Schillers „Der Parasit“ und Shakespeares „Was ihr wollt“ – Ein Matthias-Hartmann-Doppel am Wiener Burgtheater

Da hat es dann doch noch geklappt, mit einem kurzen Wien-Besuch am Ende diesen Jahres. Es geht mit Flyniki in gut einer Stunde aus dem tief verschneiten Verkehrschaos Berlins ins ÖPNV-Paradies Wien, wo die Bahn mit an Wunder grenzender Selbstverständlichkeit alle 5 min. fährt und man immer wieder in nettem Dialekt gebeten wird, seinen Sitzplatz anderen Bedürftigen zu überlassen. Neben den größten Schnitzeln und den besten Mehlspeisen der Welt, gibt es in Wien auch die älteste Kaffeehauskultur und so bekommt man eben nicht einfach nur einen Kaffee, sondern so merkwürdige Dinge wie Einspänner, Verlängerte und kleine oder große Braune. Diese besondere Melange aus traditioneller k.u.k. Beschaulichkeit und ein liebenswerter weltmännischer Größenwahn machen den besonderen Charme von Wien aus. Das konsequente Ignorieren aller moderner Einflüsse in Kultur und Sprache sowie eine gewisse Hassliebe zur eigenen Geschichte zeichnen den Wiener (Lebens)Künstler aus. Allerdings ist die Zeit der Kaffeehausliteraten wie Karl Kraus, Arthur Schnitzler, Robert Musil, Franz Werfel oder Joseph Roth lange vorbei und man kann die meisten Protagonisten nur noch auf dem Zentralfriedhof besuchen.
Die Ruhe dieser morbiden Weihestätte hat Wien am Silvesterabend komplett abgelegt und gibt sich in der Innenstadt der Feierlaune der Touristen hin. Am Graben ist kaum noch ein Durchkommen und das Wiener Bildungsbürgertum hat sich in der Burg verschanzt. Der Burgdirektor Matthias Hartmann lädt zur traditionellen Silvesterpremiere. Ich lasse aber die Burg links liegen und begebe mich lieber zu einem köstlichen Silvestermenü und einer anschließenden Party in der roten Bar des Volkstheaters. So habe ich zwar den jährlichen Witz des Burgdirektors verpasst aber auch eine an einen solchen erinnernde Inszenierung. Dennoch siegt schließlich die Neugier und am Neujahrsabend habe ich mir doch noch ein Last-Minute-Ticket für den Parasiten geholt.

Tür auf, Tür zu, Matthias Hartmann rutscht auf der Schleimspur des Schillerschen Parasiten aus

Der Burgdirektor hat zum Jahreswechsel alles aufgeboten was Rang und Namen am Burgtheater hat. Udo Samel als leicht beeinflussbarer Minister Narbonne, Kirsten Dene als dessen dominante Mutter und Johann Adam Oest als braver Beamter Firmin, aber natürlich darf einer nicht fehlen und so wanzt sich Michael Maertens als Selicour nicht nur mit aller Macht an alle die sein Fortkommen befördern können, sondern auch ans Wiener Publikum ran. Auf einer riesigen Schleimspur schliddert er in Schillers Komödienübersetzung des Franzosen Louis-Benoît Picard durch die Inszenierung von Matthias Hartmann.
Was Hartmann nach Inszenierung des Parasiten in Bochum und Zürich immer noch an dieser moralisierenden Parabel vom mediokren nach oben buckelnden und nach unten tretenden Emporkömmlings interessiert, kann er hier trotz seines Kniffs mit dem dreifachen Ende, in dem alle als Intriganten und Kriecher entlarvt werden, nicht wirklich deutlich machen. Die Inszenierung bleibt so mittelmäßig wie es der französische Originaltitel „Médiocre et rampantes“ verheißt. Schon Regiekollege Philip Tiedemann ist vor gut einem Jahr mit einer Kasperletheaterversion am BE gescheitert, trotzdem setzt Hartmann auf Altbewährtes und die Kunst seiner Darsteller. Zur Klamotte taugt der Stoff allemal und so geben sich alle redlich Mühe, um den Wienern Mittelmäßigkeit und Verlogenheit par excellence vorzuführen. Am besten gelingt das noch Oliver Stokowski als von Sellicour geschasstem Schreiber La Roche. Er spinnt gekonnt die Gegenintrige. Immer wieder hat er nur beim bloßen Nennen des Namens seines Widersachers reinste Säurespritzer im Auge.
Die Jungen, Gerrit Jansen als verhinderter Dichter Karl Firmin und Yohanna Schwertfeger als seine Angebetete Charlotte, bleiben eher blass, der Rest spielt brav und kocht das durchaus vorhandene komödiantische Talent auf Sparflamme. Der Klamauk überwiegt und Maertens chargiert, näselt und grimassiert, dass das Wiener Publikum in wahre Begeisterungsräusche verfällt. Das Beste bleibt allerdings das Bühnenbild von Johannes Schütz, mit einer hohen weißen Faltwand mit verschieden großen Türen, durch die kleinste zwängt sich der niedere genügsame Beamte Fermin und an die Klinke der größten reicht Udo Samels Narbonne fast nur auf Zehenspitzen. Leider verläppert sich der Witz zunehmend und der Herr neben mir verfällt in einen seligen Theaterschlaf, der Glückliche. Die übrigen Wiener können dann nach den obligatorischen Pausenschnittchen beruhigt der Moral von der Geschicht beiwohnen und sich vergnügt auf den Heimweg machen. Wirkliches Mobbing geht anders.

Was ihr wollt (nicht) lachen !? Matthias Hartmann lässt den Schalksnarren von der Leine

Schalksnarren sind ein unnütz Hofgesind. – Friedrich Petri (1549-1617)

Das wusste auch schon William Shakespeare und so gab er seinen eh schon maladen Figuren meist noch einen lustigen Gesellen an die Seite, der zum Hohn der Herrschaft noch für kräftig Spott sorgte. König Lear musste sich mit so einem Schalksnarren herumplagen und als er dann dem Wahnsinn nahe ans Wüten ging, ging auch der Narr, nicht nur von der Leine, sondern lieber gleich stiften. Der Narr und der Mächtige, ein sich stets in Frage stellendes Paar, das die Ambivalenz von Macht symbolisiert.
Auch die hoch melancholische Fürstin Olivia aus Illyrien besitzt eben so ein Exemplar. Ihr Narr liegt vorzugsweise auf der faulen Haut und gibt gescholten nur patzige Antworten: „Weg mit der Lady!“. Den Schalk im Nacken, die Hand stets offen, gibt ihn Sven-Eric Bechtolf als abgehalfterten Entertainer, der schon bessere Tage gesehen hat, im abgewetzten Anzug und ohne Schuh. Immer auf der Reise zwischen zwei knauserigen Herren, zieht er einen Verstärker wie einen Rollkoffer auf dem Flughafen hinter sich her und kann gar wunderlich Geräusche damit machen, Lieder singen, die keiner hören will und zu Anfang weiß er sogar einen Schiffsuntergang damit zu bewerkstelligen.
Die Bühne ist ganz leer, nichts außer einem Klavier, um sich im Sturm daran festzuhalten. So entspinnt sich die Shakespearsche Story vom Stranden der jungen Viola, erst unsicher dann selbstbewusst und forsch hier Katharina Lorenz. Sie weiß ihrer Rolle am besten unterschiedliche Facetten abzugewinnen und die Zerrissenheit überzeugend darzustellen. Alle anderen üben sich in Narretei und selbstverliebtem Spiel. Dörte Lyssewski wirft ihr blondes Haar und schmachtet ihre Olivia nur so hin, Fabian Krüger als Fürst Orsino scheint sich vor lauter Langeweile in diese Frau verliebt zu haben, er weiß eigentlich irgendwann nicht mehr so genau warum und beharrt aus lauter Trotz, obwohl doch vor seiner Nase die als Cesario verkleidete Olivia von Liebe stammelt. Den Vogel schießen aber Nicholas Ofczarek und Michael Maertens als total verblödetes Ritterduo ab. Ofcarek hat man einen Stock ins Kreuz gesteckt eine Glatze verpasst und ein Glas in die Hand gedrückt. So stakst er dauerbesoffen über den auf die Bühne geschobenen Teppich und es fehlt tatsächlich nur noch der Tigerkopf, um darüber zu stolpern. Maertens spielt mit Lust den begriffsstutzigen Vollkoffer Bleichwang und das gelingt ihm auch in Rüstung ohne viel Mühe. Fehlt nur noch der Malvolio, und auch Joachim Meyerhoff reiht sich in den Reigen der Narren ein. Er grimassiert, gibt sich anzüglich und steht den anderen beim Slapstick in nichts nach. Das ist vorhersehbar und reizt zu so manchem Schenkelklopfer, das Publikum nimmt es dankbar auf.
Ein Teppich muss natürlich auch gesaugt werden und so hat Maria Happel als Zofe Maria wieder einen ihrer unnachahmlichen Auftritte, ein weiterer mit nicht enden wollendem Lachanfall wird folgen, wenn die List gelungen ist und Malvolio wie zu erwarten in gelben Strümpfen mit kreuzweis geschnürten Bändern auftritt. So stehen dann alle Spielarten des Narren nach Hans Sachs auf der Bühne und versuchen sich gegenseitig zu übertreffen. „Halt`s maul, Du dumme Sau“ wird zur Hymne des Abends. Die von Karsten Riedel auf Gitarre oder Klavier gespielten und wunderbar gesungen Sonette werden so an den Rand gedrängt. Matthias Hartmann lässt alle Narren an der langen Leine agieren, allein am Ende geht ihnen die Luft aus, Malvolio sitzt in der dunklen Kiste unter der Bühne und ewig lang gibt es eine Liveschaltung aus dem Untergrund auf Video übertragen. Dafür nimmt er uns dann alle zur Strafe in Sippenhaft. Nach 3,5 Stunden ist der Narrenspuk dann vorbei, die von Stéphane Laimè, der schon in Hamburg Jan Bosses Was-ihr-wollt-Version ausgestattet hat, mit Kitsch und Tand nach und nach zugemüllte Bühne wird wieder geleert. Aber alle sanfte Melancholie kommt zu spät, der Narr kann es nicht mehr richten, der Wiener hat sich bereits totgelacht. Illyrien wird so zum Billigausflugziel für Partygänger mit After Hour und Kulinarischen Schmankerln. Den Reiseführer gibt es im Programmheft dazu. Diese Süßspeise ist all zu deftig, aber passt scho!

Schalksnarren, Fliegen und Hunde finden sich zum Essen zu jeder Stunde. – Joseph Eiselein (1791-1856)

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