Wenn´s vorne juckt und hinten beißt – Der eingebildete Kranke von Molière in einer Version des Hexenkessel Hoftheaters

  Foto: St. B. dsc04413.JPGDas Theatergelände auf dem Bunkerdach neben dem Amphitheater an der Monbijoustraße.

Seit vier Jahren steht es nun gegenüber dem Bodemuseum, das Amphitheater am Rande des Monbijouparks. Die Truppe des Hexenkessel Hoftheaters bespielt es von Juni an bis in den September mit mindestens drei Stücken pro Saison. Gegründet 1994 in einem Berliner Hinterhof, fühlt man sich dem fahrenden Theatervolk verwandt und der Comedia dell’arte und Shakespeare verpflichtet. Immer unter freien Himmel, bei Wind und Wetter gibt es von Dienstag bis Samstag täglich zwei Stücke hintereinander und am Sonntag noch das Improtheater mit Turbine William wie die Birne. Nur Montag ist spielfrei und man überlässt dem musizierenden Volk die Bühne. In den letzen Jahren gab es Shakespeares „Sommernachtstraum“ mit zirzensischen Kunststücken, „Viel Lärm um Nichts“, eine sehr moderne Version von „Romeo und Julia“ oder den „Sturm“ im wahrsten Sinne des Wortes. Den gibt es freilich meist gratis inklusive Regen direkt vom freien Himmel dazu.

Nachdem es das Wetter ja bekanntermaßen mit den Open-Air-Verrückten in den letzten Tagen nicht so besonders gut meinte, scheint pünktlich seit Dienstag wieder die Sonne und die Gaukler bevölkern weiter unermüdlich die Bühne des Amphitheaters. Neben Shakespeares „Wintermärchen“, in einer zwischen Humor und Melancholie schwankenden Sparvariante für drei Schauspieler, einen Erzähler sowie hungrigen Tanzbären, sind noch Goldonis „Diener zweier Herren“ und seit Ende Juli auch „Der Eingebildete Kranke“ von Molière zu sehen. Dieses Stück des französischen Komödienautors entbehrt nicht einer gewissen Tragik, ist es doch das letzte Stück Molieres, der 1673, selbst in der Rolle des Argan, auf der Bühne einen krankheitsbedingten Anfall erlitt und daheim in den Armen zweier Nonnen verstarb.

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Die Hauptrolle hat wieder der aus dem ehemaligen Orphtheater bekannte Matthias Horn übernommen, der letztes Jahr schon als Schwerenöter Don Juan sein komödiantisches Talent unter Beweis stellen konnte. Trotz allem geliebten Klamauk, will man aber auch im Hexenkessel Hoftheater nicht ganz den Bezug zur grauen Wirklichkeit verlieren und so hat man sich, wenn auch mit einem lachenden Auge, die Gesundheitsreform und den Pflegenotstand vorgenommen. Matthias Horn, der Leiter des Theaters im Schokohof, spielt hier, nur einige Straßen von seinem Hinterhoftheater entfernt, einen Argan, wie man ihn sonst wohl eher selten zu sehen bekommt. Der unfreiwillige und natürlich auch eingebildete Kranke nämlich, hängt zu Beginn wie in Leonardo Da Vincis Proportionsstudie nach Vitruv im Rad und wird an Leib und Organen geschröpft, was sein Corpus Hermeticum so hergibt. Dazu wird aus dem Off Lazarus angerufen, der die Seele rüstig erhalten soll, da ihr Gefäß, der Körper zerbirst.
Es wird allerdings nicht ganz klar, ob der arme Lazarus aus dem Lukasevangelium oder der auferstandene Lazarus des Johannesevangelium gemeint ist. Eine Mischung aus beiden scheint möglich, der gepeinigt Reiche, der für seine Gesundheit alles über sich ergehen lässt, wie auch der Arme der nur noch als menschliches Ersatzteillager taugt. Eine Auferstehung ohne das nötige Kleingeld scheint unerreichbar. Vielleicht interpretiert man da aber auch schon zu viel hinein, letztendlich ist hier wohl eher die Zunft der Ärzte gemeint, die nicht nur bei Einläufen am gequälten Argan buchstäblich aus Scheiße Geld macht. Mit großen Gummihandschuhen greift Dr. Purgon (Tobias Schulze) nach den ihm hingehaltenen Scheinen.

Jean-Baptiste Molière (1622 – 1673)moliere_12.jpg

Damit ist der Ausflug ins Regietheater (Regie: Jan Zimmermann) aber auch schon vorbei und die Kritik am Gesundheitssystem hat sich im Großen und Ganzen erledigt. Es spult sich nun die absehbare, mit allen familiären Verwicklungen und dem im Hexenkessel Hoftheater üblichen mimischen und gestischen Furor ausgeschmückte Story des Hypochonders und Geizkragens Argan ab, der sich seiner untreuen zweiten Gattin Galantine (Katja Höppner) erwären muss, die nur nach seinem versteckten Reichtum giert. Matthias Horn gibt den Argan mal als aufbrausenden, dann wieder luschigen Grantler, der nur denen glaubt, die ihn noch in seinen größten Wahnvorstellungen bestärken und in allen anderen seinen frühen Tod sieht. Im wattierten Strampler und mit Stock sitzt er im Krankenstuhl und jammert nach belieben oder macht das Personal runter.
Nebenbei kommt es dem, in seiner eingebildeten Krankheit völlig Aufgehenden und alle damit Tyrannisierenden, ganz gelegen, dass der Neffe seines Arztes sich mit seiner Tochter Angélique (Rebekka Köbernick) vermählen will. Den angehenden Mediziner und eigentlichen Quacksalber Grimois Diaforius gibt zur Überraschung aller, mit viel Sinn für Slapstick und wortgewaltig wie immer, die gute Seele des Hexenkessel Hoftheaters Carsta Zimmermann, die auch noch in der Rolle des Zimmermädchens Toinette brilliert. Dass das Geschwafel des Aufschneiders auf Angélique nicht viel Eindruck macht, ist schnell klar. Dieses mit schwarzen Tränenläufen geschminkte Emogirlie steht eher auf den smarten Tänzer und vertretungsbedingten Gesangslehrer Cléante (Vlad Chiriac mit Rose) und ist todunglücklich, ob der Wahl ihres geliebten Vaters, der mit den Sangeskünsten der beiden nicht viel anfangen kann und nur ein verächtliches: „Wenn das Kunst ist, kann das weg.“ übrig hat.

Foto: St. B. dsc04456.JPG Volles Haus im Amphitheater.

Es geht hoch her im Hexenkessel, begleitet mit reichlich Szenenapplaus für die Protagonisten, die auch immer mal wieder zu den Klängen des Akkordeons von Eugen Schwabauer eine Liedchen anstimmen oder die treppenreiche Holzbühne artistisch für so manchen Slapstick nutzen. Ein all zu boulevardeskes Tür auf Tür zu bleibt uns aber weitestgehend erspart. In einer für das Hexenkessel Hoftheater typischen Traumsequenz kommt Gevatter Tod auf Stelzen und zeigt Argan die abgelaufene Sanduhr. Er lässt sich aber schließlich erweichen, zwecks Entlarvung der gierigen Hinterbliebenen, die in Folge des vermeintlichen Ablebens des Kranken all zu erfreut sind, die Uhr wieder zu drehen. So kann Argan die Hinterhältigkeit seiner Frau und ihres Geliebten Bonnefoi (wieder Tobias Schulze) erkennen und sie verjagen.
Der Text ist mit reichlich Anspielungen gewürzt, allein es fehlt das wirklich Bissige aus Molières satirischer Komödie. Das eigentlich befreiende Lachen über dieses listige Spiel mit dem Tod tritt in den Hintergrund zu Gunsten des schnellen Gags und Verlachens der komischen Figuren. Es wurde stark im Text und bei den Figuren gekürzt, was wohl der beschränkten Zahl der Ensemblemitglieder geschuldet ist. Das Ende der Story kommt dann auch etwas zu unvermittelt daher. Die Belehrung und Erhebung des eingebildeten Kranken selbst in den Ärztestand fällt aus und Angélique bekommt ohne Umschweife ihren Cléante. Schnelles Happy End und abgeblendt. Dieser all zu kurze aber sicher gut gemeinte Versuch, Molière auf die leichte Schulter zu nehmen, wirkt ob des Gedankens Witzesblässe leider etwas angekränkelt. Den Zuschauer wird das nicht vom Besuch des Amphitheaters abhalten, ein ausverkauftes Haus sei den vom Wetter in diesem Jahr nicht gerade verwöhnten Schauspielern weiterhin vergönnt. Es stehen ja noch einige Wochen vor dem durchweg mit höchstem Einsatz spielenden Ensemble.

Foto: St. B. dsc04457.JPG Viel Beifall für das hervorragende Ensemble.

Die nächsten Open-Air-Theater-Premieren in Berlin:

  • 17.08.11, UFA-Fabrik Berlin-Tempelhof, Viktoriastr. 10-18

LA LUNA, LUNA; Das Ton und Kirschen Wandertheater zeigt das Leben und Werk von Federico Garcia Lorca.

MARIA UND ELISABETH nach Friedrich Schiller vom Gefängnistheater aufBruch

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