Most Wanted! Dead ore Alive?

Man kennt diese Steckbriefe aus vielen amerikanischen Western, meist komplettiert durch ein fieses Gangster Face und einen entsprechenden Reward(Belohnungs)-Hinweis. Jeder freie Amerikaner konnte sich gesichert durch den 2. Zusatzartikel der Verfassung der Vereinigten Staaten bewaffnen und den Verbrecher stellen, um diese Belohnung zu kassieren. Wenn der Delinquent sich bei der Verhaftung wehrte, war man berechtigt diesen in Notwehr zu töten. Filmhelden wie John Wayne, Charlton Heston und Ex-Präsident Ronald Reagan sind zu Sinnbildern dieses Glaubens an ein Recht auf Vergeltung geworden. Die 25 Millionen Dollar kann die Regierung der Vereinigten Staaten nun selbst einstreichen, die Navy Seals haben das wieder einmal Hollywoodlike gerichtet. Tot oder lebendig, diese Frage dürfte sich im Fall des meistgesuchten Terroristen Osama bin Laden auch erledigt haben. Die USA hatten den Dschihadisten nach dem Anschlag am 11.09.2001 auf die Twin Towers in New York den Krieg erklärt und einen Kreuzzug gegen den islamistischen Terror begonnen.
Das Talionsprinzip „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ (1) aus dem alten Testament ist in den sehr religiös geprägten Vereinigten Staaten tief verwurzelt. Es sieht einen angemessenen Schadensersatz für erlittenes Leid des Opfers gegenüber dem Täter vor, um weitere Blutrache zu verhindern. Dieses Gesetzt der Vergeltung geht weit bis in die Zeit vor Christus zurück, bis nach Mesopotamien unter dem babylonischen König Hammurapi. Auch in der Antike kannte man diese Regel bis sie in die Tora, ins Bundesbuch Mose Aufnahme fand und schließlich in das alte Testament der Bibel. „Auge für Auge, Zahn für Zahn, Hand für Hand, Fuß für Fuߓ und schließlich „Leben für Leben“. Über die Auslegung dieser Formel wird immer noch diskutiert. Der Koran erhebt sie sogar zum religiösen Gesetz, die aber auch noch die Möglichkeit der Erlassung der Vergeltung als „Almosen“ vorsieht, eine Ablösung der Schuld als Sühne.
Im Neuen Testament sagt Jesus in der Bergpredigt: „Leistet dem, der euch etwas Böses antut, keinen Widerstand, sondern wenn dich einer auf die rechte Wange schlägt, dann halt ihm auch die andere hin.“ Jesus ging es um die Loslösung der Vergeltungsregel vom eigentlichen Schaden und somit um die Eindämmung der Gewaltspirale im römisch besetzten Judäa. Mit Liebe und göttlicher Überzeugung gegen das Böse, die mit Gewalt herrschenden Besatzer, deren Schaden in seinen Augen nicht mehr gut zu machen war. Quintessenz des christlichen Glaubens wäre es demnach, erlittenes Leid ab einem gewissen Maße nicht mit Gleichem zu vergelten, also seinen rechtmäßigen Anspruch auf zu geben und auf Versöhnung aus zu sein. Ist das nun im Falle bin Ladens möglich, der selbst eine Versöhnung mit der westlichen Welt ablehnt und sie mit Terror überzogen hat? In seinem Falle wohl kaum. Hier greift keine wie auch immer geartete religiöse Grundregel, weder die der Vergeltung noch die der Versöhnung. Hier bedarf es einer anderen, politischen Lösung, von der die Welt noch weit entfernt ist, die aber schon im Kleinen mit der Achtung der Würde jedes einzelnen Menschens beginnen muss.
Einem Amerikaner wird man hier nicht mit der Bergpredigt kommen können, dazu noch in einem Land in dem die Todesstrafe als selbstverständliches Mittel der Sanktion für Mord gilt. Aber vielleicht mit dem 5. Zusatzartikel der Verfassung, der auch für Nichtamerikaner gilt und der eine Anklage vor einem Gericht vor dem Verhängen einer Strafe voraussetzt. Wie auch immer, die Amerikaner haben ihr Rückgrat durchgedrückt, also „True Grit“ bewiesen, womit wir wieder beim Western sind, und feiern den Tod des Erzfeinds. Das Volk hat seinen Tod gewollt und ihre Regierung hat ihnen dieses Gefühl der Genugtuung gegeben. Amerika beugt sich keinem Terroristen und schon gar keinem Gerichtshof, der in Europa steht und bei dem nach völkerrechtlichen Grundsätzen geurteilt würde. Der Verlauf eines solchen Prozesses wäre langwierig und ungewiss. Guantanamo existiert trotz Schließungsanordnung von Präsident Obama immer noch und auch Abu Ghuraib ist noch in „guter“ Erinnerung. Eine Macht die sich überall in der Welt einmischt, duldet keine Einmischung in ihre Angelegenheit, zu deren Hauptziel die Liquidierung bin Ladens gehörte.
Was man aber aus der Neuverfilmung des Western „True Grit“ von den Coen-Brüdern lernen kann, ist dass Rache nicht auf Dauer glücklich macht und andere Werte wie Liebe und Menschenwürde durchaus mehr zählen, als eine unbedingte Genugtuung erlangt zu haben. Heute befindet sich Amerika im Siegestaumel und seine den unbeholfenen Schulterschluss suchenden Verbündeten sprechen von „Freude“, morgen sterben wieder Soldaten im Irak und in Afghanistan. Ob diese Spirale der Gewalt und des Todes einmal beendet werden kann, ist ungewiss. Nur eins ist sicher, auch weil die US-Regierung auf das Zeigen des Toten verzichtet hat, Osama bin Laden ist im Meer der Mythen verschwunden. Andere werden wohl leider wieder auftauchen und seinen Terror fortsetzen.

(1) Literaturliste zur Talionsformel auf Wikipedia

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