Jung-Siegfried von nebenan, Martin Schüler bringt uns Wagners „Siegfried“ näher – Der 2. Tag der Ring-Tetralogie am Staatstheater Cottbus

Seit 2003 (Rheingold) entsteht am Staatstheater Cottbus Richard Wagners „Ring des Nibelungen“ als semiszenisches Orchesterwerk. Intendant Martin Schüler hat nun nach der „Walküre“ (2008) den zweiten Tag der Tetralogie inszeniert. Mit dem „Siegfried“ war Wagner „…durch die Kraft meiner Sehnsucht auf den Urquell des ewig Reinmenschlichen gelangt…“. Durch seine naive, stürmische Natur ist der junge Held ein idealer Gegenpart zu den nach Macht strebenden und sich gegenseitig beneidenden Nibelungen, dem auf der Macht sitzenden Riesen Fafner und dem in seine Verträge und Gesetze verfangenen Gott und Realpolitiker Wotan. In Wagners Welten-Drama über Neid, Besitzgier und Machtstreben stellt „Siegfried“ mit seiner Erweckung der Walküre Brünnhilde die Seite der Liebe und damit der Erschaffung einer neuen Welt nach dem Untergang der alten dar.
Martin Schüler nimmt Wagner nun wörtlich und versucht uns die Figuren des Rings tatsächlich menschlich näher zu bringen. Dass das Staatstheater keine ideale Bühne für große Wagneropern darstellt, wird dabei nicht zum Manko sondern erweist sich als großes Glück. Das Philharmonische Orchester unter Generalmusikdirektor Evan Christ sitzt wie bereits des öfteren hinter einem Gaze-Vorhang auf der Bühne, davor agieren die Sänger, den Haupt-Szenen der drei Aufzüge gemäß, in einem sparsam von Gundula Martin eingerichteten Bühnenbild. Das lässt einen genauen Blick auf die Protagonisten zu und erleichtert die Verständlichkeit der durchweg guten Stimmen, drängt aber die Musik trotzdem nicht in den Hintergrund. Das hat kammerspielartigen Charakter aber semiszenisch wird es dennoch nie, die Handlung der Oper bleibt im Spiel der Darsteller klar erkennbar.
Der Erste Aufzug zeigt die Schmiede des Nibelungen Mime, der verzweifelt versucht des Schwert Notung zusammen zu schweißen. Uwe Eikötter mit Schweißerbrille hämmert auf dem Amboss in der Mitte der Bühne herum, köchelt erst Spagetti und dann seine Zaubertränke, ansonsten hat er mit dem ungestümen Siegfried zu tun, dargestellt vom Wiener Gasttenor Peter Svensson, der ihn mit Bärenfell erschreckt und an den Amboss bindet. Dieser Siegfried ist die Überraschung der Inszenierung, der blondgelockte Svensson in schwarzer Lederhose und Harnisch gibt ihn als kleines, hüpfendes Kraftpaket, ganz Jung-Siegfried in naiver Reinform. Schüler weckt hier die komödiantische Seite in Wagners Ring-Tragödie. Mime dagegen ist listig, verschlagen und weiß Siegfried für seine Zwecke einzusetzen. Der als Wanderer verkleidete Wotan (Bass-Bariton Nico Wouterse) in Mantel, Hut und Sonnenbrille und natürlich mit seinem Zeichen dem Vertragsspeer, treibt Mime zwar in die Enge und gibt ihm letztendlich doch die Lösung seiner Frage, dass nur einer der die Angst nicht kennt, das Schwert Notung wieder schmieden kann. Unter ordentlich Dampf tut Siegfried das dann auch und beide ziehen zur Neidhöhle des Wurms Fafner, dem versprochenen Abenteuer entgegen. „Notung! Notung! Neidliches Schwert!“ und der Ambos fällt unter dem Hieb Siegfrieds in zwei Stücke.
Im Zweiten Aufzug nach der ersten Pause befinden wir uns dann in einem mit Tannen angedeuteten Wald, der Bühnenhintergrund ist mit Stacheldraht abgezäunt. Hier geht Alberich (Bariton Andreas Jäpel) in Mantel und Schapka auf und ab, das Lager Fafners bewachend und auf den günstigen Augenblick wartend, den Ring wieder zu erlangen. Wotan zerschneidet den Draht und ruft den Wurm Fafner (Ingo Witzke), der aber sitzt müde auf einem Berg Goldbarren hinter dem Orchester. „Ich lieg‘ und besitz‘, laßt mich schlafen!“ Sein Bass ertönt verstärkt durch ein riesiges, offenes Megaphon. Alberich flieht und erst Siegfried vermag den trägen Wurm mit einem kräftigen Hornruf zu wecken. Svensson steht dabei neben Evan Christ und bläht die Backen, bevor er Fafner erlegt und auch der hinterlistige Mime dran glauben muss. Das Waldvögelein ist erst ein sanfter Flötenton und flattert an Fäden hängend über die Bühne, zwei weitere Exemplare sitze in den oberen Seitenlogen. Cornelia Zink, ganz in grün, springt dann mit ihrem hellen Sopran vor Siegfried her und lässt sich von ihm über die Bühne jagen. „So wird mir der Weg gewiesen: wohin du flatterst folg‘ ich dem Flug!“, mit dem Ring dem Brünnhildenfelsen entgegen.
Zu Beginn des Dritten Aufzugs ist die ganze Bühne mit weißem Tuch ausgeschlagen, unter dem einige Möbel zu erahnen sind. Es blitzt und donnert, Wotan erweckt die Göttin Erda (Marlene Lichtenberg, Mezzosopran) die auf einem Sofa ruht, beide in weiß gewandet singen vom Ende der Götterherrschaft. „Laß mich wieder hinab! Schlaf verschließe mein Wissen!“ Erda wird mit dem Tuch in die Tiefe unter der Bühne gezogen. Siegfries taucht nun auf und stellt Wotan. Dieser kann ihn nicht mehr aufhalten, nicht das Schwert zerspringt, sondern der Speer Wotans unter dem Schlag Siegfrieds. „Zieh hin! Ich kann dich nicht halten!“ Die Musik wallt nun auf und Siegfried stürzt davon zum Feuergürtel. Ein schönes Bild geben hier Statistinnen des Theaters, die unter dem Tuch lange Wellenbewegungen ausführen. Nachdem sie ebenfalls wieder im Untergrund verschwunden sind, gibt die Bühne nun den Blick auf schiefe Möbel und einen zerstörten Tresor frei. Die Walküre Brünnhilde (Sabine Paßow, Sopran) hat dort Schild und Harnisch verstaut und sitzt schlafend in einem Sessel. Nun entspinnt sich ihre Erweckung durch Siegfried, der erst unbeholfen immer wieder zurückschreckt, ehe er sie dann endlich wach küsst. „Heil dir, Sonne! Heil dir, Licht! Heil dir, leuchtender Tag!“ Ein starkes Gesangsduo, das auch nach über 4 Stunden nichts an Kraft vermissen lässt.
Viel Beifall, Blumen und Bravi für die Solisten und das Orchester, aber auch einige Buhs für Martin Schüler, der mit seiner leicht ironischen Art wohl einige Wagnerpuristen vergrätzt hat. Er holt mit seiner Inszenierung Wagners Oper nicht zwanghaft ins Heute, sondern erzählt hier eher ein modernes Märchen für jedermann. Auch etwas unfreiwillige Komik vermag da den Gesamteindruck nicht zu schmälern. Für alle denen Schüler damit Wagner wieder näher gebracht hat, sei gesagt, dass sich 2013 zu Wagners 200. Geburtstag am Staatstheater „Der Ring“ schließt und die „Götterdämmerung“ heraufzieht. Man darf schon gespannt sein, wie sich Martin Schüler dann das brennende Walhall mit dem Untergang der Götter vorstellt.

Video aus rbb-Tipps

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