Andreas Kriegenburg stellt mit Hebbels „Judith“ in den Kammerspielen des DT das Dilemma der Legitimation des Tyrannenmords aus

Schwarz, blutiges Rot und gekalktes Weiß sind die drei vorherrschenden Farben in Andreas Kriegenburgs Theaterwelt, einem Theater der melancholischen, oft auch clownesken Masken und Bilder. Umfallende Wände, schiefe Ebenen, die kaum Halt für seine Figuren darstellen, zeichnen seine Bühnenbilder aus. Sich niemals wirklich sicher sein, die behandelten Stoffe hinterfragen und spielerisch neu gestalten, das waren bisher die Stärken von Kriegenburgs Inszenierungen. Er ließ sich dabei immer auch auf schwerst melancholische oder klaustrophobe (Dea Loher, Anton Tschechow oder Franz Kafka) und pathosgeladene Stoffe (Aischylos Orestie, Hebbels Nibelungen und Kants Penthesila) ein, die aber in seiner Hand mit viel Spielfreude neu erstrahlten. In der letzen Zeit überwiegen aber deutlich eine gewisse Schwere und Ausweglosigkeit in den behandelten Stoffen zu Lasten seines zauberhaft komödiantischen Humors, der Kriegenburgs Inszenierungen bisher auszeichnete. Diese zart melancholische und oft poetische Ironie ist ihm nun in Friedrich Hebbels „Judith“ vollends abhanden gekommen. Nachdem Michael Thalheimer im letzten Jahr die Nibelungen von Hebbel in einer gewaltigen Blut- und Bierflut ersäufte, nähert sich nun auch Kriegenburg an diese bedeutungsschwangeren Bildern an.
Hebbel hatte seine Judith im Gegensatz zum biblischen Vorbild, nicht als Gotteskriegerin gezeichnet, die triumphierend den Kopf des assyrischen Heerführers Holofernes in die belagerte Stadt Bethulien trägt, sondern als eine Frau und unberührte Witwe mit eigenem Willen und einer Sehnsucht nach erfüllter Sexualität. Sie fällt letztendlich aber auch dieser Sehnsucht zum Opfer und tötet den Holofernes aus Rache, also niederen Beweggründen, ist sich dieser Schuld wohl bewusst und zerbricht schließlich daran. Das Dilemma der Legitimation des Tyrannenmordes macht nun Kriegenburg daraus. Im Programmheft zeichnet der Germanist und Professors des Lehrstuhls Literatur und Medien an der Ruhr-Universität-Bochum Manfred Schneider die Chronologie von Tyrannenmorden in der Literatur und Weltgeschichte von Caligula, Nero und Cesar über Ludwig den VI. bis zu Abraham Lincoln und schließlich Nicolai Ceausescu in der nun medienbestimmten Gegenwart nach, als eine Suche nach einer rechtlichen Legitimation und fehlgeleiteten Rezeption der Geschichte von göttlicher Herrschaft und Tyrannei. „Der Tyrannenmörder ist nicht selten das Spiegelbild seines Opfers. Er macht das Unmögliche möglich, nämlich „kurzen Prozess“. Aber er fühlt sich zu dieser Tat legitimiert, … weil er sich durch Vorbilder, durch geschriebenes oder ungeschriebenes Recht dazu aufgefordert sieht.“
Das steckt alles natürlich auch in der Judith. Kriegenburg vermengt nun aber die religiöse Figur der Bibel mit der Verzweiflungstäterin bei Hebbel. Am Anfang soll allerdings noch über ein Videobild einer Kopftuchträgerin mit der Unterschrift: „I’m not a terrorist“ klar gestellt werden, dass Judith eben nicht in den fanatisch religiösen Kontext gestellt werden soll. Die Bilder, die nun in schneller Folge über die Bühnerückwand laufen, sollen den Gegenwartsbezug aus Krieg, Gewalt und deren medialer Aufbereitung zeigen. Da stehen Bildern von Nachrichtensendungen mit Obama und Gaddafi, der nun aktuell den als nächstes zu stürzenden Tyrann darstellt, neben Bildern von Guantanamo und Wikileaks-Gründer Julian Assange, einen den man durchaus als kritischen Hinterfrager des heutigen Tyrannensturzes bezeichnen kann, obwohl er mittlerweile selbst zu einer Art medialen Tyrannen gemacht wurde. Lauter Interessante Fragen, die es zu klären gäbe, aber das ist schnell ad acta gelegt. Nachdem die Protagonisten in Alltagskleidung die Geschichte der Judith erzählt haben, bemalen sie die Rückwand mit schwarzer Farbe, die weiße Lücken lässt, aus denen lauter Opfer werden und Alexander Khuon schält sich als Holofernes aus dieser Gruppe heraus.
Hier nun beginnt das eigentliche Dilemma der Inszenierung, die Aktualität in Bildern behauptet, aber nur noch den Schrecken und die Macht des Tyrannen Holofernes ausstellt und die Ohnmacht und das Wanken der Ebräer, die in der Steinigung des Assad gipfelt, in einer durchchoreografierten Tuchtanznummer verklausuliert. Judith wird nun aus dieser Unentschlossenheit heraus zur Projektion der Wünsche dieser Ebräer, ihre eigentliche Geschichte wird buchstäblich unter dem Tuch gehalten und Katharina-Marie Schubert als Judith muss sich auf der Bühne wälzen und mit Farbe beschmieren, um die reine Verzweiflung darstellen zu können. Die Begegnung mit Holofernes wird zu einer Unterwürfigkeitsnummer, die saufenden und vergewaltigenden Soldaten des Holofernes, in weiße blutbefleckte Mäntel gekleidet, sind das bestimmende Bild dieser Inszenierung. Hin und wieder tritt einer aus dem Kreis der Protagonisten und erzählt als Judith eine Geschichte aus der Sicht der Opfer bekannter Kriege von Judäa über Beirut bis nach Srebrenica.
Alexander Khuon soll die Ausgeburt eines Tyrannen verkörpern, ist aber nur ein gelangweilter Kraftmeier. Sein Trunk ist die Droge jedes beliebigen Diktators, der sich an seinen Taten besoffen hat, bis ihm nichts mehr bleibt, als auf seine Attentäter zu warten, Gott werden oder Tier. Kriegenburg entscheidet sich für das Tier im Manne. Holofernes sticht erst alles um sich herum ab und zerrt sich dann sämtliche Blutmäntel über, bis er vor Kraft kaum noch laufen kann. Er verhöhnt, als sich selbst gottgleich wähnender Kriegsherr, die Götter der Ebräer und erniedrigt die vor ihm liegende und verzweifelt argumentierende Judith. Das wird als nicht enden wollender Schlammcatch-Ringkampf ausgeführt, bis Holofernes Judith schließlich zum eigentlichen Geschlechtsakt wegzerrt.
Als einzige weitere Rolle steht oder besser kniet Bernd Moss als Judiths Magd Mirza neben dem Geschehen und barmt mit ihr um die Wette. Von der aufsteigenden, enttäuschten Wut der Judith auf ihren Schänder ist dann nichts mehr wirklich zu sehen. Kriegenburgs Weltschmerz überträgt sich auf seine Darstellerin und diese muss den Zorn wieder mit einem Bild beweisen, indem sich Katharina-Marie Schubert mit Theaterblut „Hass“ auf den Bauch schreibt. Die eigentliche Tat der Enthauptung findet nach Umsturz der Bühnenrückwand im Hintergrund statt, indem sich Judith auf das Schwert des Holofernes setzt, das dem schlafenden dann im Hals steckt. Das ist ganz großes Schmerzgetue und die Zweifel der Judith an ihrer Tat werden in den Versen Hebbels zur großen Anklage gegen alles Übel dieser Welt. „Wehe, sie werden mich rühmen!“ Das zeigt dann aber Kriegenburg nicht mehr und was er eigentlich zum Dilemma der Judith zu sagen hat, geht im Bildmatsch der Inszenierung unter. Es bleibt zu hoffen, das er schnellst möglich wieder aus seiner Trauergruft heraussteigt und zur Leichtigkeit seiner früheren Bilderräusche zurück findet. Dabei muss er ja sein Gewissen nicht in der Garderobe lassen, aber nur Aufschminken ist auch keine Lösung.

Das Höchste und das Tiefste

Kein Gewissen zu haben, bezeichnet das Höchste und Tiefste,
Denn es erlischt nur im Gott, doch es verstummt auch im Tier.

Friedrich Hebbel

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