Ein ganz heutiges Stück von tiefem Hass und der Unsterblichkeit der Liebe – Mona Kraushaar inszeniert Shakespeares „Romeo und Julia“ am Berliner Ensemble

 dsc03806.JPG Foto: St. Bock

„Ich übersetze Stücke auch, um zu lernen. Du kannst kein Theaterstück schreiben ohne befleckte Empfängnis. Eine Dramatik als Mariaerlebnis gibt es eben nicht.“ heißt es im Text des Autors, Filmemachers und Übersetzers von Shakespeare und Tschechow Thomas Brasch „Befleckte Empfängnis“, der im Programmheft zu Mona Kraushaars Inszenierung von „Romeo und Julia“ am BE abgedruckt ist. Sich das Original aneignen hieß für Brasch, durch Einverleibung das Vorbild auch umbringen zu wollen. In seinen sehr heutig wirkenden Übersetzungen ist dieser Drang deutlich spürbar, dem Original auf den Grund zu gehen, „…im Gestern die Wurzeln des Heute kenntlich machen“ (aus dem Programmheft zu den „Drei Schwestern“ am Thalia Theater in Hamburg). Trotzdem hat er Stück und Autor dabei nie beschädigt oder gar unkenntlich gemacht. Und so ist auch Mona Kraushaars Inszenierung ein Einverleibungsprozess, der das Stück aus sich heraus verstehen will, es also so belässt wie es gedacht war, ohne ihm aber dabei all zu ehrfürchtig zu huldigen.
Die Inszenierung spielt sich auf einer leicht erhöhten Plattform ab, deren Mittelteil sich heben und schräg stellen lässt und dabei eine mit Wasser gefülltes Becken frei gibt (Bühne: Katrin Kersten). Szenenwechsel lassen sich so sehr gut darstellen. Mit verbalem Gefecht beginnt es an der Bühnenrampe, der Zwist der beiden verfeindeten Familien mündet schnell in wirklichen Fechtszenen, die Degen stecken immer griffbereit im Rampenboden. Der Fürst von Verona, der die Streithähne trennt und den Kampf unter Strafe stellt, ist hier ein Kind, die Stimme kommt vom Band und ist die von Angela Winkler. Einer der wenigen Regieeinfälle, die nicht zwingend einleuchten, außer dass diese Worte bei den Protagonisten eh unerhört vorbeirauschen. Die Jungen sind hier echte Raufbolde, die sich von den Alten nichts sagen lassen. Die Spaßbolzen und Möchtegernmachos der Montagues Benvolio (Roman Kanonik) und Merutio (Frank Röder)  ziehen schnell gegen den Siegfriedhaften Tybalt (Felix Tittel) der Capulets den Kürzeren. Das hatte Anfang des Jahres Bruno Cathomas in seiner Romeo-und-Julia-Inszenierung in Potsdam schon bildgewaltig in Szene gesetzt. Trotz flinker Zunge muss Mercutio dran glauben und der junge schwärmerische Romeo des Christopher Nell gerät so ungewollt in den Strudel des Hasses zwischen den verfeindeten Häusern, dem er doch durch die Liebe zu Julia (Anne Graenzer) entfliehen wollte, um deren Willen er sogar bereit ist nicht länger Romeo und Montague zu sein.
Die Darstellung dieses Liebespaars macht Mona Kraushaars Inszenierung aber auch erst wirklich sehenswert. Die Liebe auf den ersten Blick wird hier nicht groß und  bildgewaltig versucht zu erklären, sondern einfach vorausgesetzt. Das Zusammentreffen der beiden auf dem Ball der Capulets ist flüchtig und dennoch ist Romeo bezaubert und versucht anschließend die Schräge auf der Julia angeseilt ihrem Romeo zuschmachtet, mit allen erdenklichen Hilfsmitteln, wie Luftballons, Regenschirm, Seil, Degen-Sprunghilfe und Feuerlöscherrakete zu erklimmen. Er benimmt sich zu aller Anwesenden Erbauung so ungeschickt übermütig, wie es oft in diesem Alter bei den ersten Annährungsversuchen der Fall ist, wirkt aber dabei nie unfreiwillig komisch. Der Julia zugedachte Graf Paris ist bei Dejan Bucin ein Schmeichler und Charmeur mit Rose, der bei der sexuell unterversorgten Lady Capulet (Katharina Susewind) zu landen weiß, aber bei Julia schnell abgemeldet ist. Überhaupt ist hier der große Rest des Veroneser Familienanhangs beider Seiten sehr eindimensional gezeichnet. Dass ihnen Bruno Cathomas in Potsdam  ein Eigenleben gegönnt hat, mit melancholisch bis explosiven Gefühlsausbrüchen, erweist sich daher im Nachhinein als großer Gewinn. Bei Mona Kraushaar bekommt nur Vater Capulet (Martin Seifert) seinen gewohnten Wutanfall, der aber auch im Abgang schnell verpufft. Swetlana Schönfeld, als Amme mit dem jungen Winfried Goos als Diener Peter im Schlepptau, kann ein paar schräge Akzente setzen, der alte Montague (Martin Schneider) und seine Lady (Ursula Höpfner-Tabori) sind dagegen so gut wie nicht vorhanden.
Und so verwendet Kraushaar viel Zeit auf das große Liebespaar, was nach der Pause in akrobatischen Bemühungen Romeos gipfelt, der versucht auf dem Liebesbett mit Julia seine Hosen anzuziehen und dadurch spontanen Szenenapplaus hervorruft. Aber die junge Liebe wird ja bekanntlich sogleich auf die erste Probe gestellt, da Romeo nach Mantua verbannt ist und dort sehnsüchtig auf Post von Pater Lorenzo aus Verona wartet. Dazu sitzt er bei geschlossenem Eisernen Vorhang in einem Kreidehäuschen, was er vorher an die Wand gemalt hat und schielt gebannt auf seinen Kreidebriefkasten. Veit Schuberts Pater Lorenzo ist hier ganz der idealistische, immer väterliche Freund, seine gut gemeinte List scheitert aber an den Tücken der mangelnden Sorgfalt bei der Postzustellung. Der Brief erreicht nicht das gewünschte Ziel, Romeo ist längst aus seinem Exil in Mantua aufgebrochen, mit dem unheilvollen Vorsatz Julia in den Tod zu folgen. Das dicke Ende folgt auch prompt, hier relativ unsentimental mit düsterer Rockmusik, bis auf die Tatsache, dass sich Julia unbedingt mit einem der vielen herumliegenden Degen die Pulsader aufschneiden muss. Mona Kraushaar setzt hier voll auf die Empathie des jungen Publikums zu diesem hinreißenden Paar und gewinnt es so auch mit Leichtigkeit. In den anschließenden Klage- und Versöhnungsarien, der infolge ihres unsäglichen Hasses dezimierten Familien, schlägt Shakespeares Reuedramaturgie wieder grausam zu.
Alles in Allem ist Mona Kraushaar aber eine frische auch über 3:15 h nie langweilige Inszenierung gelungen, die mit der gut auf die Szenen abgestimmten Musik von Sebastian Herzfeld und der Sängerin Bobo eine weitere Überraschung parat hält. Gerade der helle Klang der hinreißenden Gesangstimme von Christiane Hebold, die mit ihrer Band „Bobo in White Wooden Houses“ in den 90er Jahren einige Erfolge feiern konnte und seit 2005 mit Vertonungen der Lyrik Else Lasker Schülers und Neuinterpretationen von Liedern der deutschen Romantik in der Folkszene brilliert, sorgen für zusätzlichen Genuss. Mona Kraushaars relativ unverfälschte und romantische Version der alten Liebestragödie weiß so zu überzeugen und ist ein guter Einstieg für junge Leute die Shakespeare entdecken wollen, vermag aber durchaus auch Kenner zu fesseln. Es bleibt zu hoffen, dass weitere solcher Inszenierungen von jungen RegisseurInnen das verstaubte Image des BE etwas aufmöbeln können und Thomas Brasch nicht nur als Übersetzer, sondern endlich auch als Autor wiederentdeckt wird.

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