Brecht am laufenden Band – Katharina Tahlbach inszeniert „Im Dickicht der Städte“ am Berliner Ensemble

Man kann es förmlich spüren, wie sich der junge Bertolt Brecht 23jährig durch das Dickicht der Stadt beim Schreiben dieses expressionistischen Textes geschlagen hat. Er war fasziniert von diesem Moloch und seinen inneren Kämpfen. Vor allem vom Boxkampf Mann gegen Mann, mit den selben Voraussetzungen und den gleichen Chancen. In seinem Stück ist davon dann allerdings nur noch der reine Kampf übrig geblieben, die Chancen sind ungleich verteilt. Der Kapitalist Shlink sucht sich eben keinen gleichwertigen Partner aus. Ganz so zum Zeitvertreib zerstört er eine ganze Familie und geht dabei dann mit zu Grunde, als sich der in seiner Existenz bedrohte kleine Angestellte einer Leihbücherei George Garga mit den gleichen Mitteln zur Wehr setzt. Shlink gibt ihm die dafür nötigten Mittel und sich selbst in die Hand. Eine interessante Sozialstudie über die Einsamkeit in den Großstädten, böse und ohne Idealismus, ein Modellfall, der Brecht, noch vom Expressionismus inspiriert, interessierte, den unerbittlichen Kampf der Klassen auf Augenhöhe darzustellen.
Es ist immer wieder mit mehr oder weniger Erfolgt versucht worden, dieses monströse Stück zu interpretieren. Allein es will nicht gelingen, da diese Situation heute kaum noch nachvollziehbar ist, obwohl sie für moderne Interpretationen einen weiten Spielraum lässt. Frank Castorf hat das Stück vor 5 Jahren von Chicago der zwanziger Jahre ins Subproletariat der Nachwendezeit transformiert. Eine Jogginghosen-Familie am Couchtisch erliegt den Reizen der Konsumgesellschaft: „Nie mehr minderwertig sein.“ Milan Peschel als Garga und Herbert Fritsch als Shlink waren ein kongeniales Paar im Lotterbett, Karikaturen des heutigen Klassenkampfes.
Bei Katharina Thalbach sind noch die Couch und die ewig auf- und zugehende Tür, die den Lärm der Stadt imaginieren soll, übrig geblieben. Es ist nicht ihre erste Brecht-Regie, sie hat auch in einigen Stücken selbst gespielt. Tochter des Theaterregisseurs Benno Besson, ist sie aber allein bei ihrer Mutter der Schauspielerin Sabine Thalbach aufgewachsen. Sie war Schülerin von Helene Weigel am BE in den 60er Jahren und ist dadurch eher matriarchal geprägt worden, was man ihren Arbeiten auch immer anmerkt, neben einem fast unbändigen Hang zum Humor. Da sie sich dieses Männerkampf-Drama Brechts ausgesucht hat, vermutet man auch erst eine radikale Neuinterpretation.
Warum sich hier aber ein eher devoter Shlink, gespielt vom Fernsehstar Gustav Peter Wöhler, in diesen Kampf wirft, bleibt ein Rätsel. Das zweite Problem ist die Besetzung des Garga mit Sabin Tambrea, der nicht nur mit der Situation des getriebenen jungen Garga sondern in seiner ganzen Darstellung der existentiellen Bedrohung völlig überfordert ist und in seiner Aufgeregtheit nie das Gefühl der anfänglich moralischen Überlegenheit („..ich verkaufe Ihnen nicht meine Ansicht darüber.“) transportieren kann. Alle Figuren tragen in der Inszenierung weiße Masken, die Kostüme sind typisch für die 20er Jahre, eine irgendwie geartete Modernisierung findet nicht statt. Katharina Thalbach nimmt das Stück Brechts und wirft es, gemixt mit einigen lustigen Regieeinfällen, wie es ist auf die Bühne. Einzig ein elektronisches Laufband für erklärende Übertitel und ein Laufband auf der Bühne, das öfter zum Auf- und Abtreten der Akteure dient, sowie der teilweise verwendete Industrial-Sound sind Zeichen unserer Zeit.
Am Anfang gibt es noch einen orchestralen Hollywood-Filmjingle der Großes ankündigen soll, aber Katharina Thalbach hat sich eher einen Scherz erlaubt. Sie verwechselt Expressionismus mit Brechts Epischem Theater der Masken und Verfremdungen. Das einzig expressionistische sind die Bühne von Momme Röhrbein mit ihren langen durchsichtigen Vorhängen auf den Häuser oder Wälder projiziert sind und die Jane der Janina Rudenska, die völlig überdrehte Freundin Gargas. Allein das darstellerische Vermögen von Judith Strößenreuter als Gargas Schwester Marie, Andreas Seifert als Vater und Mara Widmann als die Mutter von Garga können etwas Glaubwürdigkeit vermitteln. Hier schlägt auch der matriarchale Touch der Thalheim durch. Die beiden Frauen emanzipieren sich zusehends von ihren Rollen und Männern. Alle anderen Figuren bleiben Karikaturen. Das der Pavian (Dejan Bucin) und Der Steuermann Pat Mankyboddle (Roman Kanonik) noch ausländischen Dialekt sprechen müssen, ist eben so unnötig, wie das typische Chargieren, das den Schauspielern am BE schon in Fleisch und Blut übergegangen zu sein scheint.
Der junge Brecht war von einer schlechten Aufführung von Schillers Räubern und von der zerstörerischen Liebe Arthur Rimbaud zu seinem Geliebten Paul Verlaine beeinflusst als er „Im Dickicht“ schrieb. Der wilde, zerreißende Kampf, den er da sah, wird bei Katharina Thalbach allerdings verschenkt. Das Finale auf fast leerer Bühne verpufft in einem vergeblichen Kussversuch Shrinks. Der Lynchmob steht derweilen mit Tiermasken auf der Bühne und vollführt einen Tänzchen. Der letzte Satz Gargas mutet da schon wie ein Hohn an: „Das Chaos ist aufgebraucht. Es war die beste Zeit.“ Es geht aber mehr um den Satz davor. „Allein sein ist eine gute Sache.“ Garga ist letztendlich dem Egoismus verfallen, er wechselt ohne mit der Wimper zu zucken die Klasse. Nur ist das in dieser Inszenierung nie wirklich spürbar.

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