Die Früchte des Zorns vom Baum der Erkenntnis

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Armin Petras dramatisiert John Steinbecks Roman als anrührendes Road-Movie am Maxim Gorki Theater

John Steinbeck hat sich nie sehr für den intellektuellen Menschen interessiert. Er war stets eher den erdverbundenen Landleuten zugetan, die ihr Brot noch im wahrsten Sinne des Wortes im Schweiße ihres Angesichts verdienten und hat ihren Kampf mit der Natur, als deren Bestandteil er den Menschen begriff, Zeit seines Lebens in seinen Romanen begleitet. Darum beschäftigte er sich vor allem auch mit den ökologischen Problemen der Umwelt und seine naturalistischen Romane sind immer auch als eine Art Versuchsanordnung zu verstehen, die Gesetze der Natur in die menschliche Gesellschaft zu übertragen. Dabei verlor er aber nie den Blick für die Schicksale der Menschen am Rande dieser Gesellschaft.

In kaum einem anderen seiner Werke treffen diese beiden Anliegen Steinbecks so zusammen wie in „Früchte des Zorns“ aus dem Jahre 1939. Aus einer Art Naturkatastrophe heraus, entstanden aus dem Ausdörren der Böden in Oklahoma, bedingt auch durch den Anbau von Monokulturen, verlieren die Landarbeiter ihre Farmen an die Banken und ziehen wie einst die Israeliten aus, um sich im „gelobten Land“ Kalifornien als Obstpflücker zu verdingen. Steinbeck erzählt die Geschichte dieser Okies aus der „Dust Bowl“ anhand der leidvollen Odyssee der Familie Joad. Armin Petras der sich in dieser Spielzeit am Maxim Gorki Theater ganz dem Erzählen von Geschichten und Geschichte verschrieben hat, übernimmt diesen Plot für seine Untersuchungen der Umwelt, sozialer Migration und Zusammengehörigkeitsgefühlen von Gruppen und ist damit dem originären Anliegen von Steinbeck direkt auf der Spur.

Zu Beginn füllt ein Haus mit Papierfront und Sperrholzdach die Bühne. Die Fassade wird abgerissen und verbrannt, das Dach hochgezogen. Die gesamte Familie Joad blickt in eine brennende Tonne, den Resten ihres bisherigen Lebens nach. Der Track gen Westen kann beginnen. Petras entwickelt eine Art Roadmovie auf schiefer Ebene, eine Leinwand zeigt die Straße, Vögel ziehen vorüber und alle schlagen den Takt der Schlaglöcher und Motorkolben des alten LKWs auf die Bühnenbretter.

Die ersten, die auf der Strecke bleiben, sind erfahrungsgemäß die Alten, die sich nicht mehr so leicht verpflanzen lassen. Ursula Werner und Wolfgang Hosfeld geben ihren Figuren selbst noch im Sterben sehr viel Würde. Sie können die Zuversicht der Jungen nicht mehr teilen, die nach einem Leben wieder auf dem Land suchen, oder einem neuen in der Stadt wie Schwiegersohn Connie (Albrecht A. Schuch) und die schwangere Rose of Sharon. Aus dem elektrischen Bügeleisen aus dem Katalog wird hier sogar ein ganzer Kühlschrank. Ein kleiner Traum von Luxus, der sich nicht erfüllt. Nur symbolisch lässt ihn Petras später auf die Bühne hieven. Regine Zimmermann ist hier erst träumerisch naiv und dann beim Erzählen der Schlussszene, in der Rose of Sharon einem Verhungernden die Brust gibt, wie eine Allegorie der Jungfrau Maria aus dem Hohelied selbst.

Die Realität von Fremdenhass und Egoismus, der die Familie auf ihrer Fahrt begegnet, hat die Joads schneller eingeholt, als ihre Träume gewachsen sind. Mutter Joad (sehr jung mit Julischka Eichel besetzt) ringt um den Zusammenhalt ihrer Familie, kann aber das Auseinanderbrechen nicht verhindern. Mit dem Sohn Tom (Max Simonischek) und dem Wanderprediger Casy (Michael Klammer) stellt Steinbeck zwei sehr unterschiedliche Protagonisten ins Zentrum seines Romans, an deren Wandlung er sehr deutlich Ursache und Wirkung von sozialer Ungerechtigkeit darstellt. Der Priester, der erst seinen Glauben an Gott verliert, wird zum „Hass“-Prediger eines neuen Glaubens und schließlich zum Märtyrer des Kampfes um Gerechtigkeit. Petras stellt ein biblisches Tableau an die Bühnenrampe. Tom wird Casy folgen und seinem erst unkontrollierten Zorn schließlich eine gezielte Richtung geben. Max Simonischek trägt lässig den Spaten als Instrument seiner Wutausbrüche immer mit sich auf dem Rücken.

Armin Petras setzt Steinbecks Naturalismus mit viel Countrymusik und passenden Kostümen um, versucht aber auch den teilweise pathetischen Realismus mit Humor und Ironie zu brechen. Petras Blick auf die Figuren ist nie ein sentimentaler aber ein durchaus mitfühlender und dafür findet er  mit seinem bekannten Hang zu symbolisierenden Gruppenszenen auch immer wieder wunderschöne Bilder. Den unschuldigen Drang nach Glück verdeutlichte eine Szene, in der sich Michael Klammer als Baum mit erhobenen Armen windet, die unerreichbare Zweige symbolisieren, nach denen sich alle strecken, um an die verheißenen Früchten zu gelangen. Die Früchte der Erkenntnis prasseln dann auch aus dem Schnürboden.

Wie in der Bibel ist der Preis zwar nicht die Vertreibung aus dem Paradies, aber die Abdrängung an den Rand der Gesellschaft. Ihr Traum wird nochmals ironisiert, als alle in feiner Kleidung an die Rampe treten. Wie bei Steinbeck kommt zum Elend auch wieder der Einbruch der Naturgewalten mit einer großen Regenflut. Rose of Sharon verliert ihr Baby wie die jüngste Tochter Ruthie (Ninja Stangenberg) ihre Unschuld. Die Familie scheitert im gelobten Land und zerfällt.

Armin Petras kann Steinbecks Roman zwar nicht konsequent ins Heute transportieren, letztendlich dient ihm aber die Geschichte nicht nur dazu, wie viele Kritiker konstatierten, den ewig jammernden Ossi mit dem Okie zu vergleichen, sondern er geht hier vor allem wie Steinbeck weiter der These nach, „“dass der Mensch für sich allein gar keine Seele hat, dass er einfach ein kleines Stück von einer großen Seele ist.“

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Die Früchte des Zorns
von John Steinbeck, für die Bühne bearbeitet von Armin Petras (Mitarbeit Anne Habermehl)
Inszenierung: Armin Petras, Bühne: Olaf Altmann, Kostüme: Aino Laberenz, Video: Niklas Ritter, Dramaturgie: Nina Rühmeier
Mit: Regine Zimmermann, Ursula Werner, Julischka Eichel, Ninja Stangenberg, Michael Klammer, Max Simonischek, Wolfgang Hosfeld, Wilhelm Eilers, Albrecht Abraham Schuch

Premiere war am 18.12.2010 im Maxim Gorki Theater Berlin

Infos: http://www.gorki.de/spielplan/fruechte-des-zorns/

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