Frech wie Oscar, Herbert Fritsch tanzt Polonaise. Noch mal Schlingensief und ein kleines Fazit zum Abschluss des Theatertreffen 2011

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Oberhausener Kurzfilmtage 2009 – © Herbert Fritsch / Sabrina Zwach 

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Verfickte Scheiße, Mutter Wolffen, der Weihnachtsbaum brennt

Der heimliche, unheimliche Star des Theatertreffens war mit Sicherheit der 60jährige „Jungregisseur“ und ehemalige Volksbühnenstar Herbert Fritsch (u.a. Elementarteilchen, Meine Schneekönigin, Das große Fressen und Im Dickicht der Städte), der mit seinen beiden frischen und frechen Inszenierungen die verschnarchte Berliner Theaterszene aufgemischt hat. Er ist aber nicht auf einmal darauf verfallen als Theaterregisseur zu arbeiten, sondern hat bereits seit längerem als medialer Künstler gearbeitet. Mehrere Videoinstallationen, Kunstfilme und schließlich das Projekt hamlet_X beweisen sein universelles Talent.
Fritschs Äußerung zu seiner zum tt11 eingeladenen Schweriner „Biberpelz“-Inszenierung: „Hauptmann? ich kenne den Mann nicht.“ dürfte das Zeug haben, zur geflügelten Redewendung zu werden. Das ist natürlich Koketterie, er reagiert damit entsprechend auf das plötzliche mediale Interesse an seiner Person, ein Schauspieler durch und durch. In seiner Version des Biberpelz tritt eine krass geschminkte Meute von Kleinbürgern auf und brüllt im Chor die naturalistischen Szenenbeschreibungen von Gerhard Hauptmanns Stück um den besagten von Mutter Wolffen gestohlenen Biberpelz. Mehr Naturalismus kommt nicht vor, Fritsch überzeichnet die Figuren gnadenlos bis zum Slapstick. Alles tanzt um eine bewegliche Wand, verbiegt sich, stürzt am laufenden Band, grinst oder zieht andere saure Grimassen. Das groteske Mienenspiel und der enorme Körpereinsatz sind hier Ausdruck für die Gier, Verschlagenheit, Scheinheiligkeit oder Tumbheit der Charaktere. Die Sprache bei Hauptmann noch Berliner Dialekt ist bei Fritschs Darstellern ebenso deformiert wie schon ihre Figuren selbst.
So wird das Spiel zu einer Art pantomimischer Clownerie, begleitet von Shantys und dem bisweilen schwer verständlichen Gebrabbel der Protagonisten. Es stehen Plattdeutsch neben Randberliner Dorfdialekt, Mutter Wollfen mit etwas schlesischem Einschlag, etwas Süddeutsches ist auch herauszuhören und einzig der Amtsvorsteher Wehrhahn (Jakob Kraze) spricht ein halbwegs verständliches Berlinerisch. Seine Borniertheit und die opportunistische Haltung seiner Untergebenen werden in herrlichen Fall-Choreografien verdeutlicht. Mutter Wolffen (Brigitte Peters) hat Herz und Schnauze auf dem rechten Fleck und kann sich immer wieder gegen die anderen Chargen behaupten. Dr. Fleischer (Marcel Rodriguez) ist hier ein armes verschrecktes Würstchen, das man den Staatsfeind wohl schwerlich anhängen kann. Egal, Wehrhan hat alle in der Schlinge, glaubt er zumindest, bis der Strick, der um alle gewickelt ist, einfach fällt. Das Ganze läuft ja schon bei Hauptmann ins Leere und so bricht auch Fritsch einfach ab und die Truppe ergeht sich in einer Endlospolonaise des puren Wahnsinns. Herrlich! Einem hat diese „dilettantische Albernheit“ allerdings nicht gefallen und so kam es, dass BE-Chef Claus Peymannn nicht mehr an sich halten konnte und Fritsch beim Premieren-Applaus, der auch mit einigen Buhs durchsetzt war, lauthals empfahl, besser Schauspieler zu bleiben, denn Regie könne er nicht.
Derart geadelt, war dann die zweite Arbeit von Fritsch, eine „Nora“ aus Oberhausen, schon deutlich in der Gunst des Theatertreffenpublikums gestiegen. Die Bühne zeigt nur einen großen Papp-Weihnachtsbaum, imaginäre Geschenkkartons werden pantomimisch vorgeführt. Das hübscheste Geschenk für Göttergatte Helmer ist Nora natürlich selbst. Manja Kuhl ist hier tatsächlich eine Puppe im entsprechenden Dolls Dress mit rotem Wuschelhaar. Eine lasterhafte, konsumsüchtige Projektion von Männerphantasien. Sie könnte auch gut und gerne Wedekinds Lulu sein. Die Emanzipation wird durch Fritschs wiederum grelle Figurenzeichnung und Kostümierung ad absurdum geführt. Nora benimmt sich zwar aufsässig und weiß die Männer um den Finger zu wickeln, aber zum Schluss geht sie nicht einfach, sondern hebt wie die Goldmarie ihr Kleidchen und wird von goldenem Flitter beregnet. Helmer ist bei Torsten Bauer ein steifer, unsensibler Machtmensch, Krogstad (Jürgen Sarkiss) ein geiferndes, grabschendes Schattenwesen, Frau Linde (Nora Buzalkas) eine schwarz gewandete, karrieregeile Gouvernante und den Dr. Rank, hier gleich als Dr. Krank bezeichnet, gibt Henry Meier als sabbernden Lustgreis, der sich am liebsten zwischen Noras Beine legt und unter ihr Kleid schaut. Alle sind sie gleich Vampiren gezeichnet, bleiche, knochige Gestalten, die ihren Vorteil, wie lebensnotwendiges Blut aus Nora saugen wollen, geldgeil und besitzergreifend.
Helmer ist der Dresseur seines Geschöpfes Nora, er züchtigt sie auch mal mit Klapsen auf das Hinterteil. Seine Kosenamen für sie, wie „mein Eichhörnchen“, klingen zynisch und lächerlich zu gleich. Das ist Fritschs Verdienst, dass Ibsens Text hier bildlich und im Spiel der Figuren direkt erfahrbar wird. Ein Entrinnen aus dem Goldenen Käfig gibt es für Nora nicht. Am Ende zerschneidet die Psycho-Filmusik die psychologischen Erwartungen an das Stück und fängt der Kunst-Weihnachtsbaum auf der Bühne Feuer. Der schöne Schein der bürgerlich familiären Idylle löst sich in Rauch auf. Keine psychologische Studie über das Bürgertum, sondern bitterböse Entlarvung ihrer Verkommenheit. Wie dunkele Raben schweben sie am Bühnenhimmel und rufen der sich aus ihrem Korsett befreien Wollenden, nur eine kopfschüttelndes „Nora, Nora, Nora“ zu. Fritsch unterläuft mit seinen Inszenierungen die gängigen Erwartungen des Theaterpublikums und verblüfft durch seinen Spielwitz. Das ist keine bloße Provokation, sondern durchaus eine gekonnte Art den alten Theaterbegriff neu zu interpretieren. Es bleibt zu hoffen, dass er sich seine Spielfreude und Frische noch lange bewahren kann, wenn die großen Häuser nun rufen werden. Im Juni inszeniert Fritsch an der Berliner Volksbühne den Schwank „Die spanische Fliege“.

Fototrailer Der Biberpelz vom Theater Schwerin

NDR-Portrait über Herbert Fritsch am Theater Schwerin

Trailer Nora oder Ein Puppenhaus vom Theater Oberhausen

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Christoph Schlingensiefs „Via Intolleranza II“ zum Abschluss des Theatertreffens 2011, Preise und ein Fazit

schlingensief.jpg Schlingenblog, Persönliches Blog von Christoph Schlingensief

Ziemlich genau vor einem Jahr hatte Christoph Schlingensiefs „Via Intolleranza II“ in Brüssel Premiere. Seit dem ist das Stück durch halb Europa getingelt über Wien, Hamburg, München nun zum Theatertreffen 2011 nach Berlin, wo schon 2009 Schlingensiefs Fluxus-Oratorium „Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir“ gezeigt wurde. Seine letzte Produktion nimmt sich nun frei nach Luigi Nonos Oper „Intolleranza 1960“ die Intoleranz des Europäers gegenüber der 3. Welt vor. Es beginnt mit Brigitte Cuvelier, die eher ironisch über die Schwierigkeiten bei der Produktion spricht, als Vortragende an einem Rednerpult. Der isländische Vulkan, Geldschwierigkeiten, frierende Afrikaner und natürlich der völlig erschöpfte Schlingensief selbst waren die großen Hindernisse, die es zu überwinden gab. Deshalb muss nun der Schauspieler Stefan Kolosko übernehmen und durch die Show führen, was dieser begleitet von Arno Waschk und seiner Band auch prompt tut. Allerdings ist das der Anfang von einem fröhlich dilettierenden, kaum zu ergründenden Bühnenchaos ganz im  Schlingensiefschen Sinne.
Eine Brechtgardine wird auf- und zugezogen, andere Zitate an Nono und seine Musik sind nur noch über Handy zu hören. Es laufen Videos von Schlingensiefs Afrikareisen auf der Suche nach einem Standort für sein Operndorfprojekt Remdoogo und einer italienischen Stummfilmfassung von Dantes Inferno (1911). Das 6-köfige Team aus Burkina Faso stellt sich vor und gibt sich erst mal alle erdenklich Mühe uns in Tanz und Gesang unser Afrikaklischee vorzuspielen, übernimmt aber immer mehr die Herrschaft auf der Bühne. Sie halten Nonos Oper ebenso für ein Klischee und haben kurzerhand ihren eigenen Text geschrieben. Es wird gerappt, Kungfu gefightet und der als Hauptdarsteller vorgesehene 13jährige Junge Komi ist in Wirklichkeit ein Kleinwüchsiger der nach einer Frau für sich sucht. Der europäische Kultur-Kodex wird verulkt, Koloske lässt den weißen Besserwisser raushängen und zerpflückt eine kleine Hütte, die von den Afrikaner zusammengebaut wurde. Der weiße Jean Chaize und der Afrikaner Wilfried Zoungrana tanzen Armut und Hunger. Bei Hunger zieht der Schwarze den Bauch ein und drückt die Rippen raus. Klar im Vorteil, er ist ja auch erst 27, da kann das jeder, sagt Chaize. Es werden die Toten der Völkerschauen in Hagenbecks Tierpark in Hamburg aufgezählt und schließlich feiern alle einen großen Dankgottesdienst mit Gospelchor und jeder Menge „Halleluja“.
Das Flüchtlingsproblem und der Freiheitsgedanke Nonos werden bei Schlingensief letztendlich zur Freiheit und Selbstbestimmung der Afrikaner in ihrer eigenen Welt umgemünzt. Schlingensief, der ja nun nicht mehr unter uns weilen kann, tritt noch einmal als Videoprojektion vor den Vorhang und lässt kräftig Dampf ab. Es gipfelt in der Selbsterkenntnis, vor Ort nichts ausrichten zu können und den Afrikanern doch lieber das Geld zu überweisen und sich ansonsten rauszuhalten. 95 Prozent aller Bilder von Afrika sind eh nur von Weißen gemacht. Ab ins Taxi und weg hier, ist die letzte Botschaft. Kerstin Graßmann, langjähriges Ensemblemitglied bei Schlingensief, ruft noch mal zu Spenden für das Operndorf in Burkina Faso auf, die sie ja eigentlich als Behinderte ebenso nötig hätte, aber die in Afrika eben auch. Großer Beifall für ein spielfreudiges Chaosteam und den 3sat-Fernsehpreis für Schlingensiefs Projekt, ein posthumer Dank für den unermüdlichen, unvergessenen Performer.

www.schlingensief.com

dsc03797.JPG Foto: St.Bock
Ist das Theatertreffen noch zu retten?
Es ist 2012 auf jeden Fall mit neuem Team wieder am Start.

Ein nüchternes Fazit für den 2011-Theatertreffenjahrgang zu fällen, ist diesmal so einfach nicht. Man hat wie immer Bemerkenswertes, Leuchtendes neben Unscheinbarem und Belanglosem gesehen, Licht und Schatten dicht beieinander, aber Langweiliges nur in ganz seltenen Fällen. Es wäre doch auch eintönig, wenn man alles hätte abnicken können, was da geboten wurde. Die großen Namen die vielleicht einigen gefehlt haben, wurden eigentlich kaum wirklich vermisst. Es standen Performance gleichberechtigt neben echtem Schauspiel, beides hat seine Berechtigung, wenn mit vollem Einsatz und Wagnis versucht. Große Sieger sind auf jeden Fall die wiedererwachte Spielfreude und natürlich die hervorragenden Ensembleleistungen. Etwas daraus herauszuheben fällt schwer, nur so viel, der Alfred-Kerr-Darstellerpreis für die herausragende Leistung eines/r NachwuchsschaupielerIn geht verdienter Maßen an die Kölnerin Lina Beckmann für ihre Rollen in „Das Werk / Im Bus / Ein Sturz“ und „Der Kirschgarten“ (hier die Laudatio der Jurorin Eva Mattes). Das die beiden großen Häuser Wien und Zürich trotz Bombast eher mit schmaler Kost aufwarteten, hat der Jury letztendlich recht gegeben, den Blick auf die vermeintlich kleineren frei zu machen. Ein Schuss vor den Bug der großen Stadttheater? Wenn, dann ein heilsamer womöglich, man wird es sehen im nächsten Jahr mit neuem Leitungsteam beim Theatertreffen 2012.

One Response to “Frech wie Oscar, Herbert Fritsch tanzt Polonaise. Noch mal Schlingensief und ein kleines Fazit zum Abschluss des Theatertreffen 2011”

  1. Prospero sagt:

    Ein etwas nüchternes Fazit, wie ich finde. Meines fällt etwas positiver aus (s. http://stagescreen.wordpress.com/). Ich habe soviel Vielfalt und Heutigkeit gesehen wie lange nicht mehr. Ein Theatertreffen, das Spaß machte, weil es Augenb öffnete, Hirnzellen animierte und immer wieder vor Staunen offene Münder produzierte. Und dass das nicht zuletzt an den Herren Fritsch und Schlingensief lag, da sind wir wiederum wohl einer Meinung.