Lulu – Die Nuttenrepublik an der Schaubühne; Volker Lösch rahmt seinen Chor von Sexarbeiterinnen mit lauter Platzhirschen

Keine Inszenierung von Volker Lösch ist bereits im Vorfeld dermaßen kritisiert worden wie diese. Vermutlich waren die meisten Rezensionen bereits vorab fertig. Wasser auf die Mühlen gab es noch durch den Ausstieg einer enttäuschten Choristin, Lösch wäre der schlechteste Freier den sie je gehabt hat. Nun ja, mit käuflicher Liebe lässt sich eben mehr Geld verdienen als mit Kunst, welch große Erkenntnis. Nachdem das Ganze nun über die Bühne holpert, johlt die Masse und alle Unkenrufer sehen sich bestätigt. Warum eigentlich?
Das Lösch eine spezielle Ästhetik bevorzugt dürfte allen klar sein, Dirk Pilz hat das in einer Randspalte auf der Titelseite der Berliner Zeitung vor der Premiere noch mal treffend zusammengefasst, Fazit: „Immer holt er die gesellschaftlichen Widersprüche auf die Bühne, macht sich aber mit keiner Seite gemein. Agitprop betreibt er nicht, sondern radikale Aufklärung. Das Schlimmste, was seiner Lulu-Inszenierung jetzt passieren könnte, wäre Achselzucken der Zuschauer.“ In seiner Rezension des Abends war es dann aber leider nur nett: „Es ist zum Einschlafen, oder Davonlaufen.“ „War da was?“ Eingeschlafen ist beileibe keiner  in der Schaubühne, wie viele davongelaufen sind, kann ich nicht sagen, da ich mich mehr auf das Geschehen auf der Bühne konzentriert habe. Vielleicht hat ja Volker Lösch auch bewusst das Tempo angezogen, die Aufführung dauerte tatsächlich nur 1 h 40 min anstatt der 1:50, die im Programmheft angezeigt sind. Zehn Minuten weniger können das Einschlafpotential schon erheblich senken.
Aber erstmal zu dem sogenannten Laien-Chor der Professionellen. Auf ihrem Gebiet (S)Expertinnen und gekonnte Darstellerinnen nicht ihrer selbst, sondern diverser Männerfantasien, gehört mit Sicherheit eine Menge Mut dazu sich einem Publikum zu präsentieren, das aber genau das von ihnen erwartet, den Seelenstriptees nämlich. Eine Knastbiografie oder den Bezug von Hartz IV öffentlich zu erklären, sind sicher auch nicht gerade leicht, aber sich als Nutte auf einem Podium zu outen, dazu gehört sehr viel Selbstverständnis und normaler Umgang mit dem eigenen Beruf. Und das zeigen die Damen dann auch sehr selbstbewusst und mit großer Freude am Spiel. Dafür gilt ihnen Dank, nicht Hohn und Spott oder Anzweifelung ihrer sogenannten Authentizität. Es ist schon schwer genug für ungeübte Laien überhaupt schauspielerisch zu glänzen, dann aber noch in den sehr schwierigen Chorpassagen dieser Inszenierung den richtigen Einsatz zu finden, fast unmöglich. Dass hier 4 Schauspielstudentinnen aushelfen, wie wir nun wissen, scheint mir da mehr als angebracht, da sogar die echten Schauspieler Mühe hatten sich in diesem Chor zu behaupten. Das Lösch das nicht vorher genau aufgeklärt hat und man sich nun seitens der Schaubühne darauf zurückzieht, dass das schon in anderen Projekten so war, tut der eigentlichen Aussage keinen Abbruch. Inhaltlich mag das strittig sein, was da skandiert wird und für viele nicht mehr neu, in mehreren Reportagen des Privatfernsehens oder in Dokumentarfilmen ist das Thema schon oft behandelt worden, aber sicher nicht mit dieser Wucht, die letztlich sogar in ein wenn auch ironisiertes Manifest mündet.
Wenn man ein großer Fan von Wedekinds Monstretragödie Lulu ist, sollte man der Veranstaltung fern bleiben. Lösch hetzt durch den Text, das kaum Zeit zum Atemholen bleibt. Szenenwechsel werden mit kurzen knalligen Musikeinlagen von Peaches bis zum üblichen „Bück Dich“ der Gruppe Rammstein vollzogen. Alles was Esther Slevogt in ihrer Nachtkritik recht satirisch verkündet, kann man auch wirklich sehen. Ihre Sichtweise ist aber sehr eingeschränkt, sie nimmt nicht wahr, dass hier Lulu nicht nur dem geilen Manne sanft die Hand ans Gemächt legt, sondern Lösch den brünstigen eitlen Platzhirschen direkt bei den Eiern packen will. Laura Tratnik und ihre männlichen Mitstreiter geben hier bewusst nur Schablonen ab, auch wenn das einigen zu plakativ einseitig ist. Lulu ist die personifizierte Männerfantasie und die Männer drehen hier mal den inneren Sack nach außen. Als irgendwann Sebastian Nakajew als Schön irritiert einer Vielzahl von Lulus gegenübersteht, die Liebe einfordern, weiß er nicht mehr wie er sich verhalten soll, so fixiert ist er auf das eine Bild in seinem Kopf, das ihm glatt das Ficken vergeht. Übrigens auch die Geschwitz kommt hier nicht gut weg, auch wenn sie ganz quirlig um die Liebe der Lulu buhlt. Sie projiziert ihr Wünsche genauso wie die Männer auf das Objekt ihrer Begierde. Die lesbische Liebe als Alternative funktioniert hier nicht, da Lulu noch in ihrer Fixierung auf den Mann fest hängt und ihrerseits nun eine Machtstellung gegenüber der Geschwitz ausübt.
Da wird natürlich viel schwarz-weiß gemalt, das ist sicher ein Manko der Inszenierung, ohne Frage. Die Differenzierung erfolgt durch den Chor, der die verschiedenen Bilder des Verhältnisses Nutte-Freier oder die unterschiedlichen Sichtweisen der Frauen auf ihren Job darlegt. Theater hat auch das Recht Aussagen so zu transportieren, das es dem ästhetisch geschulten Auge weh tut. Lösch will hier nicht Lulu aufführen sondern das Stück als Hülle für die Geschichten der Damen nutzen, deshalb findet auch keine Vermischung statt, aber es gibt durchaus Parallelen von Stücktext und Chor. Er hätte uns sicher noch mehr zumuten können, so bleibt eben wie oft vieles nur im Ansatz. Theater erklärt ja auch nicht, es schnappt sich meist nur punktuell einige Facetten aus der Wirklichkeit und setzt sich mit ihnen künstlerisch auseinander. Dass das Künstlerische zu kurz kommt, stößt auch mir auf, aber ich kann das wegstecken, zu Gunsten einer Aussage, die bei Wedekind noch im Vagen lag, hier aber deutlich gefordert wird, das Recht auf eine selbstbestimmte und unverklemmte Sexualität. Noch kürzer und prägnanter hat das in ihrer Punk-Zeit Nina Hagen in 1:45 min ausgedrückt: „…spritz, spritz, das ist`n Witz äh“. Wie es scheint, trifft das noch immer zu, das zeigt nicht zuletzt auch dieses Forum. Aber vielleicht haben ja auch schon einige ihr Gehirn in Formalin eingelegt. Hier hilft rausgehen und auslüften, oder eben ins Theater selbstbewusste Nutten gucken.

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