Oh Finnland, Deine Männer! – Dimiter Gotscheff zeigt Aki Kaurismäkis „Mann ohne Vergangenheit“ in langatmigen Clownsnummern

Irgendwann ruft Margit Bendokat diesen Satz aus, nachdem sich die finnischen Männer ihrer Lieblingsbeschäftigung dem Alkoholtrinken hingegeben haben. Die Männer kommen in Aki Kaurismäkis Filmen nie besonders gut weg. Meist steuern sie stoisch schweigend aber konsequent irgendeiner unaufhaltsamen Katastrophe entgegen. Das geschieht aber nie ohne einen Anflug von Komik. Kaurismäkis Filme zeichnen sich durch eine recht undramatische Handlung mit sparsamen Dialogen aus, das dicke Ende kommt meist zum Schluss. Vom Neorealismus beeinflusst, entwickelt er seine minimalistischen Einstellungen ähnlich den Filmen von Jim Jarmusch in unspektakulären schwarz-weiß Bildern. Kaurismäki ist ein unverbesserlicher Pessimist mit einem lachenden Auge. Man nennt das wohl Melancholie, er bezeichnet sich selbst eher als manisch depressiv. Um so verwunderlicher, dass er mit dem Film „Der Mann ohne Vergangenheit“ ein Märchen vom Rande der Gesellschaft mit einem kleinen Happy End in zarten, farbigen Bildern gemalt hat.
Ein Mann wird brutal zusammengeschlagen, verliert dabei sein Gedächtnis und muss in einer Containersiedlung unter lauter verkrachten Existenzen ein neues Leben beginnen. Das gelingt ihm trotz der Knüppel, die dem Namenlosem durch die gesellschaftlichen Institutionen wie Kirche, Arbeitsamt und Bank immer wieder zwischen die Beine geworfen werden, mit Hilfe der Solidarität der anderen Containerbewohner und eigener Beharrlichkeit. Der Film ist eine Art Stationendrama, ein Glaube-Liebe-Hoffnung-Stoff auf finnisch und durchaus geeignet für die Umsetzung auf der Theaterbühne. Dimiter Gotscheff versucht sich nun nach „Die Chinesin“ von Godard, einem Vorbild Kaurismäkis, mit seiner zweiten Filmadaption in dieser Spielzeit. Das Ergebnis ist leider ernüchternd. Stephan Kimmig ist bereits mit dem Kaursismäki-Film „Wolken ziehen vorüber“ 2004 am DT mit vorwiegend stummen Bildern gescheitert. Gotscheffs Inszenierung ist da redseliger, die stummen Passagen des Films wie den Überfall auf den Protagonisten M, lässt er zu Beginn durch Samuel Finzi, in typischer Kaurismäki-Aufmachung, erzählen. Das geschieht noch einige Male an diesem Abend und wirkt wie eine Audiotranskription eines Films für Blinde. Das ist eines der Mankos dieser Inszenierung, dass die Stimmung des Films nicht auf der Bühne umsetzbar ist.
Der Minimalismus von Kaurismäki kommt noch am besten zum Ausdruck, durch das wieder sehr sparsame Bühnenbild von Katrin Brack, mit einer überdimensionalen Peitschenlaterne und mehreren großen Plastiktaschen als Containerbehausungen. Das gibt Raum für einige sehr lustige Slapsticknummern, wie die Einweihungsparty der Containertasche von M, einer Saunaszene mit rauchenden Taschen und einer Tasche als Umkleidekabine. Wolfram Koch als M gelingt noch am ehesten der lakonische Ton des Films, die Anderen, allen voran Samuel Finzi in mehreren Rollen, karikieren ihre Figuren nur in clownesken Szenenfolgen. Keiner der Protagonisten vermag ihnen wirklich Leben einzuhauchen. Unnötig wirken auch die vielen Bibelzitate, die das Geschehen nur zusätzlich grotesk aufladen. Einzig eine Szene kann überzeugen, wenn sich M und die von Almut Zilcher etwas übertrieben als spätes Mädchen gespielte Heilsarmistin Irma langsam näher kommen. Dabei fungiert der Hund Hannibal als Kuppler. Das ist der Clou der Inszenierung, den Hund des geldgeilen Vermieters Anttila (sehr laut Michael Schweighöfer) als unterwürfigen Menschen, dargestellt von Andreas Döhler, auftreten zu lassen, der später aber auf sein altes Herrchen pissen wird.
Mehr vermag Gotscheff nicht aus der Vorlage zu machen, der Abend ist mit über 2 Stunden viel zu lang und sogar streckenweise regelrecht langatmig. Wohltuend da eher noch die musikalische Begleitung mit einer Band, die finnischen Tango, Chanson und Blues mischt, getanzt darf auch mal werden, ein märchenhafter Zauber entwickelt sich aber dennoch nicht. Gotscheff verwechselt Melancholie mit Langeweile und lässt seine Protagonisten lieber bedeutungsschwanger an der Rampe stehen und ins Publikum starren. Kaurismäkis subtiler, trockener Humor geht dabei leider völlig flöten. Noch nie hat eine Inszenierung von Dimiter Gotscheff so bemüht und dennoch leer gewirkt, ein dramaturgischer Offenbarungseid.

Comments are closed.