Das Thalia Theater verhandelt die Frage von Realität und schönem Schein in gleich zwei Inszenierungen – Ein vergnügliches Wochenende im kalten Hamburg inklusive Weihnachtsmarkt

Was ihr wollt als melancholisches Karnevalsvergnügen am Thalia Theater  in einer Inszenierung von Jan Bosse

Es ist schon witzig wie dieser Abend im Spiegel der Kritik polarisiert, obwohl er doch in erster Linie nur unterhalten will und das tut er dann auch auf relativ hohem Niveau, von Fernseh-Comedy keine Spur. Rudolf Mast auf Nachtkritik scheint dann auch eher von der Sorte Kritiker ohne Humor zu sein, der zum Lachen in den Keller geht. Vielleicht war ihm aber einfach nicht nach Schunkeln, oder er hat sich geärgert, das er auf dem übervollen Weihnachtsmarkt am Rathaus nicht an den Gosch-Stand gekommen ist. Zu viel Volksnähe, ein bisschen Lockerheit und Freude an Rollenspiel und Irritation, sind dann dem bildungsbürgerlichen Hanseaten wahrscheinlich auch suspekt. Ich dagegen ging schon etwas weinselig ins Thalia und hatte durchaus meinen Spaß.
Aber auch andere Kritiker fühlten sich nicht wohl und Till Briegleb, letzte Woche noch an einem Tisch im Schauspielhaus vereint mit Dirk Pilz, hat nun eine völlig andere Wahrnehmung und sieht nur einen großen Schmarrn, in dem jeder mal die Rampensau durchs Dorf treiben darf. Wohingegen Dirk Pilz, sonst eher ein präziser und realistischer Beobachter, von himmelhochjauchzender Melodramatik spricht. Ob diese unterschiedlichen Meinungen sich in Wahrheit in der Mitte treffen, wäre ebenso ein Kalauer wie der von Pils und Pilz, Stößchen. Selbst Die Welt stimmt diesmal in einen Ausruf der Verzückung ein. Regie ist plötzlich Trumpf und das liegt wohl daran, das diesmal kein türkischer Literat neu übersetzt hat, Illyrien nicht von dänischen Karikaturisten bevölkert wird und uns Jan Bosse auch keine eigene neue Weltsicht verkaufen möchte, sondern einfach nur den puren Spaß am Theater.
Er mixt gekonnt altbekannte Philosophien und einige Klischees über die Geschlechter bunt durcheinander, bis keiner mehr wirklich weiß, ob er Männchen oder Weibchen ist und wundersame lang verdrängte Vorlieben an sich entdeckt, wie z.B. eine nun fast kindlich ausgelebte Analfixierung. Im Grunde aber bleibt die Inszenierung doch sehr nah an Shakespeare trotz der von Gabriella Bußacker und Jan Bosse radikal modernisierten Sprache. Die zwölfte Nacht, wie das Stück auch heißt, als Beginn des Karnevals zu Shakespeares Zeiten ist geprägt von Masken und Rollenspielen, außerdem bezieht dieses Stück auch seinen Reiz daraus, das zu den Rollenwechseln im Stück damals alle Darsteller Männern waren. Das greift Bosse in seiner Inszenierung konsequent auf mit vielen Wortspielen und Doppeldeutigkeiten, die ja auch in Shakespeares Text enthalten sind. Die Bühne ist ein Zauberwald mit Fabelwesen, eine Art Diorama, wie im Museum, nur das es dieses Museum nur hier in Illyrien geben kann, eine komplette Illusion und Scheinwelt an dessen Rand die Protagonisten lungern und auf ihren Einsatz warten.
Der Narr von Karin Neuhäuser scheint hier als einziger den Überblick zu behalten und treibt einerseits mit Lust an Spiel und Bosheit die Verwirrung voran oder bremst schon mal den Übermut von Bruno „Rülp“ Cathomas, wischt die Bühne wieder frei und verspottet den tumben Bleichenwang des Jörg Pohl. „Komm Junge, enttäusch mich nicht“ sagt sie und legt ihm demonstrativ die Bananenschale hin. Bruno Cathomas und Jörg Pohl sind hier Rampensäue im besten Sinne, ein Duo Infernale, das keinen Slapstick oder Kalauer auslässt und schließlich als strauchgewordenes Paar seinen Höhepunkt findet. Die Ernüchterung der beiden notorisch Erfolglosen kommt um so drastischer, zusammengeprügelt von Viola/Sebastian, man weiß es nicht genau, denn dieses Doppel wird nie ganz aufgelöst. Zu Beginn steht Mirco Krebich im blauen Kleid da und wird dann vom Narren erst zum Manne umgezogen. Erst switcht Krebich noch unsicher und dann immer gekonnter in den Rollen hin und her. Und so sehen die  beiden Melancholiker Orsino und Olivia auch in ihm was sie wollen, ganz besoffen von ihrer eigenen Selbstverliebtheit. Alexander Simon drückt dem Sebastian schon mal einen Kuss auf den Mund und Bibiana Beglau steht plötzlich die Lüsternheit im Gesicht geschrieben. Um so größer auch hier die Ernüchterung, als sich das Objekt der Begierde als indifferentes Zwitterwesen herausstellt. Als wenn ihnen ein Puck den Zauber von den Augen genommen hätte, schrecken sie zurück. Eine Doppelhochzeit findet nicht statt, das schmalzige Happy End fällt aus, melancholisch singt man das Lied vom Ende dieser Welt. Aber in seligen Popkitsch rutscht die Inszenierung nie ab. Das ist auch ein Verdienst des Musik-Teams Landerschier, Dabeler und Schamoni. Ihr Sound ist ganz Lo-Fi, nicht aufdringlich und peppt das Ganze nicht noch zusätzlich unnütz auf.
Wäre da nur noch vom tragischen Helden Malvolio zu berichten. Jens Harzer gibt ihn als besserwisserischen, hochnäsigen Snob, um so grandioser ist seine Narrheit in gelben Strümpfen und bis an die Lenden gewickelten Strumpfbändern, die im wohl das Blut in Kopf und Genital geschnürt haben. Als Bunny Häschen wirft er sich seiner angebetenen und völlig verdatterten Olivia auf den Schoss. Aber als wenn es Jan Bosse nicht schon geahnt hätte, das man ihm seinen Spaß übel nehmen könnte, lässt er Malvolio als den großen Spielverderber selbst das Urteil der Kritik vorwegnehmen und die Drohung nach Rache zum Schluss aussprechen. Wer sich davon einschüchtern lässt, sollte fernbleiben, allen anderen sei die Inszenierung in dieser eisigen Zeit warm ans Herz gelegt, ganz wie ihr wollt.

Axolotl Roadkill – Bastian Kraft bringt Helene Hegemanns Roman als bunten Popreigen auf die Bühne des Thalias in der Gaußstraße

Fast schon in den Himmel gelobt wurde dafür aber die erste ernst zu nehmende Dramatisierung von Helene Hegemanns Debut-Roman „Axolotl Roadkill“, die am 21.11.10 Premiere im Thalia in der Gaußstraße hatte, nach dem eher satirischen Versuch „Axel hol den Rotkohl“ von Das Helmi im Ballhaus Ost Berlin, als einer trotzigen Erwiderung auf die Schreiberlinge des erbosten Feuilletons.
Nachdem auf Nachtkritik heiß diskutiert wurde, ob und wie man das Buch auf die Bühne bringen sollte, hat Bastian Kraft nun alle Kritiker regelrecht verblüfft. Keine um möglichst große Authentizität bemühte Episierung findet statt, nein, in immer wieder neuen Tableaus bewegen sich alle Darsteller in wechselnden Rollen wie am laufenden Band durch die Geschichte von Mifti. In popigen Phantasiekostümen von Dagmar Bald wirken die Schauspieler Lisa Hagmeister, Birte Schnöink, Cathérine Seifert, Victoria Trauttmansdorff und Sebastian Zimmler auf einer Guckkastenbühne mit vorgelagertem Podest, das sich wie ein Panoptikum mit Utensilelen aus Kinderzimmern bestückt an einer Kamera vorbeidreht. Die Bilder sind am Bühnenhintergrund zu sehen (Bühne und Video: Peter Baur). Da rauscht nun wundersam das Leben der 16-jährigen Schulverweigerin Mifti an uns vorbei und immer wieder wird auch von den Darstellern darauf hingewiesen: „Das ist mein Leben!“ Eine schöne Fiktion eine Mädchentraum, nichts weiter?
Es kommt alles vor in dieser Inszenierung was den Roman von Helene Hegemann ausmacht, Clubnächte im Berghain, intellektuelle Gespräche über Sex, Kotzen, gelangweilte Szenen mit den luxusverwahrlosten Geschwistern, die ältere Freundin Ophelia und immer wieder die Mutter selbst, die traumatischen Erinnerungen an die Kindheit. Kraft vermeidet aber konsequent epische Reflexionen zwischen den Dialogen, die endlos auf dem Band aneinander gereiht werden. Immer mal wieder wird das Band angehalten, zurück gefahren und die Szene wiederholt. Alles ist überdimensional bebildert, ein Leben, das sich mit plakativen Zeichen aus der Realität flüchtet. Zum Schluss bricht dann auch dieser schöne Schein zusammen und die Hinterbühne zeigt offen die Requisite und die Bühnenarbeiter, die alle Utensilien unaufhörlich wieder aufs Band stellen.
Die Frage, nach der Authentizität, dem Selbst-erlebt-haben kommt so gar nicht erst auf, es ist von Anfang an nichts real, außer der Phantasie, aus der das alles erschaffen wird. Bastian Kraft spielt gekonnt am Rande des Kitsch, entschärft die pseudophilosophischen Attitüden, nimmt aber mit seiner bunten Bilderrevue auch Wucht und Dreckigkeit aus dem Text Helene Hegemanns. Das Schauspielensemble ist durchweg gut drauf und jederzeit Herr des Geschehens, besonders herauszuheben sind die souverän spielende Victoria Trauttmansdorff und die junge bezaubernde Birte Schnöink als Mifti.

Fast noch interessanter als die Aufführung am 28.11.10 war die im Anschluss geführte Diskussionsrunde „Kunst aus dem Kämmerchen: Über Lebensleid, Copy & Paste“ mit dem Regisseur Bastian Kraft, Max Dax ehemaliger Chefredakteur des Spex und Florian Waldvogel dem Direktor des Hamburger Kunstvereins. Es wurde die Frage verhandelt, ob es notwendig ist, als Schriftsteller alles wirklich erlebt haben zu müssen, um im Schweiße seines Angesichts das Erlebte nieder schreiben zu können. Erwartungsgemäß wurde das natürlich von allen verneint.
Max Dax berichtete angetan von der jungen Helene Hegemann aus seinen Gesprächen mit ihr zum Spex-Interview über die Entstehung von Theatertexten. Man sehe ihr das Denken beim Sprechen förmlich an. Er begrüßte die Ironisierung des Klischees, sich alles aus den Rippen zu Schwitzens, durch Helene Hegemanns Buch, die reine Behauptung der Authentizität als neue Kunstform. Es wurden von ihm einige Beispiele für Autoren des frühen Copy & Past in der Literatur und des fiktiven Journalismus (die erfundenen Interviews von Tom Kummer) gebracht und als vielleicht größten Täuscher der eigenen Biografie Bob Dylan mit seinen Chronicles.
Auf die Frage von Gesprächsführer Tarun Kade (Dramaturg der Inszenierung) nach Copyright in der bildenden Kunst an Florian Waldvogel, sagte dieser, das es kein Original ohne Kopie gäbe und setzte mit der Forderung nach der Abschaffung des Copyrights sogar noch einen drauf. Da mittlerweile ja sogar der große Fälscher Kujau kopiert wird, eine schon etwas provokante These und es dürfte sicher merkwürdig aussehen, wenn irgendwann im Kunstverein mehrere Varianten ein und des selben Bildes nebeneinander hängen würden.
Bastian Kraft erzählte wie er zum Theater gekommen ist, indem er immer schon von diesem schönen Schein fasziniert war und er das mit dieser Inszenierung des Romans auch zeigen wollte. Alle waren sich einig, das mit dem Verwenden von fremden Texten, dem Herausnehmen und wo anders hin tragen ja etwas Neues geschaffen würde. Tarun Kade blieb da nur noch ironisch die totale Einigkeit dieser Runde zu konstatieren, vielleicht fehlten ihm aber auch einfach die richtigen Fragen, um die nötige Spannung zu erzeugen. Etwas Kontroverse hätte der Diskussion dann auch sicher besser getan.

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