Himmelhoch jauchzend zu Tode betrübt – Bruno Cathomas sucht am Potsdamer HOT das ganz große Pathos der Liebe in Shakespeares Romeo und Julia

Nun, man kann von Shakespeares „Romeo und Julia“ ja so einiges halten, ein wohl bekannter Kritiker hält es sogar für eine große Scharteke. Das es aber auch zum veritablen Gefühlsverwirrungsspiel reicht, hätte man erst mal nicht für möglich gehalten. In Potsdam beweist genau das nun Schauspieler Buno Catomas. Erst vor kurzem tobte er noch als liebes- und geschlechtsverwirrter Sir Toby Rülp in Jan Bosses „Was ihr Wollt“ über die Bühne des Thalia Theaters in Hamburg und nun versucht er sich mal eben selbst als Regisseur eines Shakespeare-Klassikers.
„Romeo und Julia“ ist nun der Liebes- und Schmachtfetzen unter Shakespeare Stücken schlechthin, Romeo stürzt sich aus unerfüllter Liebe ins Vergnügend, erblickt auf einem Fest Julia und verfällt ihr augenblicklich, der Rest ist bekannt, man muss zum Inhalt nicht mehr allzu viel sagen, er ist sogar den eher theaterfernen Kreisen nicht erst seit Leonardo DiCaprio durchaus geläufig. Die neuesten Versionen dieses Stückes, dieser der bedingungslosen Liebe verfallenen Teenager zwischen zwei bis auf Blut verfeindeten Familien in Verona, chargieren zwischen Schwulst und Klamauk mit allerlei modernisierenden Mätzchen wie Hip-Hop, Jugendgangs und Ähnlichem. Cathomas will nun die ehrliche große Emotion in den Vordergrund stellen, die absolute Liebe in all ihrem Pathos. Und das wird erst mal ungeniert und fett behauptet, von allen Beteiligten in teilweise kurioser Überzeichnung. Überall Liebessehnsucht und -wahn, mit melancholischer, stimmungsvoller Tangomusik pinselt Cathomas satt nach und das scheint durchaus gewollt. Er vollzieht gekonnt einen Spagat zwischen Kitsch, Klamauk und großen Gefühlen.
Es wird allen Arten der Liebe Platz eingeräumt, die Mutter Julias, Elzemarieke de Vos als Frau am Rande des Nervenzusammenbruchs, ist unglücklich verheiratet mit einem golfspielenden, dauerkalauernden Irren, grandios Wolfgang Vogler als Capuletkarikatur, dessen Wutausbruch über die ungehorsame Tochter, die Säulen des Pappmachebühnenbilds von Thomas Giger zum Krachen bringen. Ähnliches sah ich nur in „Sieben Sommersprossen“ von Regisseur Herrmann Zschoche, ein DEFA-Film über eine Schülergruppe, die im Sommerlager Shakespeares Stück aufführt und sich darin gefühlsmäßig verstrickt. Und so haben auch hier einige eine unerfüllte Sehnsucht, allen voran Lady Capulet, die dem ihrer Tochter angedachten Bräutigam Paris (Jan Dose) hinterher schmachtet und im Hochzeitswahn die Brautinsignien etwas Altes, etwas Neues, etwas Blaues selbst anzieht. Das Geliehene fehlt aber als Zeichen des Glücks, das sie nicht erreichen kann. Auch die Amme (Meike Fink) findet das gestandene Mannsbild Paris interessanter als den Hänfling Romeo, eher auch blass Eddie Irle, der aber in seiner Liebesraserei den Nebenbuhler schließlich ins Jenseits befördert.
Gestorben wird ja in „Romeo und Julia“ auch mit viel Pathos. Erstes Opfer der Familienfehde ist bekanntlich Romeofreund Mercutio, der sich erst mit seinem Kumpel Benvolio (Florian Schmidtke) noch einige lustige Kapriolen, wie Einkaufstaschen- und Fliegenslapstick leisten darf. Holger Bühlow hat sich nach seiner grandiosen Darstellung des Christians im „Turm“ zum Potsdamer Publikumsliebling gemausert. Das Vorgeplänkel zum Duell mit Streithahn Tybalt wird zum brüllend komischen Versuch dem Unausweichlichen u.a. mit einer Wasserpistole aus dem Weg zu gehen, Mercutio zieht schließlich bekannter Maßen den Kürzeren und auch Tybalt wird dann von Romeo regelrecht hingewürgt.
Die leiseren Töne gibt es dann in den nicht fehlen dürfenden Liebesszenen des jungen Paares, hier auf eine Leiter an der dreistöckigen Bühnenbildwand mit lauter Öffnungen. Die Julia der Juliane Götz ist die einzige, die ihre große Liebe lebt und wahrhaft artikuliert. Die Szenen mit ihrem Romeo gehören zu den wirklich anrührenden des Abends. Zur ersten Liebesnacht verkriechen sich beide in einem großen Shirt, es wird später dann zum Totenbett der beiden. Hier steckt das große Pathos eine jungen Liebe, die nicht nach einem Warum oder Wofür fragt.
Und noch einem wird in dieser Inszenierung eine zentrale Rolle eingeräumt, René Schwittay als Bruder Lorenzo philosophiert haareraufend an der Bühnenrampe über die Unerklärbarkeit der Emotionen wie Liebe und Hass und durch was sie ausgelöst werden. Ansonsten sitzt er in seiner Junggesellen-Klause auf einem wahrscheinlich aus lauter Liebesromanen bestehenden Bettlager und sieht dem Geschehen fassungslos kopfschüttelt zu. Ein Liebestor, der sich in seiner Einsamkeit vergraben hat, unfähig seine inneren Gefühle an die Frau (Amme) zu bringen. Zu mehr als einer beiläufigen Einladung zu einem Drink reicht es nicht, die Vergeblichkeit seiner Liebesbemühung ertränkt er mit Dosenbier. Bruno Cathomas schenkt ihm noch einen verzweifelten Schluss-Monolog über die unerfüllte Liebe. Ist das Pathos Liebe doch nur ein großes Missverständnis, Cathomas bleibt die Antwort bewusst schuldig. Es ist ihm kein großer Wurf, aber eine über weite Strecken einleuchtende Interpretation des klassischen Liebesstoffes gelungen. Man darf gespannt sein, wie sich Mona Kraushaar im Mai am Berliner Ensemble mit diesem Stoff schlägt. Bruno Cathomas hat noch etwas Platz unter der Latte gelassen.

Comments are closed.