verantwortung, die Unfähigkeit Gefühle zu zulassen und zu zeigen (Sohn vor dem Vater, Liebespaar am Telefon) und die daraus resultierende Unzufriedenheit und Einsamkeit. Die Suche nach Nähe und wieder Abstoßung durchziehen die Choreografie der Tänzer. Sie stützen hier aber auch die Figuren und bilden einen Rahmen für Richters Text. Gemeinsam führen sie den Vater zum Mikrofon. Aus der Suche nach Vertrauen ist ein Schütze mich! geworden. Symptomatisch für die Unfähigkeit einander zu verstehen und die Unsicherheit und der Angst vor dem Scheitern, des sich Verzettelns und davor die großen Themen nicht angepackt und nichts geändert zu haben, ist die Szene wenn der Kay Bartholomäus Schulze von Judith Rosmair verlangt seine Worte ehrlich nachzusprechen, als Rückversicherung auch gehört worden zu sein. „Alles was ich mache besitzt Tiefe“. Das alles sind sehr viele Fragen für einen 2-stündigen Abend. Die Antworten muss nun jeder für sich selbst finden.

Es sind alles in allem aber zu viele Baustellen, die Richter aufreißt, die liegen nun da und man schaut in ein Loch und wartet darauf, dass das mit Inhalt gefüllt wird. Die Kritik ist sich ja schon wieder einig, dass der Abend nicht an „Trust“ heranreicht, ich sehe das eher als fortlaufenden Prozess und der kann ja irgendwann durchaus zu einem Ergebnis führen. Falk Richter gefällt sich vielleicht auch in der Rolle des ewig Suchenden, und in Anouk van Dijk hat er zumindest künstlerisch eine Langzeitpartnerin gefunden.

Comments are closed.