Ratten 2.0 – Michael Thalheimer inszeniert Lew Tolstois „Die Macht der Finsternis“ an der Schaubühne Berlin

Michael Thalheimer geht in seinen jüngsten Inszenierungen umgekehrt chronologisch vor. Nach den Aufführungen der Ratten und der Weber von Gerhard Hauptmann beschäftigt er sich nun mit einem der Vorläufer des deutschen Naturalisten, dem Russen Lew Tolstoi (1828-1910). Es ist ihm schon zu danken, dass es nicht Krieg und Frieden oder wieder mal Anna Karenina ist, aber mit „Die Macht der Finsternis“ (1886) hat sich Thalheimer auch nicht gerade ein Wohlfühldrama ausgesucht. Der naturverbundene christlich motivierte Anarchist und Pazifist Tolstoi hat erst spät zur Gattung des Dramas gefunden, es fällt in die Phase der moralphilosophischen Schriften wie „Worin besteht mein Glaube“ oder „Was sollen wir also thun?“. Er übersetzte in dieser Zeit auch die vier Evangelien neu ins Russische. Früh geschult an der Philosophie Rousseaus und Kants, wandte sich Tolstoi in den 80er Jahren eher den pessimistischen Schriften Schopenhauers zu und trat aus der Kirche aus. Seinen christlich geprägten Moralvorstellungen blieb er aber im Großen und Ganzen treu. Mit seiner in Gewaltfreiheit und Nächstenliebe an der Bergpredigt orientierten Schrift „Das Himmelreich in Euch“ hat er sogar Mahatma Gandhi beeinflusst.

Im Kontext der christlich geprägten Moral ist auch sein Drama „Die Macht der Finsternis“ mit dem Untertitel „Ist die Kralle hängen geblieben, muss das ganze Vögelchen zugrunde gehen.“ zu sehen. Das verweist auf die folgenschweren Taten der Protagonisten im Stück, die immer mehr in einem Sumpf von Niedertracht und Verbrechen versinken. Tolstoi greift hier eine wahre Begebenheit auf und beschreibt den moralischen Niedergang der Landbevölkerung im Zuge der ländlichen Verelendung. Der Plot besteht darin, dass der Knecht Nikita, nachdem er die Waise Marinka verführt und wieder verstoßen hat, ein Verhältnis mit seiner Herrin Anisja beginnt. Diese vergiftet mit der Hilfe der Mutter Nikitas ihren kranken Ehemann Pjotr, daraufhin wird Nikita zum neuen Herrn auf dem Hof. Er versäuft im Folgenden das Erbe Pjotrs und beginnt eine Affäre mit Anisjas Stieftochter Akulina. Das Kind, das er mit ihr zeugt, tötet er auf Drängen Anisjas und seiner Mutter, da Akulina verheirat werden soll. Auf Druck seines zu tiefst religiösen Vaters Akim gesteht Nikita schließlich die Tat am Tage der Hochzeit vor allen Gästen (Quelle: Reclams neuer Schauspielführer, 2005).

Michael Thalheimer treibt nun hier den Naturalismus der Figuren wie schon bei den Webern wieder extrem auf die Spitze. Olaf Altmann hat wie in den Ratten am DT (2008) einen sehr beengten Bühnenraum geschaffen. Zwei schmale und äußerst niedrige Gänge führen in einen kleinen Raum in dem das Bett des kranken Pjotr (Kay Bartholomäus Schulze) steht und ein kleines Holzkreuz an der Wand hängt. Pjotr windet sich und stöhnt, dass es zum Herzerweichen ist. Die anderen Protagonisten gelangen nur in extrem gebückter Haltung wie Ratten durch die niedrigen Gänge zu ihm. Es entspinnt sich ein Schlagabtausch aus gegenseitigem Hass und Missgunst. Die niedere Gesinnung der meisten Protagonisten wird durch das ständige Kriechen müssen in den Gängen noch verstärkt. Dazu tragen die Figuren, wie bei einem griechischer Leidenschor, hängende Stoffmasken vor dem Gesicht. Bert Wredes sakrale Orgelmusik, durchsetzt mit den üblichen Gitarrenriffs, erzeugt zusätzlich Düsternis. Nikita (Christoph Gawenda) ist auf sein stetiges Fortkommen fixiert und schlägt jegliche Einwendungen seines Vaters (Thomas Bading) in den Wind. Die beiden Giftmischerinnen Anisja (Eva Meckbach) und Nikitas Mutter Matrjona (Judith Engel) sind von einer Skrupellosigkeit sonder Gleichen. Judith Engel hat man wohl noch nie in einer solch abgründigen Rolle gesehen, die sie aber mit großer Überzeugungskraft meistert.

Tolstoi lässt hier jede Hoffnung auf Vernunft fahren. Thalheimer schließt sich ihm mit seiner Inszenierung ohne Umschweife an. Einzig der neue Knecht Mitrisch (Urs Jucker) lässt neben den religiösen Phrasen des Vaters Akim einige sozialkritische Aspekte anklingen. Das gipfelt in dem wohl eher unfreiwillig komischen Referat über die Macht der Banken und den Kreislauf des Geldes, den Akim als zu tiefst unchristlich verurteilt. Du sollst dein Brot im Schweißes deines Angesichts verdienen, ist daraufhin seine Entgegnung. Das Geld ist also was diese Menschen umtreibt und deformiert. Nikita und Akulina (Lea Draeger) kommen mit einem Berg von Paketen vom Shoppen und beschenken alle reich. Akim wirft seinem Sohn die Geldscheine ins Gesicht zurück. Er will mit alldem nichts zu tun haben. Nur ist er hier in der Gestalt von Thomas Bading als armes Würstchen ohne jegliche Überzeugungskraft gezeichnet. Erst der schreckliche Mord an seinem neugeborenen Kind, der in allen Einzelheiten verbal ausgebreitet wird, vermag seinen Sohn Nikita zu läutern. Die Frage ist nur was Thalheimer nach den Webern mit dieser erneuten Kunstanstrengung bewirken will, ein Versuch der Bekehrung der Anwesenden zum Tolstoianismus kann getrost bezweifelt werden. Aber wirkliche Sozialkritik sieht anders aus und man ist versucht ebenfalls alle Vernunft fahren zu lassen und das Kreuz von der Wand zu reißen, um es dem Nächstbesten über den Schädel zu schlagen. Gandhi möge mir verzeihen.

„Mein ganzes Leben besteht ja nur in der Hoffnung darauf, daß nicht der Kuchen, sondern die menschliche Vernuft von Ewigkeit sind.“ Lew Tolstoi, aus den Tagebüchern (Quelle: Programmheft Schaubühne)

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