Nora im Wolkenkuckucksheim – Henrik Ibsen am Maxim Gorki Theater Berlin

Jorinde Dröse rechnet mit der Elterngeneration in der Bundesrepublik der 70er Jahre ab, vergisst aber das gesellschaftliche Umfeld dieser Zeit zu beleuchten

„Nora oder ein Puppenheim“ heißt Ibsens Stück über den Ausbruch einer Frau und Mutter aus ihrer Ehe am Ende des 19. Jahrhunderts. Das Puppenhaus steht dabei für die Eingeschlossenheit in die herrschenden Konventionen der Gesellschaft und die Fremdbestimmung durch ihren konservativen Mann, der sich die Protagonistin zum Schluss entzieht. „Ich muss herauskriegen, wer Recht hat, die Gesellschaft oder ich.“ Jorinde Dröse verlegt das Stück in die Zeit ihrer Eltern, in die Bundesrepublik der 70er Jahre. Auch dort herrschten trotz der sexuellen Befreiung der 68er noch strenge einengende Rollenfestschreibungen in den Beziehungen zwischen Mann und Frau.
Vielleicht hätte man für diese Perspektive im Rang sitzen müssen, was ich auch diesmal getan habe, ganz zufällig eigentlich. Hier wird diese Puppenstube noch viel deutlicher. Dieser Blickwinkel fehlte den meisten Kritikern wahrscheinlich. Allerdings werden die Figuren schon ganz bewusst gelenkt und diese unsichtbare Hand trägt deutlich die Handschrift der Regisseurin. Es ist ihre ganz persönliche Sicht aus eigener Erfahrung heraus. Einen großen Experimentierkasten hat Jorinde Dröse hier aufgebaut, in dem sie die Figuren hin- und herschiebt, ordentlich durchdreht und dann ungebremst aufeinanderprallen lässt. Das wirkt spaßig und bisweilen unfertig wie noch auf der Probe. Es gibt keine vorhersehbare Dramaturgie, es ist alles sehr erfrischend und manchmal auch etwas chaotisch wie auf einem Kindergeburtstag. Aber das ist das Konzept, die genüssliche Sicht des ehemaligen Kindes auf die Fehler der Eltern, aber nicht nur mit einem Gefühl der Überlegenheit, sondern durchaus auch mit dem nötigen Ernst für die Situation.
Eine ungewöhnlich aufgekratzte Nora ist hier Hilke Altefrohne, eine die sehr wohl ihren Platz im Leben neben ihrem geliebten Torvald beansprucht, aber ansonsten eigentlich akribisch an der gutbürgerlichen Fassade und Einrichtung ihres kleinen Wolkenkuckucksheim-Glücks bastelt. Dass das dann an der Wahrheitspedanterie und den Konventionen ihres Mannes scheitern muss, wird ihr erst zu spät klar. Sie ist das große Kind, für das sie auch von Helmer gehalten wird, Peter Kurth spielt ihn locker, generös und ist dabei selbst noch ein großer Junge. Er bevormundet Nora und nimmt sie nicht ernst, siehe Running Gag mit der Süßigkeitentüte. Nora, die Konsumverrückte, die sich selbst noch für ihren Göttergatten als Geschenk verpackt. Ihre einzige wirkliche Kommunikationsanlaufstelle ist eigentlich Doktor Rank, Andreas Leupold darf hier auch sehr lustig sein, endet aber wie immer als tragische Randfigur mit Heulkrampf.
Dennoch ist diese allen psychologischen und hoch philosophischen Kram über Bord werfende Inszenierung sehr sympathisch. Man muss sich erst mal in diese überraschend unkonventionelle Herangehensweise einsehen. Jorinde Dröses führt uns nicht nur in eine andere Zeit, es ist für viele eine ganz andere Welt, die dort gezeigt wird. Aber in eine neue Perspektive kann man sich ja einsehen, auch wenn diese einigen etwas zu schräg geraten scheint. Es ist die Welt der Kinder, die da verständnislos neben dem Chaos der Eltern stehen und dabei emotional überfordert sind. Das Nachspielen der üblichen Phrasen zum Schluss macht das deutlich. Ein Schluss der es in sich hat. Nach der Entdeckung der Urkundenfälschung, die Nora für Torvald begangen hatte, um einen Kredit zu erhalten, der ihm schließlich das Leben rettete, läuft Peter Kurth rot an dreht sich wie ein Brummkreisel und zieht pfeifend imaginäre Trennlinien durch das Puppenhaus. Die Lebenslüge bricht zusammen und beide brechen aus der Enge des Raumes durch die Drehtür in einen Schneesturm hinaus, sich wüst beschimpfend. Die Kinder sitzend kichernd auf der leeren Bühne und äffen die Eltern nach.
Was danach passieren wird, ist also ein Rosenkrieg, der ja in Ibsens Nora so noch nicht angelegt war. Man kennt vielleicht aus einigen epischen bzw. dramatischen Werken die Versuche, zu beschrieben, wie denn der Werdegang der Nora nach dem Verlassen ihrer Familie aussehen könnte, wie zum Beispiel in Peter Handkes „Die linkshändige Frau“ oder eben im Klassiker „Was geschah, nachdem Nora ihren Mann verlassen hatte oder Stützen der Gesellschaften“ von Elfriede Jelinek. All das interessiert Jorinde Dröse nicht. Und das ist für mich das eigentliche Problem der Inszenierung. Wer, und wenn auch nur aus der Erinnerung heraus, ein Stück in eine andere Zeit verlegt, sollte zumindest den Kontext zu dieser Zeit nicht vollends ausblenden. Gesellschaftliche Probleme und soziale Verwerfungen in Folge der Wirtschaftskrise dieser Jahre, werden nur in den Randfiguren, Kristine und Krogstad angeschnitten. Ihr Kampf, um alles in der Welt ein Stück vom Glück zu erhaschen, ist symptomatisch für diese Zeit.
Die Zeit der 70er Jahre in der Bundesrepublik war aber noch durch andere Kämpfe gekennzeichnet, deutscher Herbst, die Notstandsgesetze und nicht zuletzt die aufkommende Frauenbewegung mit ihrer Galionsfigur Alice Schwarzer, zum Beispiel mit „Frauen gegen den § 218“, „Der kleine Unterschied und seine großen Folgen“ etc. Nach der Radikalisierung der 68er befand sich die Gesellschaft aber bereits wieder auf dem Rückzug ins Private und das ist die eigentliche Parallele zu unserer Zeit, dieses wohl sozialdemokratische Element des Hineinrückens in die Mitte. Man muss das in Nora nicht unbedingt thematisieren, aber als Bezug zu den 70ern sollte es nicht ganz außer Acht gelassen werden. So ist Jorinde Döse zwar eine leichte und spielerisch überzeugende neue Sicht auf die Figuren in Ibsens Nora gelungen, aber letztendlich bleibt diese Inszenierung eben auch nur ein entpolitisiertes Stück normale Bürgerlichkeit.

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