LULU SEIN ODER NICHTSEIN – Zweimal große Theater-Schmiere am Berliner Ensemble und Maxim Gorki Theater

Dramen mit Damen sind in dieser Spielzeit nicht nur an den Berliner Theatern wieder in Mode. Da gibt es das Käthchen und die Penthesilea, da Kleist-Jahr ist, es gibt sogar ein Kameliendame und die Medea von einer filmpreisgekrönten Sophie Rois, eine Antigone, die gar keine echte Dame ist, es gibt ein Madame Bovary und nicht zu vergessen, es gibt eine Lulu als ganzen Volker-Lösch-Chor von Professionellen, der zum Teil von Nichtprofis oder umgekehrt durchsetzt ist. Es gibt nun auch eine Lulu am BE, die es aber, wie man heute hört, an der Wiener Burg nicht mehr geben wird, oder zumindest erst nach der „Karenzzeit“ von Birgit Minichmayer, die sie im schönen München bei Martin Kusej verbringen will. Vielleicht kann ja nun Sunnyi Melles die Rolle in Jan Bosses geplatzter Wiener Lulu-Inszenierung übernehmen, die im Gegenzug dafür nach Wien rotiert ist.
Womit wir thematisch wieder bei der Berliner Lulu von Theaterkünstler Robert Wilson sind, der mit der Besetzung der schon etwas älteren Theaterdame Angela Winkler als Lulu eine kleinen Coup landet. Auch der Rest der Besetzungsliste ist nicht ohne, mit Jürgen Holtz als alten ironischen Schigolch, Alexander Lang als nicht minder lakonischen Dr. Schöning, Anke Engelsmann als düstere Gräfin Geschwitz, Georgios Tsivanoglou als Goll und nach dem der hin ist als quirliger Artist Rodrigo Quast, Markus Gertken als launischer Alwa Schöning, Sabin Tambrea als gegelter Schönling Jack the Ripper und Ruth Glöss als, na als was eigentlich, Wilson nennt sie einfach mal Ruth und so wuselt sie als närrische Alte etwas verloren über die Szenerie und singt sich eins. Komplettiert wird die geile Männerriege von Marko Schmidt, Alexander Ebeert, Boris Jacoby, Jörg Thieme und Ulrich Brandhoff.
Die Musik, ohne die Wilson Theatermechanismus ungeölt vor sich hin quietschen und plingen würde, stammt diesmal von dem seit seinen Anfängen mit Velvet Underground trotz Glam-Rock- und Metalunterbrechungen immer sehr düster nachdenklichen Rock-Gitaristen Lou Reed. Im Orchestergraben sitzt eine Band um Stefan Rager und spielt zu „Lulus Death“ A bis E die schaurig schönen bis schrägen Songs und Balladen wie „Rooftop Garden“, „I Remember You“, „Mistress Dread“, „A Gift“, oder den tatsächlich pumpenden Beat des „Pumping Blood“, das melancholische „Sunday Morning“ der Velvet Underground, bei dem Anke Engelsmann als düstere Gouvernantenartige Geschwitz fast wie Nico klingt, ein rockiges „Brandenburg Gate“ und zum Schluss ein eiskaltes „Iced Honey“. Man könnte nur über diese Musik schreiben, wenn da nicht auch noch ein Theaterstück auf der Bühne liefe, für das diese Songs zwar nicht alle neu geschrieben wurden, aber die gut zur Thematik der kollektiven Männerfantasie Lulu und ihrer Einsamkeit und Behauptung in dieser feindlichen Welt passen.
Aber das interessiert Robert Wilson nicht an Lulu. Er lässt sie schon zu Beginn und immer wieder in kleinen Zwischenszenen sterben, und erzählt so eine Geschichte der Ausweglosigkeit vom Ende her, die zwangsläufig zum Ripper führen muss. Schöner Sterben mit Lulu A bis E könnte man das auch nennen. Es sind die üblichen Kostüme, Bühnenbilder und Wilson-Choreografien, die die Szenerie bestimmen. Tack, Tack, Tock, Tock und Pling, fertig ist die Wilson-Welt und das wie immer auf höchstem künstlerischen Niveau. Nur bei einigen Schauspielern der bestens geübten Wilson-Crew rührt sich diesmal so etwas wie eine kleine Aufruhr gegen das starre Korsett. Allen voran Jürgen Holtz, der als Lulus Vater Schigolch mit einer eiskalten Gleichgültigkeit und in stark ironischer Weise, das übliche Konzept Wilson unterläuft. Wie er so schnarrend das Bühnenbild durchstreift ist schon sehenswert, er stielt so der in ihrem aufgemotzen Staat feststeckenden, girrenden und in höchsten Tönen trällernden Angela Winkler fast die Show. Auch Alexander Lang gelingen einige solcher zweifelnden, ironischen Momente, es wirkt aber als wäre dies Wilson eher unbeabsichtigt passiert, nur ein Lapsus des Meisters, der mit den Jahren seinem perfektionierten Prinzip nicht mehr traut. Vielleicht ist da etwas Selbstironie am Werk, allerdings der Rest zappelt in gewohnter Manier wie an Fäden gezogen über die Bühne.
Der Zuschauer ist es zufrieden und gibt Szenenapplaus für eine surreale Zypressenallee, eine Lulu allein auf weiter Flur, wie in einem Bild von Rene Magritte gefangen. Das Bild ist tatsächlich sehenswert, aber das ist das Problem dieser Inszenierung, die wieder nur optische Reize aussendet und nicht wirklich in die Abgründe dieser zerrissenen Figur geht, die hier sogar im Zwiegespräch mit sich die Texte der Geschwitz gleich mit herunterhechelt. Ansätze des alten Regiegenies Wilson sind da, bleiben aber Skizze, gemalt in Öl. Einmal noch ist Alarm auf der Beleuchterbrücke, wenn Lulu mit ihrem restlichen Anhang im schmutzigen London angekommen ist. Die Szenerie ist dunkel und nur die Gesichter sind mit Spots ausgeleuchtet. Lulus Freier treten nach und nach aus dem Hintergrund und zählen der gebrochenen Kindfrau die Pennys in die Hand. Sabin Tambreas Jack als schräger Schönling mordet sie hinter der Bühne, ein letzter spitzer Schrei, der Rest ist zwar eiskalter aber schön gestylter Abgesang an der Rampe. Die Büchse der Pandora bleibt für diesmal geschlossen. Keine Monstretragödie ist zu sehen, nur die monströse weiße Schmiere in den Gesichtern der Schauspieler.

Was wirklich große Theaterschmiere im besten Sinne bedeutet, zeigt zwei Tage später Ex-Volksbühnenschauspieler und Theaterregisseur Milan Peschel mit der Komödie „Sein oder Nichtsein“ am Maxim Gorki Theater. Er zelebriert hier die große Kunst der Klamotte, mit Lust und Mut zur Lächerlichkeit. Das Stück von Nick Whitby mit dem Titel des großen Hamlet-Monologs nach dem gleichnamigen Film von Ernst Lubitsch aus dem Jahre 1942, spielt 1939 in Warschau, wo an einem Theater polnische Schauspieler eine Nazi-Farce mit dem Namen „Gestapo“ proben. Das nutzen Star- wie Chargendarsteller gleichermaßen zur Profilierung, hier blühen gleich zu Beginn Theaterallüren vom Feinsten, der Boulevard lässt grüßen, „…und einen Lacher soll man nie verachten“ . Tür auf, Tür zu, das Hitlerbild hüpft dazu auf und ab, bis es am Boden liegt und der Hitler-Kleindarsteller Bronski (Horst Westphal) seine Chance zum ganz großen Auftritt wittert, endlich weg vom ewigen Spiesträger. Es reicht aber nur für ein falsches Autogramm. Solche Träume hat der Großschauspieler und Hamletdarsteller Josef Tura (Ronald Kukulies) nicht mehr nötig, er bekommt Käsebrot und Bier auf die Bühne und ist auch sonst voll von seiner Kunst überzeugt. Wenn da nicht diese Zweifel an jedem Abend wären, wenn sich immer wieder ein junger Mann aus der zweiten Reihe erhebt und vor Turas großem Hamletmonolog den Saal verlässt. Das ist zuviel für das Ego des eingebildeten Künstlers, der noch nicht weiß, dass der junge Fliegeroffizier Sobinsky (Hans Löw) in diesen Minuten zu der von ihm verehrten Schauspielerin und Frau des Josef Tura, in die Garderobe eilt, um ihr zu huldigen. Sabine Waibel gibt die Maria Tura als blonden Engel im langen Kleid, hin- und hergerissen zwischen ehelicher Pflicht und Sobinskys Schwärmereien. Diese und ähnliche Probleme bestimmen das Leben der Schauspieler kurz vor dem Einmarsch der deutschen Armee im September 1939. Doch die ersten Anzeichen des bevorstehenden Krieges zeichnen sich bereits ab und das Stück „Gestapo“ wird aus Angst vor diplomatischen Verwicklungen abgesetzt.
Lubitsch hatte hieraus eine aberwitzige Satire gemacht, die selbst vor Schenkelklopfern im Angesicht des Grauens nicht halt machte. Eine kleine Truppe Schauspieler, die in großer Gefahr, da durch einen Spion der Gestapo verraten, über sich hinauswachsen und ihre Rollen aus reinem Lebenserhaltungstrieb nun in der Wirklichkeit weiterspielen müssen. Peschel, der dieses Stück in einer Koproduktion mit dem Stary Teatr bereits mit polnischen Schauspielern in Krakau herausgebracht hat, adaptiert diese Inszenierung nun mit deutschen Darstellern fürs Gorki. Er arbeitet hier erstmals mit seiner Frau, der Bühnenbildnerin Magdalena Musial zusammen, die ebenfalls aus Polen stammt. Ihr Bühnebild in seiner provisorischen Sperrolzfragilität lässt sich prima und schnell in alle möglichen Räume umbauen und gibt dabei viel Platz für schnelle Auf- und Abtritte mit jeder Menge Türknallerei und Slapstick. Und das nutzen die begnadeten Schauspieler allen voran Ronald Kukulies auch weidlich aus. Sein Tura ist aber keine bloße Witzfigur, sondern er lässt in ihm die gesamte Bandbreite seines komödiantischen Talents aufblitzen, er grimassiert und windet sich, gibt die Verkleidungsposse ganz im Stile eines kleinen Schmieren-Schauspielers, der aus schierer Verzweifelung und Liebe zu seiner Frau zum Grand-Guignol aufläuft. Erst grandios als falscher Konzentrationslager-Erhardt und dann wieder grotesk als Silewski, nachdem Sobinsky den Spion Silewski (Wilhelm Eilers) erschießt, weil dieser die Posse Turas durchschaut hat. Das kulminiert in einem absurden Tanz, in dem Kukulies den toten Silewski rasiert und ihm seinen zweiten falschen Bart anklebt. Aus der Tragik seiner Figur zieht Kukulies diese grandiose Komik.
Die zweite Überraschung ist Holger Stockhaus als Gruppenführer Erhardt, der sich mit dem dauerheiser krächzenden Sturmführer Schulz (Martin Otting) herrliche Dialoge über Theater- und Filmkunst sowie Vorlieben für Philosophen wie Bälle zuspielt. Stockhaus knallt auch einige verrückte Tanzeinlagen auf die Bühne, ganz im Stile Charlie Chaplins, nur ohne Weltkugel und er kommt dabei auch deutlich spürbarer außer Atem. Es wird aus weiteren Filmen zitiert, ein Pianist erschossen und das alles so trocken und ungeniert, dass es einem schon mal das Lachen stocken lässt. Hans Löw hält dann als Silewski noch eine flammende Rede über hundert Naziskalps vor den verdatterten Schauspielern. Diese klare Ansage des Aldo Raine aus Tarantinos „Inglourious Basterds“ vermag aber die Schauspieler nicht zu weiteren Heldentaten zu motivieren. Die Frage des Sein oder Nichtsein wird hier nicht entgültig beantwortet, die Geschichte endet offen. Das Spiel im Spiel in Peschels genialer Inszenierung zeigt den Schauspieler als das was er ist, den Träger einer Rolle, nicht als den Helden selbst oder den Bösewicht, den er darstellen muss. Das geschieht aber in vollendeter Perfektion, ein großes Fest für alle Schauspieler des Gorki-Ensembles, das man spätestens jetzt nicht mehr leichtfertig unterschätzen kann. Peschel gelingt eine Liebeserklärung an den Schauspieler an sich und nebenbei noch eine wirklich gute Nazischmiere mit Biss.

Hier gehts zur Kritik von Prospero auf Stage and Screen

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