Das Haus brennt – – Nicolas Stemann entsorgt Lessings Nathan auf Elfriede Jelineks „„Abraumhalde“

„Nathan der Weise“ vom Thalia Theater Hamburg als Gastspiel am DT in Berlin

Am Anfang eine leere Bühne im Deutschen Theater. Ein großer Lautsprecher senkt sich vom Schnürboden. Durch ihn hört man den Text von Lessings Nathan. Nachdem sich ein Gazevorhang im Hintergrund hebt, sieht man die Schauspieler in Sprecherboxen wie in einem Tonstudio. Das gibt eine sehr intime Stimmung, man kann sich ohne Bild zwangsläufig nur auf das gesprochene Wort konzentrieren. Das hat etwas klaustrophobisch Bedrohliches, was durchaus zur Situation in Lessing Stück passt. Der alte Text, wie wir ihn kennen, wird konserviert, als würde man ihn auf Band einsprechen. Nathan (Sebastian Rudolph) und Daja (Patrycia Ziolkowska) unterhalten sich über den Brand und die wundersame Errettung der Ziehtochter Recha durch den Tempelherren. Nach und nach bewegen sich die Darsteller, alle in Alltagskleidung, auch auf die Bühne, Rollenzuschreibungen werden erkennbar, ihre Mikrofone und Textpulte nehmen sie aber mit. Nathan ist zuerst sicher und gefestigt, wenn er den Tempelherren (Philipp Hochmair), den seine Recha (Maja Schöne) für einen Engel hält, zu sich einladen will, wird aber sichtlich unruhiger, wenn er zum Sultan Saladin (Felix Knopp) gerufen wird, weiß er doch, das da für ihn nicht viel Gutes kommen kann. Bis hierhin lässt Regisseur Nicolas Stemann alles getreu nach Lessing spielen, trotzdem wirkt es gestellt und künstlich.

Stemann traut dem Text Lessings nicht, Rudolf druckst auch mehr die Ringparabel heraus. Unsicher blickt er sich immer wieder um. Dann kommt aus dem Bühnenhintergrund ein alter Nathan (Christoph Bantzer) im Kaftan und fängt an, ihn immer wieder mit dem Text von Elfriede Jelineks Sekundärdrama Abraumhalde zu unterbrechen. Er wird dabei von zwei weiteren Figuren in historischen Kostümen unterstützt, der christlichen Daja (Barbara Nüsse) und der Recha (Birte Schnöink), die eigentlich die Tochter des Bruders von Sultan Saladin ist. Die drei Religionen teilen sich den Text von Elfriede Jelinek. Stemann wollte der alten aufklärerischen Versöhnungsgeschichte dadurch den Hass zurückgeben, der ihm fehlte, um überhaut versöhnen zu können.

Jelineks wie immer monologisierender Endlostext handelt vom brennenden Haus, immer wieder knistert es bedeutungsvoll, von religiösem Wahn, Märtyrern, den 72 Jungfrauen, der Verdrängung einer Wahrheit die niemandem gehört, die keiner einstreifen kann wie Geld und von Kellern, dem Fall des Hauses Fritzl. Das Unterirdische der Seele des Menschen gegen eine Parabel über die Gleichheit aller Religionen. Elfriede Jelinek führt die aufklärerische Moral Lessings mit Beispielen aus der heutigen Zeit ad absurdum. Eine Versöhnung schein so in weite Ferne gerückt.

Jetzt wird es zunehmend bunter auf der Bühne. Die Symbole der Religionen schweben von der Decke und werden von den Schauspielern in Posen vor sich hergetragen. Der Tempelritter als Selbstmordattentäter, das ist schon eine witzige Idee, zieht aber auch den Nathan Lessings konsequent ins Lächerliche. Was einst als Religionskrieg begann, hat sich längst verselbstständigt und eine eigene ganz andere Dynamik bekommen. Die Schauspieler stülpen sich große Köpfe aus Pappmaché über, Papst Benedikt, Osama Bin Laden und Alan Greenspan als Geldjude, Goldbarren werden demonstrativ aufeinander geschlagen. Stemann hält sich hier sehr genau an die Regieanweisungen von Elfriede Jelinek. Ein bisschen zu viel Symbolik, die da von der Decke hängt und über die Bühne tobt. Der Inszenierung fehlt irgendwie der klare Standpunkt, außer dass religiöser Wahn und Vorurteile tödlich sein können. Das andererseits nimmt dem Stück auch den überstrapazierten Anspruch von Allgemeingültigkeit. Es hat ausgedient als Versöhnungsarie. Trotzdem bleibt Lessings Text immer noch deutlich und fassbar.

Zum Schluss fängt sich die Inszenierung wieder, die Verbrüder- und Verschwesterung findet in den Tonboxen statt, auf der Bühne liegt der historische Nathan umgeben von Recha und Daja. Er hat ausgedient als Versöhner, wird nicht mehr gebraucht. Das ist ja auch bei Lessing so, wenn er zum Schluss ganz abseits steht. Er hat da seine Schuldigkeit getan. Jelinek hat ihn als Sinnbild der noch nicht erreichten Versöhnung entheiligt und auf Halde gelegt, aber nicht für immer, sondern als heimatlose oder verschüttete Utopie die wieder aufkeimen kann.

Comments are closed.