Mit nichts als Wut im Bauch – „Die Weber“ am Deutschen Theater

Michael Thalheimer inszeniert Hauptmanns „Stück ohne Helden“ fast 1 zu 1 aber ohne jede Sehnsucht

Nach „Rose Bernd“ und den „Ratten“ hat sich Michael Thalheimer nun Gerhart Hauptmanns naturalistisches Elendsdrama „Die Weber“ vorgenommen. Selbst aus Schlesien stammend, interessierte sich Hauptmann zwecks die Umsetzung eines formal naturalistischen Stücks, für die Vorgänge rund um den spontanen Aufstand der hungernden schlesischen Heimweber gegen die Fabrikantenfamilie Zwanziger 1844 in Peterswaldau. Tief beeindruckt durch das Elend der Weber, das er bei Recherchereisen dort vorfand, entstand in den Jahren 1891 bis 1893 das Schauspiel „Die Weber“.

Olaf Altmann hat Thalheimer für die Inszenierung eine lange Treppe gebaut, die den gesamten Bühnenraum einnimmt. Unten sitzen die Weber, die um Vorschuss betteln, oben der Fabrikant Dreißiger (Ingo Hülsmann) und dazwischen sein Erfüllungsgehilfe der Expedient Pfeifer (Moritz Grove), der auch mal wie ein Hund die Treppe hoch und runter rennen kann. Die Treppe als Sinnbild der sozialen Abstufung, teilt klar die handelnden Gruppen. Es gibt ja in Hauptmanns Schauspiel keinen zentralen Helden, die Weber treten als Masse auf, wenngleich aus ihr heraus immer wieder Einzelpersonen hervortreten, deren Grundton der Anklage von erlittener Ungerechtigkeit aber stets gleich bleibt. Und genau so inszeniert Thalheimer auch die Weber, ohne spezielle Gefühlsregung sprechen bzw. schreien die Protagonisten ihren Text frontal ins Publikum. Ein Chor der Ankläger, es erübrigt sich einzelne Personen hervorzuheben.

Die schauspielerische Leistung der Weberdarsteller Peter Moltzen (der rote Bäcker), Sven Lehmann (der alte Baumert), Michael Gerber (der alte Ansorge) und Norman Hacker (Moritz Jäger) ist zweifelsohne hervorragend und steht hier stellvertretend für alle. Michael Schweighöfer, als Schmied Wittig, poltert eher schwach und spöttisch von der französischen Revolution, er spielt weiter keine große Rolle. Einmal noch tritt eine Person in den Fordergrund, wenn Katrin Wichmann als Luise Hilse ihr leidenschaftliches Plädoyer für ein gerechtes Leben hält und sich den aufständischen Webern anschließt. Hier regt sich erstmals ein kleiner Szenenapplaus im Publikum. Scheint darauf Thalheimers Inszenierung zu zielen, das Mitgefühl zu wecken und die Wut zu übertragen?

Man ist eindeutig im Vorteil, wenn man vorher mal den Text im Original gelesen hat. Thalheimer lässt die schlesische Kunstsprache Hauptmanns aus dem Naturalismus ins Expressionistische kippen. Das hat er schon bei der Inszenierung von Hebbels „Nibelungen“ so gemacht. Aber auch die Figurenzeichnung ist leider wieder übertrieben plakativ. Das hat bei den Nibelungen noch halbwegs Sinn gemacht, hier führt es zu nichts. Es ist keine Haltung erkennbar, die Thalheimer einnehmen will. Er führt Hauptmanns Stück, in dem Brecht in seiner gesellschaftlichen Tendenz nicht mehr als das Milieu sah, fast 1 zu 1 auf. Der Dreißiger von Ingo Hülsmann fällt hier tatsächlich etwas aus der Rolle und verweist in die heutige Zeit, mit seinen Reden könnte er auch gut Sprecher eines Unternehmerverbandes sein oder gar der Bundesregierung, der die Erhöhung der Hartz-4-Sätze um 5 € verkaufen muss. Der Rest ist Charge und reine Elendsdarstellung.

Es ist vielleicht Zufall, das Frank Castorf am selben Tag in Zürich wieder bösen Klamauk macht. Mit den Webern ist ihm 1997 ja schon der Abgesang zur revolutionären Fähigkeit der Massen gelungen. Bei Thalheimer fällt der Befund nicht viel anders aus, hier führt die Revolte, woher auch immer die kommen könnte, wie eine Naturkatastrophe zwangsläufig in Chaos und Gewalt. Der unbeteiligte gottergebene Hilse ist das erste Opfer. Allerdings vermeidet Thalheimer jegliche weiterführende Stellungnahme und das ist das, was er mit Hauptmann gemein hat, er meint es in seiner großen Kunstanstrengung eben einfach nur gut. Aber diese unstillbare Sehnsucht der Hauptmannschen Protagonisten nach einem besseren Leben, werden dabei in Gebrüll und Suff erstickt. Da wünscht man sich schon ein klein bisschen Revolution, nur so für ein Quarkschnittchen mehr. Aber wie schon der alte Hilse sagt, alles Schißkojenne.

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