Blauer Dunst auf grünem Rasen – Alle Meine Söhne von Arthur Miller

Eine Inszenierung von Roger Vontobel in den Kammerspielen des DT

Roger Vontobel ist das vielbeschäftigtste Regiewunderkind der deutschen Theaterlandschaft. Die Labdakiden in Bochum, eine Peer Gynt in Essen, eine Penthesilea in Hamburg und ein Don Carlos in Dresden für den er den Regie-Faust bekam. Nun also seine zweite Inszenierung in Berlin nach einem eher zwiespältigen Pappmachéverkopften Clavigo am Gorki Theater vor zwei Jahren. Das Deutsche Theater baute nun Vontobel die Kammerspiele zur Arena um und scheute weder Kosten noch Mühen um Rollrasen im Winter ran zu karren. Arthur Millers amerikanisches Nachkriegsdrama über einen Rüstungsbauer, der im 2.Weltkrieg defekte Teile für Flugzeuge an die Air Force liefert und den Tod von 21 Fliegern zu verantworten hat, musste es sein. Wenn die Kammerspiele umgebaut werden zum Werkraum oder der Arena, dann ist meist etwas Neues angesagt, etwas was nicht in den normalen Rahmen passt. Anfang der 2000er Jahre wollte man damit die Baracke wieder beleben und ist mit dem Konzept gescheitert. An diesem Abend scheitert Vontobel aber leider auch. Am Anfang ist die Welt noch in Ordnung, Kinder toben auf dem Geviert der Arena und bieten Mini-Hotdogs an. Dann wird der Rasen ausgerollt, die Kinder sind erwachsen und holen die Zigaretten raus.
Arthur Miller ist der beharrliche Beobachter des amerikanischen Mittelstandes schlechthin, sein Tod eines Handlungsreisenden ist so ziemlich das bekannteste Stück der US-Nachkriegsdramatik. Man hat ihm mit unter vorgeworfen, genau so mittelmäßig zu schreiben, wie die Charaktere seiner Figuren sind. In Alle meine Söhne kommt das mit am deutlichsten zum Ausdruck. Das Stück ist in erster Linie patriotisch, was man ihm nach dem 2. Weltkrieg nicht weiter vorwerfen kann, eine Kapitalismuskritik ist nur im Ansatz vorhanden, in der Anklage des Kriegsgewinnlers Joe Keller, der für den schnellen Profit seinen Partner ins Gefängnis gehen lässt und über Jahre heile Welt spielt. Er ist nach außen ein Kumpeltyp, selbst sein zweiter Sohn Chris, der erste ist als Flieger im Krieg vermisst, hat keinen Grund gegen ihn zu rebellieren. Jörg Pose gibt ihn als jovialen Mann, der seinen Sohn sogar vorgibt zu verstehen, als der die Verlobte des verschollenen Sohnes Larry heiraten will. Wenn da nicht das Problem mit der Mutter Kate wäre, die immer noch an die Rückkehr des verloren Sohnes glaubt und davon nicht abzubringen ist. Ulrike Krumbiegel, mal wieder in einer Rolle am DT, ist darin auch sehr glaubwürdig. Daniel Hoevels ist der brave Sohn Chris, der Traumatisches im Krieg erlebt hat und etwas sinnvolles aus seinem gewonnenen Leben machen will. Seine Angebetete Ann, Tochter des im Gefängnis sitzenden Partners von Joe, ist bei Meike Droste, nach längerer Babypause endlich wieder zu sehen, sehr selbstbewusst aber etwas zu taff, obwohl sie genau weiß was sie will und mit Chris auch eine gute Party vor Augen hat. Jeder ist irgendwie mit sich selbst beschäftigt seine Ideale zu leben und doch schwingt die Angst des Versagens ständig mit. Der Griff zur Zigarette ist das einzige was diese Menschen wirklich miteinander verbindet. Umso öfter wird dann auch zu ihr gegriffen. Chris ist ein großer Zweifler, er will nicht unbedingt in die Fußstapfen seines Vaters treten kann sich aber auch nicht konsequent für ein Leben mit Ann in New York entscheiden. Von Joe wird bemüht auf Party gemacht, um von den im Raum schwebenden Zweifeln abzulenken.
Unvermittelt personifiziert sich die Angst aller dann mit dem plötzlichen Eintreffen von Anns Bruder George, nölig von Ole Lagerpusch dargestellt, der Chris sofort mit der Wahrheit über ihre Väter konfrontiert. Hier gerät Vontobles bisher gefällige Regie erstmals aus den Fugen. Erst sehr weit auf Distanz gehen sich die beiden dann unversehens an die Wäsche. Kate kann hier noch einmal schlichten und Joe gibt wieder den Generösen, in dem er George eine Job besorgen will und auch seinen Vater wieder in die Firma holen möchte. Die einzige noch verbliebene Nebenfigur, die Nachbarin Sue (Angela Meyer), war einmal Georges Freundin, ist aber nun mit dem Arzt Jim Bayliss verheiratet und hat drei Kinder. Ihr plötzliches Auftauchen wird mit lautem Hundegebell gleichendem Geschrei von allen registriert. Es entwickelt sich ein kleiner Zickenkrieg zwischen ihr und Ann, indem sie ihr andeutet, das nie jemand der Nachbarn an die Unschuld Joes geglaubt hat. Endgültig aus dem Rahmen fällt dann die Inszenierung von Vontobel als Chris seinem Vater endlich die Wahrheit Stück für Stück abringt. Die Fassade ist eingerissen, die Wut und Verzweifelung Chris` entlädt sich in Schreien und wiederholten Vorwürfen gegen seinen Vater. Hier setzt Vontobel auf Drastik. Daniel Hoevels durchmisst die Arena schleudert sein Jackett von sich und schlägt Jörg Pose wiederholt ins Gesicht. Das Ganze wird von der Seite gefilmt, die Gesichter sind in Großaufnahme auf Leinwänden zu sehen, eine Methode die auch nicht mehr ganz neu ist. Joe kann sich nur mit fadenscheinigen Entschuldigungen verteidigen, eine Einsicht der Schuld gibt es für ihn nicht wirklich. Alle waren so im Krieg, alle haben versucht Geld zu verdienen. Dieses Finale kann aber nicht über die müde Inszenierung hinwegtäuschen. Die Schwäche des Stücks wird auch zur Schwäche der Inszenierung, es fehlt an tatsächlicher Fallhöhe. Was Miller in seinen späteren Stücken verstand, den kleinen Mann zum tragischen antiken Helden aufzubauen, der durch Schicksal und Leben gebeutelt sich mit Schuld beladen hat und daran zu Grunde geht, kann mit Joe nicht wirklich gelingen, zu eindeutig ist seine Schuld. Eine Konsequenz daraus erfolgt nicht. Nachdem dann noch der Brief von Larry an Ann vorgelesen wird, in dem er sich aus Scham vor der Tat beider Väter zu einem Selbstmord bei seinem nächsten Flug entschlossen hat, ist auch Kates Hoffnung zerstört. Joe geht ab, ob er sich seiner Schuld stellt bleibt offen.
Diese Inkonsequenz als Verweis auf den momentanen Zeitgeist reißt die Inszenierung nicht mehr raus, zu unverbindlich ist sie in ihrer zeitlichen Einordnung oder als Beispiel für heutige Kriege und die Moral der daran Verdienenden. Das Ganze verkommt zu Rasenschach mit kleineren Rochaden. Vontobel reicht als Beweis seiner These vom Zerspringen der Kernfamilie der Selbstmord des Sohnes des Investmentbetrügers Bernard L. Madoff. Die Suche nach der Bedeutung eines Stückes sei die eigentliche Aufgabe von Theater, sagt er in einem Beitrag über junge Theatermacher auf der Seite von jetzt.de. Das müsse auch in einer Aufführung sichtbar werden, nicht nur in der Vorarbeit, „die dann dazu führt, dass das Stück auf einem Baum spielt und die Zuschauer nicht mehr verstehen warum.“ Der Baum wurde vom Sturm entwurzelt. Ein Zeichen? Wofür weiß hier kein Mensch.

Comments are closed.