Die Dachbodengesellschaft – Christiane Pohle hat Die drei Schwestern von Tschechow am Thalia Theater Hamburg in einer Rumpelkammer abgestellt und vergessen.

Der Mensch ist von Natur aus ein Nostalgiker und Verklärer der Vergangenheit. Er ist dabei ein Meister beim Verdrängen der Realität. Anton Tschechows „Drei Schwestern“ sind ein theatrales Sinnbild für diesen Zustand. Nicht Melancholie, sondern Sehnsucht nach dem Gestern heißt ihre Krankheit. Sie sind nutzlos in der Gegenwart, nicht lebensfähig und ohne Entscheidungskraft für die Zukunft. Regisseurin Christiane Pohle sperrt daher diesen Haufen Schwätzer und Jammerer auf einen Dachboden (Bühnenbild: Annette Kurz), dort wo im Allgemeinen Sachen stehen, die man nicht mehr braucht, irgendwann vergisst und die dann vielleicht mal bei ebay unter der Rubrik „Dachbodenfund“ wieder auftauchen. Manchmal verirrt sich der eine oder andere aber dennoch auf den Dachboden und stöbert in diesen Sachen aus einer vergangenen Zeit, spürt nach deren Geschichte und fängt an von Vergangenem zu schwärmen. In der DDR gab es eine Fernsehsendung dazu, die „Willi Schwabes Rumpelkammer“ hieß. Ein netter grauhaariger Herr mit Laterne und Schlüsselbund, der bekannte Schauspieler Willi Schwabe, stieg einmal im Monat auf seinen Dachboden, entstaubte alte Schallplatten, zeigte Ausschnitte aus alten Filmen und erzählte liebevoll Anekdoten von den Stars der 30er bis 50er Jahre. Ein Publikumsrenner versteht sich, man fühlt sich geborgen in der Umgebung von Sachen die man kennt.
Die Idee Christiane Pohles ist es nun, mit diesem Bild der Geborgenheit eines Dachbodens, den Stillstand und die Weltabgewandtheit der Figuren Tschechows zu illustrieren. Alte Möbel und Radiogeräte stehen hier, deren Musik oder Rauschen man lauscht. Auf dem Spitzboden hockt bereits zu Anfang Bruder Andrej (Sebastian Zimmler), bastelt alles ums sich herum vergessend und spielt traurig schön auf einer Ätherwellengeige, auch Theremin genannt. Später will er nur noch seine Ruhe haben. Es scheint die Zeit still zu stehen. Das Warten darauf, dass es endlich wird, wie es nie war, beherrscht die Szenerie und das Handeln bzw. Nichthandeln der Protagonisten. Es kommt zwangsläufig Langeweile auf und artikuliert sich verschiedenartig, je nach Gemütslage der Person. Jeder bekommt dabei sein Fünf-Minuten-Solo, ein Gefühlsausbruch der sich meist schreiend Bahn bricht, danach fällt man wieder in Agonie und allgemeines Lamento.
Die Geschichte der Drei Schwestern ist allgemein bekannt und immer wieder verschieden interpretiert worden. Frank Castorf hat im letzten Jahr an der Berliner Volksbühne den Figuren Tschechows die falsche Melancholie ausgetrieben und ihnen in seiner überdrehten Farce „Nach Moskau! Nach Moskau!“ das Komödiantische wiedergegeben. Pohle hält sich auch nicht mit dem Versuch der großen Einfühlung auf. Die Dialoge und Monologe der Darsteller gleichen einer Aneinanderreihung von Nummern. Es treten keine Menschen auf, sondern lauter Entertainer, deren gewollt unbeholfenes Agieren das Stück vollkommen entschleunigt und letztendlich mit aufgesetzten Slapsticknummern das genaue Gegenteil von Castorfs Vaudevillestil erreicht. Totale Larmoyanz und ein lähmender Manierismus machen sich breit, es weht gähnende Langeweile bis hinunter ins Parkett. Das nervt zunehmend, was wohl auch die Absicht der Regie zu sein scheint. Es wird die Übersetzung von Thomas Brasch gespielt. Warum ist nicht so recht klar, man zitiert Brasch im Programmheft mit dem Finden eigener Transportwege, im Gestern die Wurzeln des Heute kenntlich zu machen. Dieser behauptete Tanz auf dem Rand des Vulkans, die im Absturz befindliche Gesellschaft ist aber nirgends erkennbar. Die Bodenluke des Dachs bleibt meistens geschlossen und lässt nur wenig rein und raus. Man sieht nur was man will. Das erinnert etwas an Volker Brauns „Übergangsgesellschaft“ über die Stagnation und Agonie der späten DDR, ein aktueller Bezug ist aber nicht auszumachen.
Die Schwestern Olga, Mascha und Irina, dargestellt von Victoria Trautmansdorff, Cathérine Seifert und Lisa Hagmeister übertreiben das Lamentieren auf höchstem Niveau. Erst mobben sie Natalja, die Verlobte ihres Bruders, bis sie dann später unter deren Regime zusammen zu brechen drohen. Birte Schnöink fällt als besonders aasiges Biest auf, das in einer Kreischarie Olga und die alte Anfissa (Ute Zäpernick) niederbrüllt. Niemand hat hier irgendeine Idee oder etwas Entscheidendes zu sagen. Tschechow ist wohl noch nie so ernst genommen worden. Er hatte sicher nicht sehr viel übrig für die russische Intelligenz und deren Selbstmitleid und Entscheidungsarmut, sie aber nie derart ausgestellt und lächerlich gemacht, wie es nun Christiane Pohle tut. Der Werschinin des Alexander Simon schwadroniert was das Zeug hält und Mascha kichert dazu. Thomas Niehaus als Tusenbach ist ein farbloser, schwärmender Tropf am Klavier, sein Gegenpart Soljony ein Irrer, Hans Kremer als Arzt Tschebutykin zerfließt in Selbstmitleid und trägt einen Birkenstrunk als Namenstagsgeschenk für Irina auf den Dachboden. Die Krönung des Abends aber ist Josef Ostendorf, der sich als Lehrer Kulygin besonders lächerlich machen darf und sich selbst eine Torte ins Gesicht drückt. War er in Lensing und Heims (Theater T1) sehr körperbetontem „Onkel Wanja“ von 2008 noch ein wütender Verzweifelter, ist er hier nur noch Witzfigur. Es werden Masken und Pappnasen aufgesetzt und dazu der Dachboden in einem spontanen Ausbruch verwüstet. Das Feuer ist für alle ein völlig unwirklicher Einbruch des Draußen in ihre kleine Dachbodenwelt. Man spricht immer wieder nur von oben und unten.
Christiane Pohle hat keine zündende Idee, das Verhalten der Figuren wirklich zu erklären. Im Programmheft müssen Sloterdijk und Heidegger für das Metaphysische des Wartens herhalten. „Ernten und sich ernten lassen“, Lust und Leid der „Warte-Wesen“. Man zerredet die Revolution in der heutigen Gesellschaft in endlosen Begriffserklärungen. Was für eine große Erkenntnis. Die ersten Zuschauer gehen nach der Pause. Es wird auch im zweiten Teil des Abends nicht besser, nur noch etwas surrealer. Auf dem Spitzboden stehen nun eine Vielzahl von alten Radiogeräten, die die Worte der Protagonisten wiederholen, Musik erklingt und es beginnt eine nicht enden wollende Abschiedsarie. Die Figuren durchschreiten immer wieder das nun völlig leergefegte Erinnerungsgebilde des Dachbodens. Werschinin fotografiert und schwadroniert, Tusenbach träumt weiter von der Zukunft und Kulygin schwätzt vom ut consecutivum. Mascha bekommt einen Zusammenbruch und dazu säuseln die Radiogeräte von Abschied und dass es Zeit sei zu gehen. Man kann dieser freundlichen Aufforderung irgendwann einfach nicht mehr widerstehen.

Warum spielen?

Um diese Frage überflüssig zu machen | um eine Gegenwelt herzustellen | um die Träume von Angst und Hoffnung vorzuführen einer Gesellschaft, die traumlos an ihrem Untergang arbeitet | um die Toten nicht in Ruhe zu lassen | um die Lebendigen nicht in Ruhe zu lassen | um Wurzeln zu schlagen | um Wurzeln auszureißen | (…) | um die Frage überflüssig zu machen: Warum spielen | Um zu spielen |

Thomas Brasch (1983)

Comments are closed.