Endstation 50th – Thomas Langhoff mottet am Berliner Ensemble Tennessee Williams Psychodrama im Petticoat ein

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Tennessee Williams „Endstation Sehnsucht“ wurde 1949 in einer Zeit des Umbruchs der Werte im Nachkriegsamerika uraufgeführt. Eine hochpsychologische Studie über den Untergang des dekadenten aristokratischen Südstaatenbildungsbürgertums und den Aufschwung der proletarischen Einwanderer in den großen Städten wie New Orleans. Als Gegenspieler stehen sich hier gegenüber, die gefallene Südstaatenschönheit Blanche Dubois und der von polnischen Einwanderern abstammende Automechaniker Stanley Kowalski, der mit Blanches Schwester Stella verheiratet ist. Thomas Langhoff inszeniert dies anfänglich wie ein modernes Boulevardstück, aber trotzdem streng im Gewand der 50er Jahre. Er setzt dabei auf bekannte Gesichter aus seiner DT-Intendantenzeit, wie Dagmar Manzel als Blanche und Robert Gallinowski als Stan. Mit der Wahrnehmung von Zeit ist das aber so eine Sache. Ich saß also in der Premiere der Aufführung und musste die ganze Zeit an eine ähnlich angelegte Inszenierung denken. Ich dachte mir so dabei, das ist doch bestimmt 10 Jahre her, warum wieder dieser biedere Realismus. Irrtum, es waren nur 4 Jahre, die Rede ist von Wilfried Minks Inszenierung Endstation Sehnsucht in der Koproduktion St. Pauli Theater Hamburg und Renaissance Theater Berlin mit Emanuela von Frankenberg als Blanche und Ben Becker als Stan. In diesen besagten Häusern würde man ja eher den Edelboulevard vermuten, aber Minks hatte hier eigentlich versucht, eine psychologisch eindrucksvolle Studie in schonungslos realistischen Bildern abzuliefern. Leider ist ihm das auch nur bedingt gelungen.

Dagegen fällt Langhoffs Inszenierung am Berliner Ensemble leider noch mal um Längen ab, obwohl um einige Längen reicher. Die New-Orleans-Musik war bei Minks sehr immanent, geradezu passend in die Handlung verwoben und nicht nur schmückendes Beiwerk. Mit Ben Becker hatte man auch genau den Darsteller, den es für einen Stan Kowalski braucht, brutal, ohne Kultur, aber mit dem gewissen etwas, das Robert Gallinowski trotz redlichen Bemühungen hier sichtlich fehlt. Von Ben Becker mag man halten was man will, als Bühnenschauspieler ist er tatsächlich nicht die Wucht, die seine Körpermasse suggeriert und an Henry Hübchens legendären Volksbühnen-Stan reicht er mit Sicherheit auch nicht heran. Aber er kann das Talent was er hat, zielgenau einsetzen und es passte meiner Meinung nach besser als die anderen Versuche von z.B. Guntram Brattias sehr verschlagem Stan seinerzeitam Schauspiel Frankfurt, oder dem des eher cool und lässigen Lars Eidinger an der Schaubühne, bis hin zum „Skinhead“ Robert Gallinowski nun am BE. In der momentan laufenden O`Neill-Inszenierung am Renaissance Theater trifft Becker sogar ein paar leise Töne ganz gut, neben der Seehundszene auf dem Tisch. Vielleicht setzt man den Stan Kowalski immer noch mit dem jungen Marlon Brando gleich und sucht irgendwie das verführerisch Erotische. Das fehlt aber bei beiden Inszenierungen, die sich so sehr gleichen, dass der Unterschied wohl gerade mal noch in der Farbe des Satin-Pyjamers von Stan Kowalski besteht. In Minks Inszenierung ist er rot und in Langhoffs blau, vom Leib reißen sie sich ihn beide mit Inbrunst.

Das Theater-Paar Gallinowski und Manzel standen nicht zum ersten Mal zusammen auf einer Bühne, es war ein Wiedersehen alter DT-Schauspieler, das man sich aber doch etwas anders vorgestellt hätte. So wird dann selbst Annika Mauers sehr gutes Spiel als Stella, zwischen leichtem Aufbegehren, totaler Ergebenheit und resignierender Ohnmacht sowie Veit Schuberts schüchtern, tollpatschiger Mitch von Dagmar Manzels Overacting förmlich an die Wand gedrückt. Manzel lässt keine Minute offen, wer hier der Star ist. Sie scheint auf der großen Musicalbühne jedes Gespür für Feinheit und Zwischentöne verloren zu haben. An ihrer Blanche kann sie zu keiner Zeit glaubhaft den Verfall einer gebildeten, von Liebessehnsucht und Verlangen beseelten Frau, die durch die kalte Realität getrieben in eine Scheinwelt abtaucht, darstellen. Das Psychologische dieses Stücks ist aber bei Langhoff völlig weginszeniert. Eine taffe Blanche, die nie den Eindruck macht, als wäre da etwas hinter der Fassade, bietet dem Brutalo Stan so lange Paroli, bis dieser den Tisch umkippt und ihr unmissverständlich klar macht, wer der Herr im Hause ist. Danach beginnt erst der Bruch in der Persönlichkeit Blanches, die leisen Anklänge die Langhoff und Manzel hier streuen, wie in den wichtigen Szenen mit dem Zeitungsjungen oder der Blumenverkäuferin, werden aber nur beiläufig weggespielt und gar nicht richtig wahrgenommen. Das ist das Problem, dieser Inszenierung, die nur auf das Können und die Bekanntheit von Dagmar Manzel abzielt und nie wirklich an der Psychologie dieser Figur arbeitet.

Zum Schluss wird Blanche als rein pathologischer Fall an den Füßen aus ihrer Traumwelt gezerrt. Das hat Tennessee Williams Stück nicht verdient, den Abrutsch in Kitsch und Sentimentalität. Die Streetcar Named Desire ist hier auf einer Sentimental Journey into Madness. Das passt auch zum BE, das nach Brechtmuseum und Bernhard-Spektakel nun auch noch zur Off-Broadway-Bühne mutiert. Für textgetreue Inszenierungen ist es ja schon lange die Anlaufstelle Nummer 1 in Berlin, leider zu Lasten zeitgemäßer Interpretation. Es muss ja nicht immer Warlikowski oder Castorf sein, aber Petticoat und Schmalztolle sind schon lange out. Im April wird ein weiterer Kostümfetischist Wedekinds Lulu, voraussichtlich auch mit viel Musik, auf die Bretter des BE stellen. Ob es dann psychologisch oder wie bei Volker Lösch sogar politisch wird, darf bei Robert Wilson bezweifelt werden. Bunt wird es aber auf jeden Fall und das ist ja am BE mittlerweile die Hauptsache.

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