Zwei Klassikeradaptionen von andcompany&Co im Berliner HAU

FatzerBraz – andcompany&Co versuchen sich den heiligen Bertolt Brecht einzuverleiben

Bereits Ende Oktober des letzten Jahres gastierten andcompany&Co und einige brasilianische Mitstreiter mit einer Version von Brechts „Der Untergang des Egoisten Johann Fatzer“ im HAU 3. Die Inszenierung hatte auf dem Theaterfestival in Sao Paulo im August Premiere und ist eine Annäherung an das Prinzip der brasilianischen „Anthropophagia“ der „Verspeisung des heiligen Feindes“ nach dem Manifesto Antropófago (1928) von Oswaldo de Andrades, um sich durch auffressen und verdauen die kreative Energie des Gegners anzueignen und diese selbst wiederum kreativ zu nutzen.
Die Frage nach dem Fressen und der leidigen Moral hat ja in Brechts Texten eine gewisse Bedeutung und so liegt es nahe, den eigensinnigen Fatzer mit den brasilianischen Urmythen wie der des „Macunaima“ des Schriftstellers Mario de Andrades kurzzuschließen. In Südamerika sind ja die Revolutionäre reinste Volkshelden und so tragen die Protagonisten zu südamerikanischen Klängen Masken von Che Guevara, Ulrike Meinhof, brasilianischen Stars und Sternchen sowie Angela Merkel, Bastian Schweinsteiger und natürlich Brecht selbst vor sich her.
Die von den Schlachtfeldern des 1. Weltkrieges desertierte Panzerbesatzung sitzt zu Beginn in einem grünen Planenmonstrum aus dem Arme, Beine und Köpfe herausschauen können. Ansonsten erinnert hier nicht sehr viel an den eigentlichen Ort das Geschehens, die Stadt Mühlheim. Alles wirkt eher sehr exotisch mit Palmen und Tiermasken. Das ist alles sehr erfrischend und lustig anzusehen, letztendlich können andcompany&Co dem Stoff aber nicht viel neues abgewinnen. Der Egoist Fatzer geht den vorbestimmten Weg, weg von den revolutionären Plänen hin zu den Fleischtöpfen. Den Kameraden in ihrem Pappkartonkellerloch hängt er Knochen und Würste vor die Nase. Am Ende verschwindet Fatzer in einem großen Pappmachemaul, leicht verdauliche Kost ohne lästiges Sodbrennen.

Lauter Vater-Sohn-Traumata in teutschen Landen – Die Bearbeitung des „Pandämonium Germanicum“ der andcompany&Co ist nicht bloß eine lenz’sche Eseley

Wer die Szenische Skizze in drei Akten von Jakob Michael Reinhold Lenz, 1775 entstanden, aufführen will, muss dafür schon einen triftigen Grund haben. Vor allem füllt das Stück keinen ganzen Abend. Deshalb schließen die Akteure von andcompany&Co den Goethe-Apologeten Lenz mit einem anderen Möchtegern-Künstler kurz, dem 68er Rausch- und „Reise“-Autor Bernward Vesper, Ex-Geliebter der RAF-Aktivistin Gudrun Ensslin. Vesper hatte an seinem Übervater und Nazidichter Will Vesper zu leiden und sich in seinem Werk versucht von ihm zu emanzipieren. Lenz versuchte mit seiner Satire „Pandämonium Germanicum“ Goethe auf einen Berg zu heben und die Nachahmer von französischen und englischen Vorbildern als Philister zu geißeln. Die Journaille kommt dabei auch nicht gut weg. In einem Tempel des Ruhms treffen alle aufeinander, um letztendlich verspottet zu werden und in Goethe und Lenz die Vorkämpfer des neuen Dramas zu sehen.
Bei andcompany&Co findet das auf einer Bühne mit rotem Vorhang und in historischen Kostümen statt. Goethe ist eine Frau und Lenz alias Vesper ist Maler im Blaumann und um Eigenständigkeit bemüht. Es gibt Bücher so groß, das man in ihnen verschwinden kann und unter ihnen begraben wird. Das Licht wird an und aus geknipst, die Vorbilder aus Kunst, Kultur und Politik tanzen wie in einem Horrortrip durch 200 Jahre Reliquienverehrung mit Figuren wie Shakespeare, Goethe, Schiller, Kleist, Wieland, Lessing, Kafka, Hitler, Bader, Enslin und Vesper an uns vorbei.
Haben andcompany&Co in Fatzerbraz beim Versuch sich Brecht einzuverleiben, den Klassiker noch fast unverdaut wiedergekäut, so entwickeln sie beim durch den Zitat-Wolf drehen von J M R Lenz und all seiner neuzeitlichen Pendanten ein gewaltiges Assoziationsfeuerwerk. Nach dem Motto Handeln, Handeln, Handeln ziehen andcompany&Co hier kongenial Parallelen durch die deutsche Geschichte und schlagen den Bogen der deutschen Heldenverehrung und deren Vaterfiguren vom Sturm und Drang und der Weimarer Klassik über Nationalsozialismus, 68er Generation RAF und deutschem Herbst bis ins Heute. Nur gibt es sie eben nicht mehr diese Überväter und verhinderten Söhne. Jetzt sind alle nur noch Nachahmer und 15 min. Berühmtheiten? Jeder der sich auf eine Bühne stellt, ist gezwungen, das Rad ständig neu zu erfinden, das hat so ähnlich auch schon Rene Pollesch im Perfekten Tag festgestellt.
Andcompany&Co parodieren das bis hin zu Peymann-, Meese-, Bleibtreu- oder Schlingesiefverweisen mit ALS-Quiz. Man muss das Rad nicht mehr neu erfinden, es ist alles schon mal da gewesen und wartet nur auf seine Reproduktion. Lenz`ens Albtraum des sich vom Vorbild befreienden Kunstwerks dient hier nur als Aufhänger für eine wunderbare Eseley des schönen Scheins. Gut geskizzen ist manchmal auch wie gemohlt. Übrigens macht das Ganze auch ohne das nötige Insiderwissen Spaß und wem das all zu süßlich gerät, man muss ja die Bonbons nicht annehmen, wenn man schon zu viel vom Braten genossen hat.

Comments are closed.