Claus Peymann veranstaltet große Bernhardfestspiele am Berliner Ensemble und bestätigt damit wieder mal dessen Ruf als Theatermuseum.

Claus Peymann hat pünktlich zum 80sten Geburtstag des leider zu früh verstorbenen österreichischen Dramatikers Thomas Bernhard im gesamten Haus die Bernhard-Festspiele ausgerufen. Da er in Bochum, Wien und auch am BE schon so ziemlich alle Bernhard-Klassiker aufgeführt hat, musste zum Jubiläum nun einfach etwas Kompliziertes her. Die Wahl viel auf „Einfach Kompliziert“ und mit diesem Stück, in Koproduktion mit dem Wiener Burgtheater, stellt sich Peymann nun einen besonders schönen Pokal in die Vitrine. Das Strahlende an diesem neuen Solitär ist sicherlich, dass er für die Rolle des alternden zwischen vergangenem Ruhm und Selbstkasteiung gefangenen Mimen, nach Klaus-Maria Brandauer, wieder einen hochkarätigen Burgtheaterschauspieler präsentieren kann.

dsc03804.JPG Gert Voss am BE. Foto: St. B.

Gert Voss steht bzw. liegt am Anfang auf den Knien in einem geschwungenen Tortenstück als Bühnenbild von Karl-Ernst Herrmann, das spitz in den kleinen Zuschauerraum des BE ragt. Die Wände dieser Klause sind hoch und von schäbig bröckelnder Farbe bedeckt, ein großes Fenster suggeriert Tageslichteinfall. Da liegt er nun also auf den Knien und hämmert gegen die Fußleiste und die verflixte Mäuseplage an. „Die Mäuse sind übriggeblieben, Alle weggestorben ausnahmslos …“ „Wir haben alle unsere Talente verkümmern lassen … Aus dem Herzen eine Mördergrube gemacht.“ Und so geht es weiter, die ganze Litanei eines alten Schauspielers über das vergangene Leben, verpasste Chancen, einst Geliebtes wie Goethe oder Schopenhauer ist ihm nun verhasst, ein einsames Warten auf den Tod mit immer gleichen Tagesabläufen, unterbrochen nur durch ein kleines Mädchen, das ihm Milch bringt, die er eigentlich nicht mag und immer wieder wegschüttet.
Das Stück hat Thomas Bernhard für den Schauspieler Bernhard Minetti zu dessen 80sten Geburtstag geschrieben, nun führt es Claus Peymann zum 80sten Bernhards wieder auf. 1986 hatte das Stück am Schillertheater in der Regie von Klaus André Uraufführung, Minetti spielte die Rolle selbst. Die Regieanweisungen Bernhards sind klar und seit damals nicht geändert worden, auch Peymann vermeidet das bewusst und so wird Voss zwangsläufig zur Minetti-Karrikatur bis hin zur Krone Richard III., die der alte Schauspieler im Stück für seine Rolle in Duisburg als Andenken überreicht bekommen hat. Voss gestikuliert, wirft Schattenbilder, schwingt den Hammer und rotzt gekonnt die Rolle hin, philosophiert aber auch bisweilen zu aufgesetzt und sonnt sich übertrieben in ihr. Zwischentöne werden gelegentlich weggenuschelt, der Text aber Wort für Wort deklamiert. Komödie oder Tragödie, das ist immer die Frage bei Bernhard, auch Peymann kann sich hier nicht wirklich entscheiden, er überlässt Voss die Regie und dieser dankte es ihm als geübter Bernharddarsteller mit routiniertem Spiel. Es ist schade, dass dabei nicht mehr herauskommt als eine Kopie, Minetti ist allgegenwärtig, Voss müht sich redlich diesem Vergleich zu entkommen, den Gedanken an den großen Mimen Bernhard Minetti wird man aber trotzdem den ganzen Abend nicht los.

Keine Probleme mit der Frage Tragödie oder Komödie, Original oder Kopie hat dagegen der Peymann-Zweitverwerter Philip Tiedemann, der bereits im Dezember letzten Jahres als Ouvertüre zum Bernhardjubiläum dessen selten gespielte Hochseekomödientragödie „Immanuel Kant“ gnadenlos als Klamotte aufführte. Im Stück fährt ein Professor mit dem gleichen Namen wie der große Königsberger Philosoph mit dem Dampfer von Europa nach Amerika, um sich dort die Augen operieren zu lassen. Im Gepäck hat er seine Frau und seinen minderbemittelten Bruder Ernst Ludwig, den er als Diener gebraucht und unablässig schikaniert, jede Menge Bernhardsche Hasstiraden loslässt, natürlich philosophiert und einen Papagei namens Friedrich in einem verhängten Käfig als sein schützenswertes Gedächtnis ansieht, das ständig „Imperativ, Imperativ“ rufen muss.
Das Ganze spielt auf schwankender Plattform, da hohe See, am Hintergrund ist der Dampfer angedeutet, das Personal schwebt auch mal an langen Strippen vorbei und ständig hat man das Tuten des Nebelhorns im Ohr. Die Rolle des grantelnden Philosophen sollte erst Christian Grashof übernehmen, wurde aber nach Unstimmigkeiten von Norbert Stöß ersetzt, was besser gewesen wäre, scheint bei dieser Nichtregie eigentlich auch egal. Stöß liegt im Liegestuhl und hat weiter nicht zu tun als zu kommandieren, lamentieren und den Irren zu spielen. Ursula Höpfner, als seine Frau und Martin Schneider als Bruder, haben dies zu ertragen und ansonsten nichts weiter zu bestellen. Für den großen Spaß sorgen die Schiffbesatzung und Carmen-Maja Antoni als überdrehte amerikanische Millionärin mit rostiger Kniescheibe, die dem Anachronismus Theater lieber ein heißes Fußbad vorzieht und ansonsten ordentlich Kalauern und Chargieren darf.
Der Witz an dem eher schwächeren Bernhard-Stück ist, dass eigentlich alle eine Knall haben und auf den großen Philosophen in Amerika schon die Zwangsjacke wartet. Der Blinde, der das Licht der Aufklärung nach Amerika bringen will. Diese Abgründe umschifft Tiedemann gekonnt, wie die Untiefen in scheinbar bekannter See, und lässt die ganze Personage von Anfang bis Ende eine Slapstick-Nummer nach der anderen aufführen, bis zum finalen Sing-Sang mit Lampion. Unter dem Tuch über dem Käfig ist aber nichts, der Vogel ist ausgeflogen und der Sinn über Bord gegangen, die Chose läuft gewaltig auf Grund oder auch Land unter am BE.

Zum Jubiläum des Dramatikers gehört natürlich auch eine entsprechende Bernhard-Werkschau. Claus Peymann lässt sie im gesamten Haus des BE ausrichten. Das sehr umfangreiche Programmbuch zur Aufführung von „Einfach Kompliziert“ dient dazu als Katalog. Die Ausstellung ist in 5 Teile gegliedert, Bernhard Lebensbilder mit vielen Fotos aus dem Bernhard-Archiv und u.a. auch vom Fotografen Sepp Dreissinger im Weigel-Zimmer, Fotos von Bernhard-Inszenierungen am BE in der Kantine und Die Räume des Bernhard-Bühnenbildners Karl-Ernst Herrmann im Aufricht-Zimmer. Besonders interessant sind die Fotografien von Bernhards Theater im Rang-Foyer, eine fast lückenlose Dokumentation von Bernhard-Inszenierungen von 1960 bis heute. Ein Wiedersehen mit so bekannten Theaterschauspielern wie Bruno Ganz, Ulrich Wildgruber, Otto Sander, Therese Affolter, Marianne Hoppe, Kirsten Dene, Ilse Ritter, Gert Voss und natürlich Bernhard Minetti in Inszenierungen von Dieter Dorn, Ernst Wendt, Alfred Kirchner, Uwe Jens Jensen, Philip Tiedemann sowie dem Hausherrn des BE Claus Peymann selbst. Und noch ein großer Bernhard-Mime ist hier immer wieder vertreten, der 2009 verstorbene Traugott Buhre. Viele Fotos und einige Videos zeigen ihn in seinen unvergessenen Rollen wie in „Der Schein trügt“, „Der Theatermacher“, „Der Ignorant und der Wahnsinnige“, „Der Deutsche Mittagstisch“ und „Vor dem Ruhestand“.
Für Brechts Turmzimmer hat sich Claus Peymann aber etwas ganz besonderes ausgedacht. Es ist der lückenlosen Dokumentation des Burgtheaterskandals um die Uraufführung des Stückes „Heldenplatz“ gewidmet. Das Stück und der Autor, obwohl in großer Fotografie anwesend, spielen dabei aber eher eine untergeordnete Rolle. Peymann feiert sich hier vielmehr selbst, in 26 Fotos, 50 Schlagzeilen und mehreren Originaldokumenten sowie Mitschnitten von Publikumsreaktionen geht es nicht etwa um den verhassten Nestbeschmutzer Bernhard, sondern viel mehr um die Herausstellung der Tat Peymanns dieses Werk auf der Bühne der Burg durchgesetzt zu haben. Der Skandal um des Skandal Willens, eine Attitüde, die sich durch Peymanns Intendanzen seit der Stuttgarter Zeit zieht. Der Skandal in Berlin scheint aber immer mehr die Tatsache zu sein, das BE zur Archivierung seiner Arbeiten zu missbrauchen sowie seinen Regiestil zu konservieren. Man spricht zu Recht immer mehr von einem Theatermuseum. Viele von Peymanns alten Inszenierungen wurden hier wieder aufgewärmt und dazu gesellte sich noch eine eher unkritische Aneignung der Werke Brechts.
Demnächst wird am BE wieder Brecht verhandelt. Manfred Karge, der erst kürzlich Hans Eisler für sich entdeckt hat, inszeniert die Umstände um das Verbot der Brecht-Dessau-Oper „Das Verhör des Lukullus“ in „Der Lukullus-Skandal“ einer Collage von Werner Hecht. Der Autor und Brecht-Experte äußerte sich dazu schon in der Berliner Zeitung. Man wird sehen, ob ein nachdenklicherer Umgang mit Brecht wieder ins Haus Einzug hält oder nach den Bernhardfestspielen nun wieder Brecht gehuldigt werden soll.

„Wir existieren nur, wenn wir sozusagen der Mittelpunkt der Welt sind.“ Thomas Bernhard aus Einfach Kompliziert

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