Der Wotan vom Prenzlauer Berg oder VEB Eisenwaren am Grünen Hügel

 wagner_family_1881.jpg Wagnerfamilie mit Freunden 1881 vor der Villa Wahnfried in Bayreuth.
Foto: gemeinfrei unter wikimedia commons

Frank Castorf inszeniert den Ring zum Wagnerjubiläum, ganz wie im Traum

Nachts im Intendantenbüro der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz. Frank Castorf sitzt an seinem Schreibtisch und liest die Bild-Zeitung. Titel: „Wahnsinn! Castorf, der Wahnfried des Ostens, ist im Gespräch für den Jubiläums-Ring in Bayreuth“.

Castorf: Das wird gigantisch, jetzt zeig ich diesen Spießbürgern auf dem Hügel mal, wo der Wotan seinen Speer hängen hat. Bis zum Anschlag schieb ich denen das Ding in ihren bigotten Bildungsbürgerarsch. Mit Waffen wehrt sich der Mann. Da kippt selbst die Katharina aus ihrem Brünnhildengewand. Und die ganze Familie nehme ich mit nach Bayreuth. Den Wotan macht natürlich der Hübchen, den krieg ich schon irgendwie raus aus seiner brandenburgischen Datsche. Und meine Damenriege erst mal, als Walküren unschlagbar. Wer könnte den Siegfried spielen? Mit blonder Perücke geht vielleicht der Wuttke als Siegfried durch und für den Rest finde ich auch noch ein paar Nazi-Statisten. Das Bühnenbild baut wie immer der Bert. Wir stapeln da einfach ein paar alte Container übereinander und werfen `ne Menge Schrott auf die Bühne, fertig ist das Walhall. Und einen neuen Text braucht die Schmonzette natürlich. Das macht der René, der hat schon den Nietzsche so toll beballert. Ein paar schön sinnlose Diskursschleifen und die Bayreuther Schickeria weiß nicht mehr wo das Walhall liegt. Er nimmt das Textbuch und fängt an zu lesen:
Weia! Waga!
Woge, du Welle!
Walle zur Wiege!
Wagalaweia!
Wallala weiala weia!
Daraus lässt sich doch sicher noch was Politisches machen und den Heiner Müller kriegen wir da auch noch irgendwie rein. Einen Dramaturgen brauche ich natürlich noch. So ein Mist! Alle weg. Der Rosinski macht jetzt bestimmt Störtebeker-Festspiele an der Ostsee. Ob der Matthias Lust hat? Nee, viel zu kommerziell und zu wenig postmigrantisch. Ich rufe den Carl an, der ist ja sozusagen eine Wagner-Koryphäe. Aber der ist ja jetzt beim Baumgarten unter Vertrag. Immer muss der mir alles wegnehmen, erst die Kathrin und dann den Hegemann. Aber die Sophie hält zu mir, die macht die Brünnhilde. Festspielerfahrung als Buhlschaft hat sie auch, und singen kann die, da legen die in Bayreuth die Ohren an. Er springt auf den Tisch und fängt an zu singen:
Nun zäume dein Roß, reisige Maid!
Bald entbrennt brünstiger Streit:
Brünnhilde stürme zum Kampf,
dem Wälsung kiese sie Sieg!
Hojotoho! Hojotoho!
Heiaha! Heiaha! Hojotoho! Heiaha!

Das Stalin-Bild an der Wand wackelt bedrohlich.
Dann klingelt das Telefon.

Castorf: Hallo?
Stimme aus dem Telefon: Hallo Frank, hier ist der Christoph.
Castorf: Christoph? Wie jetzt? DER Christoph?
Schlingensief: Ja, Frank, ich bin`s der Christoph, mir ist so fad auf der Wolke und da dachte ich: Ruf doch mal den Frank an. Wie geht’s denn so?
Castorf: Dich schickt der Himmel… Äh, ich meine natürlich: Lustig im Leid sing ich von Liebe; wonnig aus Weh web ich mein Lied: nur Sehnende kennen den Sinn!
Schlingensief: Oh ja, der Wagner. Das hat sich hier schon rumgesprochen. Der alte Richard und vor allem der Wolfgang machen sich so ihre Sorgen. Hast du denn schon einen Plan?
Castorf: Na klar, alles im Griff. Ein Schwert verhieß mir der Vater, ich fand es in höchster Not. Und jetzt schmiede ich eiserne Pläne für Bayreuth. Da wechsele ich erst mal alle Schrauben aus. Da bleibt kein Stein auf dem anderen.
Schlingensief: Frank, denk daran, es ist einsam da oben auf dem Hügel. Ich will dir einen Rat geben. Was du nicht weißt, weiß ich für dich…
Castorf: Ach ja? Das kenne ich schon. Mein Filz, mein Fett, mein Hase. Kannst du den Weg mir weisen, so rede: vermagst du’s nicht, so halte dein Maul!
Schlingensief: Wirr wird mir, seit ich erwacht: wild und kraus kreist die Welt! Drum sieh, wie den Sturm du bestehst: ich Lustiger laß‘ dich nun im Stich! Legt auf.
Castorf: Christoph? Christoooph! Scheiße, der hat mir nicht mal seine Nummer gegeben. Ach, ich weiß doch selbst, wo der Hase lang läuft. Mir braucht keiner mehr die Bilder zu erklären. Zieh hin! Ich kann dich nicht halten!

Der Morgen graut. Die Sekretärin kommt ins Zimmer.

Castorf: Heil dir, Sonne! Heil dir, Licht! Heil dir, leuchtender Tag!
Sekretärin: Na, wieder das ganze Wochenende durchgearbeitet, kann ich endlich den neuen Spielplan veröffentlichen?
Castorf: Wir brauchen keinen neuen Spielplan mehr, ich geh nach Bayreuth. Der Christoph hat angerufen. Sollen die doch die Volksbühne dem Peymann geben. Hier kommen doch auch nur noch Rentner her. Diese Freizeitrevoluzzer habe ich dicke.
Sekretärin: Geht`s noch? Christoph? Sie wollten doch nicht mehr in alten Zeiten schwelgen. Ich geh dann mal einen starken Kaffee kochen. Wirft eine frische Bild-Zeitung auf den Tisch und geht.
Castorf: Ja, ja, und such mir mal die Nummer von MVS raus, wir brauchen jede Menge Container.
Liest die Zeitung: Überraschung am Grünen Hügel: Frau und Ossi. Das Bayreuther Damendoppel nominiert nun doch eine Doppelquote für den Ring 2013. Nach dem peinlichen Anmelde-Debakel von Peter Schwenkows Wannseefestspielen kommt Katharina Thalbach von Berlin nach Bayreuth. Im Gepäck hat sie eine posthum herausgekommene Ringfassung von Christoph Schlingensief. Aino Laberenz wird für die Kostüme verantwortlich sein und den Wotan gibt aller Voraussicht nach Volker Spengler.
Der Volker! Warum weiß ich da nichts von? Deswegen schwänzt der hier. Haben die mich jetzt alle verraten? Sogar die Aino… Weiber!
Des Hasses Frucht hegt eine Frau, des Neides Kraft kreißt ihr im Schoß: Das Wunder gelang den Liebelosen.
Dann inszeniere ich den Ring eben hier an der Volksbühne, bis 2013 habe ich ja noch Zeit. Vielleicht macht ja auch der Johann Kresnik mit. Den rufe ich jetzt an und dann gibt’s Götterdämmerung und Schweinehälften satt. Der Meese kann die Merkel mit Pickelhaube und Schweißflecken geben und den Herbert lasse ich dann noch den Tristan und die Meistersänger als Klamotte aufführen. Was für eine Gaudi!

Götterdämm’rung, dunkle herauf!
Nacht der Vernichtung, neble herein!
Der alte Sturm, die alte Müh‘!
Doch stand muß ich hier halten!
Des Speeres Splitter fest in der Hand.

Elke!!! Gibt’s noch Kartoffelsalat in der Kantine?

ENDE

Unter Verwendung von Texten aus dem Libretto des Rings von Richard Wagner.

Deutschlandsuche99 Wagner lebte schon vor 12 Jahren an der Volksbühne. Sex im Ring, Christoph Schlingensief bei der Aktion Deuschlandsuche 99.
Foto von Schreibraft unter Creative Commons-Lizenzbei wikimedia commons.

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