Peggy Pickit sieht das Gesicht Gottes am Deutschen Theater Berlin

Roland Schimmelpfennigs vereinfachte Weltsicht in der Regie von Martin Kušej

Peggy Pickit ist eine barbieähnliche Plastikpuppe, die nicht richtig steht und deren Glieder man verbiegen kann, um sich an ihr abzureagieren. Sie möchte gerne mit einer Holzpuppe aus Afrika sprechen, die aber nichts verstehen will und sie doof findet. Kindermund tut Wahrheit kund, an diese alte Weisheit hat sich der Erfolgsdramatiker und Sieger des diesjährigen Mülheimer Dramatikerpreises Roland Schimmelpfennig erinnert und nimmt diese Puppen symbolisch für die Unfähigkeit zweier Paare sich die Wahrheit ins Gesicht zu sagen. Maren Eggert eine aus dem Kreis der Protagonisten, wird immer wieder auf Knien vor diesen Puppen liegen, die als Geschenke für die Kinder gedacht sind, um im kindlichen Ton die vergebliche Annährung der Welten zu verdeutlichen. Diese zwei Paare in Schimmelpfennigs neuem Stück, dass schon beim Luminato Festival 2010 in Toronto Kanada uraufgeführt wurde, treffen sich nach sechs Jahren zu einem Wiedersehensabend, der von Anfang an in einer Katastrophe enden soll, was er dann auch folgerichtig tut.
Liz und Frank, dargestellt von Maren Eggert und Ulrich Matthes, haben ein normales Leben mit Kind, Haus und Garage gelebt, das von Sophie von Kessel und Norman Hacker gespielte Paar Carol und Martin ist nach Afrika gegangen und hat das getan, wovon viele immer nur reden, sie haben als Ärzte vor Ort gearbeitet. Der Anfang ist ein Abspulen von Plattitüden und Klischees, man hat sich lange nicht gesehen und lügt sich Floskeln ins Gesicht. Der Clou an Schimmelpfennigs neuem Stück soll sein, das die Figuren immer wieder aus ihren Rollen aussteigen und erzählen, was sie wirklich denken und von einander halten. Das ist aber auf Dauer schrecklich redundant und langweilig. So weiß man von Anfang an wo der Abend hinlaufen wird. Die Daheimgebliebenen haben Vorurteile und Entschuldigungen, die Wiedergekehrten Belehrungen und Schuldzuweisungen. Die einen haben sich eine wohlbehütete Existenz aufgebaut, die anderen stehen wieder in der Heimat vor dem nichts und fühlen sich um ihr Leben betrogen.
Zwei unterschiedliche Lebensentwürfe prallen hier aufeinander, die Gutmenschen, die einen Scheck ausfüllen und Briefe an eine Person, die sie damit zu unterstützen glauben schreiben und die Desillusionierten, die das unabänderliche Elend vor Ort selbst erlebt haben. Verschärfend kommt hinzu, das die vermeintlichen Helfer, selber in Zweifel und Schuld verstrickt sind, nach und nach kommt zu Tage, das sie beide in Afrika fremdgegangen sind und sich so auseinandergelebt haben. Martin wird dann noch in einer Art Parabel die Geschichte der westlichen Hilfe erklären, als ein Missverständnis von einem der sich aus persönlicher Betroffenheit und Liebe zu einer afrikanischen Frau zum Weltenretter emporschwingt und dann zwar erfolgreich aber enttäuscht vor den Scherben seines ursprünglichen Begehrens steht.
Soweit der Plot von Schimmelpfennig, der auf einem schmalen Grat zwischen Drama und Banalität wandelt, letztendlich aber dann doch in Betroffenheitskitsch abkippt. Als Liz erfährt, das Carol und Martin, das Kind, das die beiden in Afrika angenommen haben und das sie mit Geld unterstützt hat, in den Kriegsunruhen dagelassen haben, bricht ihre heile Welt endgültig zusammen und die Probleme, die sie mit der Gleichgültigkeit von ihrem Mann Frank hat, brechen sich Bahn. Dazu fällt dann Müll aus dem Bühnenhimmel. Warum in letzter Zeit immer wieder Zivilisationsmüll als Bild für das Versagen der westlichen Welt herhalten muss, weiß Gott allein und die BSR. Nachdem dann alle Contenance gefallen ist und die Puppen auf dem Müllberg gelandet sind, stapfen die Protagonisten noch einmal suchend durch eben jenen, bis sich alles in einer Entschuldigungsarie von Frank entlädt. Er hat doch nichts getan, beteuert Frank und trifft damit den Nagel auf den Kopf. Im Hintergrund läuft durch ein monotones Geräusch gestört die Live-Aid-Melodie. Allerdings ist das als große Dramatik zu wenig, und wer sich da ertappt fühlt, hat bestimmt schon den Überweisungsschein für Unicef oder Brot für die Welt ausgefüllt.
Schimmelpfennig nimmt sich nach seiner preisgekrönten Parabel von Grille, Ameise und chinesischem Zahn mit einem eher dürftigen Text eine geistige Auszeit und die hochdotierten Schauspieler sowie der Regisseur Martin Kušej in seiner ersten Inszenierung fürs DT sind sichtlich unterfordert mit diesem platten Stück Weltsicht. Ulrich Matthes spielt seine Rolle aus den Kindern der Sonne einfach weiter, es wäre nicht verwunderlich wenn Katharina Schüttler anstatt Maren Eggert um die Ecke biegen würde, Sophie von Kessel kommt wahrscheinlich geradewegs von einem Filmset über einen UN-Blauhelm-Einsatz und wenn Norman Hacker mal die Hände aus der Tasche bekommt, dann nur um nach einem neuen imaginären Drink zu greifen. Letztendlich kommt lediglich ein weiteres Drama bürgerlichen Elends auf die Bühne des Deutschen Theaters, das Gesicht Gottes als fremde afrikanische Fratze zeigt wieder mal nur die Hilflosigkeit des Westens gegenüber den Problemen dieser Welt.

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