Wenn, dann: Was wir tun, wie und warum? Ein neuer Schimmelpfennig in Frankfurt/M – Eine kleine philosophische Betrachtung

In den Kammerspielen des Schauspiels Frankfurt hatte kürzlich in der Regie von Christoph Mehler das Neue Stück vom Mülheimpreisträger 2010 Roland Schimmelpfennig Premiere. Es heißt „Wenn, dann: Was wir tun, wie und warum?“ Wie man so liest, treten dort eine Handvoll Bauarbeiter auf, schlagen ein Loch in die Wand, in dem einer von ihnen angeblich verschwindet und irgendwann pimmelschwingend aus dem Reich unter den verfaulenden Dielen wieder auftaucht und reden über Gott und die Welt, wie Bauarbeiter das eben so den ganzen Tag und die halbe Nacht machen. Ein richtig schönes Schimmelpfennig-Märchen also. Die Kritik ist außer sich und voll des Lobes. Die Billiglöhner aus dem Osten haben wieder Pfusch gebaut und die Cottbuser Muffe ist geplatzt. Nun sitzen die Handwerker um ihren Chef Rudi und philosophieren mit einem Kasten Augustiner-Bier um die Wette. Dabei fallen dann die magischen Worte aus der Regieanweisung Schimmelpfennigs: „Pause. Bier. Rauchen. Vielleicht Arbeit“, einer der wohl schönsten Theatersätze, die ich je gelesen habe, gehört leider noch nicht. Aber vielleicht geht Schimmelpfennig ja mit dem Stück auf Brandenburgtournee, obwohl er dabei wohl einen großen Bogen um Cottbus machen sollte und unbedingt anderes Bier einpacken muss. Diesen schönen hochphilosophischen Satz kann man eigentlich erst so richtig verstehen, wenn man wie ich schon einmal selbst im realsozialistischen Mörtel gerührt und sinnlose Löcher in Wände gehauen hat.
Es ist ja nicht das erste Stück in dem Bauarbeiter bei Schimmelpfennig auftreten. Jürgen Gosch hat ja mal in einer Inszenierung von Schimmelpfennigs „Auf der Greifswalder Straße“ eine ganze Schubkarre Steine aus der Rangloge auf die frisch renovierte Bühne des Deutschen Theaters in Berlin schütten lassen, was sicher einigen Verantwortlichen kurz das Herz stocken ließ, mir aber irrsinnige Freude bereitete, da darin schon die Sinnlosigkeit allen aufklärerischen Strebens zum Ausdruck kommt. Da kippt ein Prolet dem Bildungsbürger in seinem frisch geputzten Tempel eine Karre Schutt auf die Bretter, die die Welt bedeuten und unter denen sich wohl jetzt auch noch ein ganzes „kannibalistisch-kolonialistischen Insekten-Reich“ (G.St./FAZ) befindet. Da lob ich mir doch die philosophischen Runden in unserem Bauwagen damals in der Baulücke Cottbuser Straße bei einem oder mehreren Cottbuser Hell, je nachdem ob die Steinen und/oder der Zement noch vor oder erst nach dem Mittag kamen. Meist kamen sie ja gar nicht, also viel Zeit zum Philosophieren. Und wir waren alle große Bierphilosophen, vom Brigadier (so hieß der Polier) bis zum Handlanger, der leider noch vor der Wende einer Leberzirrhose zum Opfer gefallen ist. Manche Philosophie erledigt sich sozusagen von selbst. Adorno hatte Recht, Aufklärung ist totalitär und Philosophie kills.
Dabei ging es bei unseren hochprozentigen Weltbetrachtungen gar nicht so sehr um ein „Wenn, dann…“ oder ein Wie und Warum, sondern eher um ein Wann und Wo wird ein neuer Kasten Bier geholt bzw. Wer holt den und kommt heute noch Arbeit oder nicht. Da kann man schon mal in eine echte existentielle Schaffenskrise und Schieflage geraten. Aber immerhin haben wir die große Anarchie versucht, zumindest in der kleinen Welt unseres Bauwagens und trotzdem noch hin und wieder eine gerade Ecke gemauert. Und außerdem, Philosophieren auf der Baustelle ist doch heute im durchorganisierten Kapitalismus gar nicht mehr möglich, weder in Frankfurt am Main noch in Cottbus an der Spree, Arbeit hin oder her. Und darum braucht es solche Autoren wie Schimmelpfennig, die noch eine echte Utopie haben. Ob nun der Sozialismus an zu wenig Zement (was ich bezweifele, Betonköpfe gab es ja genug) oder daran gescheitert ist, dass wir zu viel Bier getrunken haben, habe ich leider vergessen, keine Ahnung. Ich weiß nur: Kapitalismus und ich „Wir passen nicht zusammen“. Delirium for ever! Jetzt gehe ich mir erst mal ein Augustiner aufmachen und denke etwas über die geplatzte „Cottbuser Muffe“ nach und vielleicht überschreibe ich danach noch einen Shakesbier.

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An die Freunde (eines guten Tropfens)

Sehn wir doch das Große aller Zeiten
Auf den Brettern, die die Welt bedeuten,
Sinnvoll still an uns vorübergehn.
Alles wiederholt sich nur im Leben,
Ewig jung ist nur die Phantasie;
Was sich nie und nirgends hat begeben,
Das allein veraltet nie!

Friedrich Schiller

Hier gehts zur Nachtkritik des Stückes

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NACHTRAG:

Nun ist es sogar amtlich. Die Genossen der DDR waren Schnapsweltmeister. Spiegel-online titelte am Sonntag: „Jungs, macht die Kehle frei!“, Morgenpost-online zog gestern nach. Der Ethnologe Thomas Kochan, ehemaliger Cottbuser, hat die Spezies des trinkenden Ossis für seine Doktorarbeit „Blauer Würger – Trinkgewohnheiten der DDR“ untersucht, die nicht etwa von der Spirituosen-Lobby, sondern von der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur gesponsert wurde. „Hipp Hopp, rin in Kopp“, aber welch eine Enttäuschung, kein Saufen für den Widerstand, nicht einmal für den Weltfrieden, ruhig gestellt wurde der gemeine DDR-Bürger. Alkohol gab es immer und in reichlichen Mengen steht da. Sehr beliebt war die „Wodka-Bockwurst-Diät“, eine todsichere Methode zum Abnehmen. Selbst 13-jährige Mädchen wurden von ihren Freunden mit gefälschter Vollmacht zum Schnapskaufen in den Konsum geschickt. Lieblingsgetränke der Kinder waren Eierlikör und Kiwi (Kirsch-Whisky). Auch bei uns zu Hause stand immer ein Rumtopf, angesetzt mit Grufu (Grubenfusel), einem Depotat-Schnaps für Werktätige in der Braunkohle. Was Kochan aber nicht herausgefunden hat, sogar bei der NVA, wo Alkohol eigentlich verboten war, gab es einen eindeutigen Beschaffungs-Code: Brauche dringend 14 50 für 0 7 zwecks 3 8. Was soviel bedeutete wie Goldbrand (kostete 14,50 Mark) im 07er Glasmantelgeschoss zwecks 3,8 pro Mille im Turm. Eine ganze Friedensstreitmacht auf Schlängelkurs zum Schutze des Sozialismus, wenn das die NATO gewußt hätte.
Die DDR-Opposition habe sich übrigens laut Kochan „neben Meinungs- und Reisefreiheit auch gegen Umweltverschmutzung und Alkoholabhängigkeit engagiert“. Na ja, es sah ja auch wirklich nicht schön aus, wenn die ganzen Alkoholleichen im Urlaub am Balaton immer gleich neben ihren Trabis herumlagen. Anschauungsmaterial haben die Artikler von der Morgenpost freundlicher Weise gleich mit beigefügt. Das Trinkverhalten der Ossis war aber trotzdem nicht alkoholfixiert sondern zentriert, also ganz klar von oben organisiert. Welch große nachträgliche Ernüchterung und spirituelle Erleuchtung zugleich. Der angehende Dr. spirituosus Thomas Kochan hat nun auch seine gesammelten Erfahrungen genutzt und einen Schnapsladen im Prenzlauer Berg eröffnet, „Dr. Kochan Schnapskultur“ in der Nähe der Immanuelkirche, auch einst ein Hort der DDR-Opposition, welch ein Frevel. Aber kein Blauer Würger oder gar Pfeffi für den guten Atem sind dort etwa im Angebot. Nein, im Kapitalismus betrinkt man sich mit Niveau und geistig hochwertigen „europäischen Destilaten“ wie dem Kräuterbalsam der Dominikanerinnen des Klosters Heilig Kreuz. Na dann Gott zum Wohl, meine Oma hätte sich mit so etwas wahrscheinlich die Füße einbalsamiert. Da hole ich mir doch lieber einen Eckes-Edelkirsch vom Aldi um die Ecke. Prost.
Nun ist der Ossi also wieder um ein weiteres Stück Vergangenheit ärmer, betrogen durch den Kontrollwahn der SED-Diktatur, die selbst die sicher geglaubte Flucht des frustrierten DDR-Bürgers in den Suff organisiert hatte. Herr Schimmelpfennig, empören Sie sich mit uns und schreiben Sie ein neues Stück. Geben Sie dem Ossi seine Würde zurück, aber bitte nicht mit Augustiner Hell.

Nichttrinkerlied

Das Schicksal hat es so gefügt,
dass mir am Alkohol nichts liegt.

Mich lockt nicht Bier, nicht Gin, nicht Wein –
Na ja, ein Wein, der darf schon sein.

Mich lockt nicht Korn, nicht Bier, nicht Gin –
Ist da ein Gin? Dann immer rin!

Mich lockt nicht Wein, nicht Korn, nicht Bier –
Da kommt ein Bier? Das nehmen wir!

Mich lockt nicht Gin, nicht Wein, nicht Korn –
Her mit dem Korn! Und dann von vorn:

Das Schicksal hat es so gefügt,
dass mir am Alkohol nichts liegt etc.

Robert Gernhardt

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