Willy Loman zerbrüllt den Amerikanischen Traum und Natascha Kampusch trifft den bösen Medien-Wolf – Die „großen“ Häuser aus Zürich und Wien beim Theatertreffen 2011

Die Halle des Radialsystem V, sonst Heimstadt von Sasha Waltz und ihrer Tanzcompany, ist nicht zum ersten Mal Bühne für ein Stück aus dem Schiffbau des Züricher Schauspiels. 2008 zeigte hier Jan Bosse seinen furiosen Mitmach-„Hamlet“ mit Joachim Meyerhoff und Edgar Selge, die Bühne gestaltete auch Stéphane Laimé. Das Publikum saß mit den Darstellern an einer großen Tafel rund um das Geschehen und einige mussten sogar mitspielen. Das bleibt einem bei der Inszenierung Stefan Puchers von Arthur Millers „Tod eines Handlungsreisenden“ Gott sei Dank erspart. Man sitzt auf normalen Stühlen und ist nicht mehr Teil des Bühnenbildes, das Stéphane Laimé diesmal noch etwas breiter angelegt hat. Auf der gesamten Länge der Halle, reihen sich Küche, Wohn- und Schlafzimmer der Lomans sowie eine Bar und das Howardsche Büro im 50th-Style vor uns auf. Ganz rechts vor einer Bluescreen steht der Thunderbird, den Willy Loman dank der Videotechnik auch über die Straßen Amerikas fahren kann.
Willy Loman, das ist hier Robert Hunger-Bühler und er ist es, als hätte es nie einen anderen gegeben. Hunger-Bühler geht hier völlig in der Rolle auf, so dass man an ihm alle Gefühlsregungen, von himmelhoch jauchzend bis zu Tode betrübt mehrfach bewundern kann. Dieser Willy lebt den Amerikanischen Traum, auch noch dann, als er schon am Boden zerstört vor seinem einzigen Freund Charly (Siggi Schwientek) steht, trotzdem den angebotenen Job ablehnt und lieber in den Tod fährt. Der Thunderbird steht dabei außerhalb der Halle und man hört nur das Scheppern und Krachen von draußen. Keine Angst, Robert Hunger-Bühler kommt wieder, dem Thunderbird ist auch nichts passiert und Willy singt noch einmal mit musikalischer Begleitung aller den Song von The Velvet Underground „I’m Set Free“. Allein dafür hätte es sich gelohnt zu kommen und zu bleiben, ein bitter-süßer Abgesang auf die Suche nach immer neuen Illusionen. Allerdings muss man bis dahin eine Inszenierung durchleiden, die dermaßen überzeichnet ist, dass man glaubt in eine TV-Reality-Show geraten zu sein. Damit man auch ja keine Gefühlsregung oder irgendeinen Gesichtsausdruck verpasst, wird das Ganze von mehreren Kameras eingefangen und auf großen Videoleinwänden präsentiert.
Friederike Wagner als Linda Loman ist die aufopferungsvolle Gattin bis zur Selbstverleugnung, sie steht in der Küche, lässt sich zurechtweisen und hält trotzdem zu ihrem Willy. Abends im Bett, wie früh morgens beim Kaffee, sie baut ihn immer wieder auf. Nur einmal verliert sie die Kontenance als ihre Söhne besoffen nach Hause kommen und den Vater in der Kneipe alleingelassen haben. Biff und Happy (Sean McDonagh und Jan Bluthardt) sind die Erben des Lomanschen Traums vom Aufstieg, sie wissen nur noch nicht ganz, wie sie ihre ganzen Hirngespinste darüber umsetzen können, aber mit den Frauen klappt es jedenfalls erst mal ganz gut. Die Auseinandersetzungen des schwarzen Schafs Biff mit seinem Vater werden vorzugsweise in der beleidigten Attitüde und lautsstark vollzogen. Dabei nehmen sich beide nicht viel, man muss zwangsläufig an den Schreikrampf von Bruno Cathomas als Biff in der Inszenierung von Luc Perceval an der Schaubühne denken (kleine Kostprobe), nur das Thomas Thieme als Willy sich ein Guantanamera drauf gepfiffen hat. Robert Hunger-Bühler stammelt hier weiter die Mantras der Leistungsgesellschaft.
Pucher bricht den überspitzten Plot immer wieder mit eine paar Musikeinlagen, etwas Glämmer, Videos und seinem üblichen Inszenierungskitsch. Die Veranstaltung schwankt zwischen diesen Extremen und wirkt dadurch stellenweise unfreiwillig komisch. Witzige Einlagen wie der Regieeinfall den Chef Willys als Miss Howard (Julia Kreusch) auftreten zu lassen, die dem konsternierten Willy die Vorzüge ihres neuen Diktaphons erklärt und die Szene in der Biff in einer der vielen Rückblenden den Vater mit einer Geliebten (Michaela Steiger) im Hotelbett überrascht, stehen gegen sich wiederholende, nicht enden wollende Mono- und Dialoge sowie das Auftreten des Bruders Ben (Markus Scheumann), zu dem Willy ständig spricht, als geisterndes Wesen mit Cowboyhut und Spazierstock, fast eine Art Onkel-Sam-Karikatur. Eine Reduzierung der Figuren und weitere Straffung der Handlung wären dringend angebracht. Zugute halten muss man Pucher, obwohl er die „schein“heilige Reklame-Welt des amerikanischen Traums in allen Fassetten auswalzt, dass er ihn auch dementsprechend durch diese völlige Figurenüberzeichnung gnadenlos zercrasht. Allerdings hätte es dazu nicht dieses 50er Jahre Devotionalien-Parkours samt Entourage bedurft. Erwähnenswert sind an dieser Inszenierung tatsächlich nur die überbordende Ausstattung und die Anzahl der Mitwirkenden. Aber das grelle Pathos übersättigt und ermüdet dann auch mit der Zeit, gediegene Langeweile machte sich zusehends unter den Zuschauern breit.

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Der amerikanische Traum schlechthin, Willy Lomans Thunderbird parkt vor dem Radialsystem V (Foto: St.B.)

„Herzlich willkommen zur Ernst Jandl Show!“ ruft das Literaturhaus Berlin in der Fasanenstraße unweit des Hauses der Berliner Festspiele in dem gerade das Theatertreffen 2011 stattfindet. Der Meister des um die Ecke Denkens und Sprechens macht hier nach Wien und München Station mit seiner Wunderwelt aus Text und Stimme. In seinem Stück „Aus der Fremde“ (1980) lässt er die Protagonisten miteinander oder über sich konsequent in der 3. Person und im Konjunktiv sprechen. Das vermittelt die emotionale Leere und persönliche Entfremdung der Personen. Jandl zeigte mit seiner Hauptfigur „Er“ einen Schriftsteller in der Schaffenskrise, einen höchst depressiven Menschen, der sozusagen neben sich steht und sich dabei beobachtet.
Kathrin Röggla benutzt nun diese Technik in ihrem neuen Stück „Die Beteiligten“, das in einer Inszenierung von Stefan Bachmann am Akademietheater Wien herausgekommen ist. Es wird darin der Medienrummel über den Entführungsfall Kampusch verarbeitet. Es treten 6 Personen auf, der quasifreund (Jörg Ratjen), der möchtegern-journalist (Peter Knaack), die pseudopsychologin (Alexandra Henkel), die irgendwie-nachbarin (Barbara Petritsch), das gefallene nachwuchstalent (Simon Kirsch) und die „optimale“ 14-jährige (Katharina Schmalenberg, mal wieder in Berlin zu sehen) und erzählen über ihre Beziehung zu N. K. als wenn diese selbst sprechen würde, in der 3. Person also. Röggla versucht hier eine Distanz zum Gesagten zu erzeugen und die Worte der „Beteiligten“ ihrem Objekt der Begierde in den Mund zu legen. Es wird bereits an den Namen klar, dass das Interesse der Protagonisten an N. K. nur rein persönlicher Natur ist, im medialen Ausschlachten der Story und im Schaffen einer Quasi-Reflexionsfläche für eigene Unzulänglichkeiten. Das Programmheft walzt die Sündenbocktheorie der medialen und gesellschaftlichen „Jagdmeute“ aus und zitiert aus Guy Debords „Gesellschaft des Spektakels“.
Auf der Bühne beginnt alles sehr eindrucksvoll mit einer Pressekonferenz, bei der alle seitlich zum Publikum vor einem Bildschirm sitzen und die Gesichter per Video frontal auf eine Leinwand geworfen werden. Das symbolisiert noch mal sehr gut die indirekte Redeweise der Personen. Anschließend versucht dann aber Bachmann den bisweilen langatmigen Text von Kathrin Röggla aufzupeppen. Willkommen in der Kampuschshow! Die indirekten Monologe rauschen nun fast unmerklich an einem vorbei, erschlagen von den Bildern der Auftritte des gefallenen nachwuchstalents als singender Falco (Jeanny, Out of the Dark) oder tanzender und am Bühnenhimmel schwebender SS-Mann. Bachmann plustert das Stück zu einem Österreich-Geschichtsmusical auf, das mit verdrängter Historie spielt und kitschige Landschaftsbilder an den Bühnenhintergrund wirft. Autoritäre Szenen aus dem Leben der Trappfamilie aus dem amerikanischen Musicalfilm „The Sound of Music“ (Meine Lieder – meine Träume) werden eingespielt. Der Film prägt bis heute das Österreichbild der Amerikaner und wird für Tourismuswerbezwecke gebraucht, den nationalsozialistischen Hintergrund komplett negierend. Dazwischen treten die Schauspieler in fliederfarbenen Blusen und mit Kopftüchern auf, ein Verweis auf das Outfit der Kampusch bei ihrem ersten Fernsehinterview.
Man könnte sagen Bachmann versucht mit diesem Spektakel den dürftigen Text von Kathrin Röggla zu retten, auch Stücke von Elfriede Jelinek haben erst durch ihre kongenialen Umsetzungen auf der Bühne an Relevanz gewonnen. Nur ist Stefan Bachmann nicht vom Schlage eines Nicolas Stemann oder einer Karin Beier und Elfriede Jelinek hat auch schon zwingendere Texte zu den Fällen Kampusch und Fritzl geschrieben. Das Fehlen der eigentlichen Figur Kampusch hat Bachmann dann noch bewogen das Märchen vom Rotkäppchen und dem bösen Wolf abgewandelt in die Inszenierung einzuflechten. Die Leidensgeschichte der N. K. als Opfer „3096 Tage“ (Titel ihres Buches über die Erlebnisse der Gefangenschaft) im Bauch des Wolfes, setzt Bachmann gegen die Ironisierung des Stücktextes durch seine grellen Bilder. Der Befreiungsschlag gegen die Medienmonster im Nacktsuite erfolgt dann durch Katharina Schmalenberg mittels Kill-Bill-Musik und einer Attacke mit dem Samuraischwert. Bombastkitsch gegen Perversion und verquere Moralvorstellungen der Gesellschaft, als mäßig witzige Mediensatire geht das noch halbwegs durch, aber bemerkenswert Neues ist daran nicht zu entdecken.

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