Tatort Komödie – Zwei Stücke in der Schaubühne und in den Kammerspielen des DT versuchen sich in Satire und sind dabei mehr oder minder erfolgreich.

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Nach den eher unfreiwillig oder derb komischen Inszenierungen von Roland Schimmelpfennigs „Peggy Pickit“ am DT und Walter Mehrings „Kaufmann von Berlin“ an der Volksbühne haben es nun mit Marius von Mayenburgs „Perplex“ und Sibylle Bergs „Nur nachts“ wieder zwei Komödien auf die Berliner Bühnen geschafft. Ist das Thema auch noch so schwer, der Zuschauer will unterhalten werden. Wenn der Inhalt zu dünn ist, muss die Verpackung, sprich Inszenierung nachhelfen und der Regisseur Versäumnisse des Autors wettmachen. Das das nur bedingt funktioniert, hat Martin Kušej mit seiner Version von Peggy Picket bewiesen. Frank Castorf hat seine Inszenierung von Walter Mehring so mit Klamauk und zusätzlichem Inhalt überfrachtet, dass es einfach nur noch ermüdend war.

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Was ist aber, wenn das Stück gar keinen Inhalt oder Sinn transportieren will, also einfach nur komisch sein möchte? So geschehen bei Marius von Mayenburgs neuem Stück „Perplex“, das er gleich noch selbst in der Schaubühne inszenierte. Zwei Paare treffen hier in immer wieder wechselnden Konstellationen aufeinander und kosten die Verwirrung und Komik, die aus diesen teilweise absurden Situationen und Identitätswechseln entseht, mit sehr viel Spielfreude aus oder sind einfach wie der Titel schon sagt perplex. Mayenburg nutzt einige philosophische (Platons Höhlengleichnis) und wissenschaftliche (Darwins Entstehung der Arten) Grundweisheiten und stellt diese in seiner Farce über den schönen Schein des Theaters einfach genüsslich aus.

Ausgangspunkt ist ein aus dem Urlaub zurückkehrendes Paar, das sich in seiner Wohnung nicht mehr zurecht findet und von den Freunden, die eigentlich nur die Blumen gießen sollen, vor die Tür gesetzt wird. In einem Reigen aus Maskerade, Rollenspiel und böser Satire wird der Wahnsinn des Alltags persifliert. Merkwürdige Nazis und freche Au-pair-Mädchen treten auf, es gibt eine herrliche Kostümparade mit isländischem Vulkan und ein Liebesspiel im Elchkostüm sowie eine Parodie auf das Putz-Mariedl aus Schwabs Präsidentinnen. Eva Meckbach, Judith Engel, Robert Beyer und Sebastian Schwarz können hier alle Register ihres schauspielerischen Könnens ziehen, das ist mehr als nur ein Well-Made Play. In einer Wohnlandschaft vor einem großen Terrassenfenster schlüpfen die vier immer wieder in neue Identitäten, selbst erst darüber verblüfft, finden sie sich schließlich schnell darin zurecht und lassen den Faden nie abreißen. Irgendwann wird aber alles als Spiel im Spiel entlarvt und das Bühnebild und die schöne Illusion demontiert. Der Regisseur erweist sich als abwesend und Sebastian Schwarz gibt ihn flüchtend als Nietzsche-Karikatur mit dem „Gott ist tot“-Monolog. Das Stück schafft sich selbst ab und lässt trotz großem Vergnügen die Protagonisten und auch den Zuschauer etwas ratlos zurück.

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Eher gemäßigtes Vergnügen hatten einige Kritiker zur Inszenierung des Stückes „Nur nachts“ von Sibylle Berg, das bereits im Februar in Wien uraufgeführt und nun an den Kammerspielen des Deutschen Theaters gezeigt wurde signalisiert. Ja was soll man auch sonst bei diesem mittelmäßigem Stück mit seiner mittelmäßigen Regie bezeugen. Gediegene Langeweile macht sich bei dieser gefälligen Rocky-Horror-Aging-Show breit. Man konnte sich schon vom satirischen Talent der Sibylle Berg bei den DT-Autorentheatertagen überzeugen. Bei „Hauptsache Arbeit“ machen sich eben solche mittelmäßigen Menschen wie in „Nur nachts“ für ihre mittelmäßigen Jobs vor ihrem fiesen Chef zum Affen. Dabei werden sie immer wieder von zwei Ratten auf einem sinkenden Schiff motiviert. Als Schluss-Pointe befördern sich dann aber wenigstens alle selbst ins Jenseits. Das war noch konsequent böse aber leider auch nur eine mäßig witzige Revue, von einigen halbwegs gelungenen Showeinlagen mal abgesehen.

Die Ratten haben sich in „Nur nachts“ vermehrt und sind zu Geistern mutiert, die nun demotivieren und das allgemeine Glück verhindern sollen. Aber wer braucht schon solche Geister, wenn er bereits über einen riesigen inneren Schweinhund verfügt, wie die beiden Mitvierziger Petra und Peter, bewusst ständig aufgeregt und hilflos gespielt von Judith Hofmann und Peter Moltzen. Die Geister, die ich nicht rief, hier sind sie da, weil sich das angehende Paar selbst in seiner Mittelmäßigkeit bequem eingerichtet hat. Die Einsicht kommt spät, sie müssen bis dahin einen Parcour des Schreckens vom Kinderkriegen und Erziehen der störenden Brut, über Verse schmieden bis zum gemeinsamen alt werden durchlaufen. Gekalauert darf auch werden, bis Peter sogar die Hand abhanden kommt. Der Traum ein sinnvolles Leben zu führen, gerät hier zum Albtraum, zu einer Parade des Grauens, das uns Regisseur Rafael Sanchez allerdings so angenehm wie möglich machen will.

Berg legt die Figuren im Klischee an, Sanchez kleistert kräftig mit Kitsch nach, mit albernen Ganzkörperanzügen von Tatortspurensicherern und Masken mit Ohren für die Geister, unsäglichen Liebessongs u.a. „Flugzeuge im Bauch“ von Herbert Grönemeyer, gegenseitigem Windeln anlegen und schließlich dem Dahindämmern im Altersheim. Irgendwann schlafen da sogar die Geister ein und dem zu verhindernden Paar gelingt die Flucht in den Tod, nur noch Schatten ihrer selbst, oder vielleicht doch mit dem Möbelwagen in eine neue Zukunft? Man will es aber eigentlich gar nicht so genau wissen. Der Weg von den antrainierten Bindungsängsten bei Mitvierzigern bis zur persönlichen Freiheit, wie sie Sibylle Berg vorschwebt, ist hier nicht nur mit selbst gelegten Steinen versperrt, sondern auch noch mit lauter Banalitäten gepflastert und so gerinnt der ganze Schmalz wieder nur zur gefälligen Revue.

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